Hundeherz im Schauspielhaus Düsseldorf

Hirnanhangdrüsentransplantationskatastrophe

Professor Filipp Filippowitsch Preobraschenski ist ein Spezialist für Verjüngungsoperationen. Von Michail Bulgakow bereits im Jahre 1925 erschaffen, muss er sich noch keiner Anfeindungen wegen moralisch bedenklicher Tierversuche erwehren. Im Gegenteil: Er wird gefeiert, denn ihm gelingt Ungeheuerliches. Die Transplantation der Hoden und der Hirnanhangdrüse eines kleinkriminellen Trinkers in den Hundeleib macht aus Lumpi einen Menschen. So weit hergeholt war das in den 1920er Jahren nicht: Der französische Physiologe Serge Voronov, der damals mit der Transplantation von Affenhoden in alternde Männer einen Verjüngungseffekt erzielen wollte, wurde für solch bahnbrechende Experimente mehrfach für den Nobelpreis vorgeschlagen. Auch Professor Preobraschenski wird von seinem Assistenten Dr. Bormenthal anfangs als Schöpfer des neuen Menschen ausgerufen. Mit dem Nobelpreis wäre es allerdings wohl nichts geworden: Preobraschenski geht es um eine Veredelung des Menschengeschlechts, doch heraus kommt ein Monster. Und dieses Monster ist ein Klon: eine ins Monströse gewendete Kopie des Kleinkriminellen Klim. Im Hinblick auf das allgemeine Sozialverhalten geht Lumpis Menschwerdung krachend schief. Die Hirnanhangdrüse des Säufers und Mundräubers Klim lebt in Lumpi fort. Und wie sich herausstellt, bestimmt die Hypophyse das Wesen des Menschen.

Der brave, zutrauliche Lumpi mit seinem Hang zu poetisch-melancholischer Reflexion existiert nicht mehr. Mit einer gewissen Faszination schauen wir am Düsseldorfer Schauspielhaus dem hinreißenden Torben Kessler zu, wie er sich nach und nach vom Hund in einen Menschen verwandelt: Noch pinkelt er wie ein Straßenköter, doch spielt er schon die Balalaika. Lumpi lernt nicht nur das Sprechen, sondern er bekommt auch einen sprechenden Namen: Polygraph Polygraphowitsch Lumpikow. Seine Sprache ist die eines Lumpen: Gossensprache. Hatte Lumpi sich zuvor noch wohlig in Preobraschenskis Arbeitszimmer gekauert und sein Behagen darüber geäußert, in der Wohnung nicht nur eines Bürgers, sondern sogar eines Herrn gelandet zu sein, greift Lumpikow nun die Bourgeoisie an. Als veritabler Klassenkämpfer nutzt er die Vorschriften der neuen sozialistischen Machthaber, denen zufolge den in großzügig dimensionierten Wohnungen hausenden Großbürgern par ordre du mufti manch zwielichtiges Gesindel als Mitbewohner zugewiesen werden kann, und legt seine Pfoten auf ihm vermeintlich zustehende 55 Quadratmeter in Preobraschenskis Haus. Er verbündet sich mit der proletarischen Hausverwaltung - Proleten halt, die wie der Hund während seines Transformationsprozesses noch mit den Händen im Salat manschen. Sein Ehrgeiz geht auf eine bunte Jacke („glitzernder Kokolores“ schimpft Andreas Grothgars Preobraschenski und zwingt ihn in dezentere Kleider), stiehlt und bezichtigt das Hausmädchen Sina (Lou Strenger) des Diebstahls. Dass er auf blutrünstige Weise Katzen jagt, kann er leicht rechtfertigen, hat er doch mit Hilfe seiner korrupten Proletarier-Freunde das Amt des „Vorsitzenden der Unterabteilung für die Bereinigung der Stadt Moskau von wild streunenden Tieren“ ergattert. Doch als er regelmäßig die von ihm abhängige Sekretärin Fräulein Wasnezowa sexuell belästigt, geht’s ihm wieder an die Hypophyse: Lumpikow kriegt wieder seine alten Köterhoden und die hündische Hirnanhangdrüse eingepflanzt und regrediert wieder zum braven Hund. Bei Bulgakow kuschelt er sich wohlig aufs Sofa; bei Regisseur Evgeny Titov in Düsseldorf dagegen wird er auf mitleiderregende, ja: geradezu empörende Weise servil. Er putzt das Klo und repetiert die Lektionen, die er in seinem kurzen Menschenleben gelernt hat. Am Ende sitzt das bedauernswerte Geschöpf mit nachwachsendem Fell nackt auf dem Lokusdeckel und spricht die letzten Bulgakow-Sätze: „Glück gehabt. Ich bin längst Teil dieser Gesellschaft ... Ich weiß, was mit mir nicht stimmt … der Neufundländer!“ Zerschunden sitzt er da, ein bedauernswertes Geschöpf. An sein „Bis ich heirate, wird das schon wieder“, mag der aufgeklärte Zuschauer nicht glauben.

Über weite Strecken nimmt Evgeni Titows Düsseldorfer Inszenierung die Perspektive Lumpis ein. Wenn Torben Kessler mit Hundekopf draußen im Schnee kurz vor dem Erfrieren mit poetischen Worten sein Leben an sich vorbeidefilieren lässt und bedauernd feststellt, jetzt endgültig auf den Hund gekommen zu sein, fliegen ihm unsere Sympathien zu - und bleiben dort, solange der Hund das Leben in der luxuriösen Umgebung genießt (Falko Herold hat völlig ironiefrei ein nahezu naturalistisches großzügiges Arbeits- und Wohnzimmer im Stile der 1920er Jahre gebaut). Torsten Kessler brilliert in dem sich der ersten Operation anschließenden Transformationsprozess zum Menschen mit der phantasievollen Körpersprache eines Wesens, das eben noch halb Hund und schon halb Mensch ist, und das grobschlächtige sprachliche und soziale Verhalten entschuldigen wir gerne. Am Ende gewinnt Lumpi gar unser Mitleid als geschundenes, seiner guten Hundeseele und seines Selbstbewusstseins beraubtes Wesen. Dazwischen aber haben wir es mit einem niederträchtigen Menschen zu tun - oder gar gleich mit der Niedertracht der Menschen? Der Eingriff der Forschung in die natürliche Entwicklung des Lebens führt jedenfalls zu Missvergnügen auf allen Seiten. Die Elite hat sich ein Wesen geschaffen, von dem sie vernichtet werden kann.   

Bis es zu dieser Erkenntnis kommt, schreitet die Aufführung bisweilen allzu betulich voran. Ein paar sensible Seelen unter den Zuschauern bemängelten bei der Premiere den großzügigen Einsatz von Theaterblut, als Lumpikow auf Katerjagd geht. Doch genau da, als die Eskalation gefährlich und für den Großbürger - den russischen ebenso wie den Düsseldorfer - unästhetisch zu werden droht, wird die Inszenierung packend. Es ist ausgerechnet die Schauspielerin mit der kleinsten Rolle und dem geringsten Redeanteil, die die Wende zum Guten Wahren Hässlichen bringt. Stumm erduldet Cornelia Gross als Wjasenskaja die Vergewaltigung durch den mit einem Katzenfell bekleideten Lumpikow, stumm blättert sie anschließend in einer Zeitschrift. Dann sagt sie unbewegt: „Ich werde mich vergiften.“ Es ist die erste Szene, die wirklich zu Herzen geht. Ab jetzt versinkt alles in Düsternis und Depression. Alle werden zu Verlierern, der zum Hund zurückoperierte Lumpi, die erstarrte Sina, der entsetzte Bormenthal. Und auch der moderne Frankenstein, Professor Filipp Filippowitsch Preobraschenski, wirkt verdammt verloren, wenn er mit einem kümmerlichen Weihnachtsbaum die Praxis entert und Friede Freude Eierkuchen spielen will.

Bulgakows vielschichtige Novelle mit ihren zwar satirisch, aber doch vielseitig und bewusst uneindeutig gezeichneten Charakteren lässt sich im Wesentlichen unter drei verschiedenen Gesichtspunkten betrachten. Da ist einerseits das Frankenstein-/Homunculus-Drama. Auch bei der vordergründig ganz im historischen Kontext verbleibenden Erzählweise in Düsseldorf denkt man unwillkürlich an die angeblich von dem chinesischen Wissenschaftler He Jiankui geschaffenen genmanipulierten Babys. Aus heutiger Sicht stellt die Novelle sicher auch die Frage, wie weit der Mensch in seinem Forschungsdrang gehen darf und wann wissenschaftliche Forschung zur Gefahr wird. Aus der Düsseldorfer Inszenierung lässt sich das herauslesen; allerdings erfordert das en eigenständiges Weiterdenken beim Zuschauer. Gelenkt wird der Zuschauer von Evgeny Titov und seinen Schauspielern nicht - sie bleiben allzu sehr im historischen Kontext.

Ergänzend zur Frankenstein-Lesart lässt sich der Stoff unter dem Blickwinkel einer Horror- und Fantasy-Geschichte betrachten. In einem im Programmheft abgedruckten Gespräch mit der Dramaturgin Janine Ortiz weist der Übersetzer Alexander Nitzberg darauf hin, dass Lumpis Operation fast wie eine schwarze Messe zelebriert werde. Titovs Inszenierung nimmt diesen Hinweis auf: Während Lou Strenger bei der Operation von Lumpi zum Menschen noch diskret die Tür zum Operationssaal schließt, erleben wir die - keineswegs freiwillige - Rückoperation von Lumpikow zum Hund live und in Farbe mit. In blutroter Farbe: Da bleibt kein Kleidungsstück trocken. Das viele Theaterblut erfüllt hier seinen Zweck: Es versinnbildlicht die rohe Gewalt und den Verstoß gegen das Recht auf Selbstbestimmung, die auch der Patient wider Willen mit diesem Eingriff erfährt.

Etwas unterbelichtet erscheint in Düsseldorf die politische Kritik Bulgakows an der überhand nehmenden Bürokratie, an der von Lenin durchgesetzten Neuen Ökonomischen Politik, am Vordringen der Apparatschiks im Beamtenstand sowie an Stalins Idee vom „neuen sowjetischen Menschen“. Dieser Aspekt hat immerhin dazu geführt, dass Bulgakows Text als einer der ersten vom Sowjet-Regime verboten wurde. Er durfte in der Sowjetunion trotz mehrfacher Versuche des Autors, ihn in den politischen Machthabern akzeptablerer Form umzuschreiben, erst mehr als 60 Jahre nach seinem Entstehen erscheinen. Wer diesen Blickwinkel stärker in den Vordergrund gerückt sehen will, kann nur 50 Kilometer rheinaufwärts eine vollkommen anders daherkommende, stärker abstrahierende und fokussierende Inszenierung sehen, die sich auf nur drei Schauspieler beschränkt. Bei Kathrin Mayr am Theater im Bauturm Köln, die unter dem neueren Titel Das hündische Herz antritt (theater:pur-Rezension hier), tritt die Polit-Satire stärker in den Vordergrund, ohne dass die übrigen Aspekte vernachlässigt werden; Lumpikow wirkt dadurch weniger niederträchtig, weil die Anarchie des von Mario Neumann verschmitzt gespielten Hundes eine erfrischende Gegenposition zur bürokratischen Kleingeistigkeit des Regimes darstellt. Beide Varianten sind sehenswert.