Die Marquise von O. im Münster, Wolfgang-Borchert-Theater

Eine entschlossene Frau

Edle Stühle stehen auf der Bühne, irgendwo zwischen Empire und Biedermeier angesiedelt. Doch ihre Zierlichkeit täuscht ganz gewaltig. Denn auf ihnen nehmen die Ankläger der Marquise von O. Platz, ihre Eltern und ihr Bruder, die ihr nicht glauben, dass sie ohne ihr Wissen schwanger geworden ist. Doch statt sich zu fügen, den Rauswurf des wütenden Vaters stillschweigend hinzunehmen, wehrt sich die Marquise. Sie annonciert in einer Zeitung, „Daß sie ohne ihr Wissen in andere Umstände gekommen sei, daß der Vater zu dem Kinde. das sie gebären würde, sich melden solle.“

Eine Frau, die sich wehrt, sich gegen ihre Eltern stellt und die Folgen einer möglichen Vergewaltigung nicht schamvoll verschweigt? Das wären für Regisseurin Tanja Weidner Steilvorlagen gewesen für eine deutliche, klare Aktualisierung. Doch sie widersteht diesen Versuchungen. Stattdessen lässt Weidner die Marquise selbst erzählen, schafft aus Heinrich von Kleists Die Marquise von O. einen Monolog für eine Schauspielerin und entwickelt aus dem Text heraus das Portrait einer Frau, die aus den an ihr geäußerten Zweifeln Selbstbewusstsein entwickelt und entschlossen handelt.

Zu Beginn sehen wir die Frau zwischen Papierbahnen, die an Metallständern befestigt sind - dürftige Wände, die keinem Sturm standhalten werden. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Auch die Stola der Frau ist aus Papier. In dieser Umgebung sind Schutz und Geborgenheit ganz sicher Fremdworte.

Und dann beginnt Rosana Cleve zu sprechen. Und wir hören ihr zu. Und hängen an ihren Lippen. Denn Cleve zeigt ihre Figur unglaublich authentisch. Es ist nicht nur das breite Emotionsspektrum, das sie zu vermitteln in der Lage ist. Vor allem können wir nachvollziehen, dass sich ihr Tun entwickelt aus ganz viel Angst, Ungläubigkeit ob ihrer Schwangerschaft. Dann ist in ihr der anerzogene Respekt vor der Familie und der Autorität des Vaters. Doch sie weiß, dass sie unschuldig ist. Dieser Gedanke gewinnt in ihr Oberhand, bricht Bahn und bestimmt ihr Handeln. Das alles vermittelt Rosana Cleve uns hautnah. Das geht alles so wunderbar leise ab mit ganz viel Zwischentönen und bedarf keiner großen, eruptiven Gefühlsausbrüche.

Dafür beginnt sie, die Papierwände einzureißen - eine nach der anderen. Sie zieht eine Sprühdose hervor und verunziert die nutzlosen Begrenzungen, weitet ihren Blick und sieht ihre Ziele vor sich.

Mit Rosana Cleve hat Tanja Weidner eine kongeniale Verbündete gefunden. Die beiden zeigen uns die Marquise von O. als ganz moderne Frau, die ihre Selbstzweifel lernt beiseite zu schieben und autonom für sich zu handeln.

Mit ihrem Fokus auf die Titelfigur schafft Tanja Weidner in ihrer Fassung eine konzentrierte Sicht auf die Erzählung und das bei unter Beweis gestelltem Respekt vor und sehr sensiblem Umgang mit dem Text - ein wirkliches Kleist-Kleinod ist da am Hafen in Münster entstanden. Glückwunsch!