Tartuffe im Theater Krefeld

Tartuffe, ein Mann ohne Moral, ein Wolf im Schafspelz

Als Tartuffe am 12. Mai 1664 in Paris zur Uraufführung kam, löste Molières scharfe Kritik am religiösen Heuchlertum einen Theaterskandal aus. Die Zensur schritt ein und das Stück wurde verboten. Erst eine dritte Fassung fand Gnade vor den Augen der Behörde und des Königs. Sie ist die heute noch gültige Version.

Der reiche Bürger Orgon hat alles, was man sich wünschen kann: ein Vermögen, zwei wohl geratene Kinder, Mariane und Damis, und eine sehr junge, attraktive zweite Ehefrau, Elmire. Trotzdem scheint da etwas zu sein, dass bei ihm ein Gefühl des Mangels erzeugt, eine Leerstelle, ein Vakuum. In diesem Zustand lernt er Tartuffe kennen. Er ist fasziniert von dessen Frömmigkeit und persönlicher Ausstrahlung. Tartuffe, ein Meister der Verstellung und Verführung, macht sich schnell bei seinem ahnungslosen Opfer, das ihn in sein Haus geholt hat, unentbehrlich. Über die Familie kommt er wie ein Wirbelsturm, ist doch von einem Tag zum andern nichts mehr so, wie es vorher einmal war. Auf einmal sind alle Vergnügungen verboten. Weder Elmire, noch Mariane und Damis kommen an Orgon heran, der keinem vernünftigen Argument mehr zugänglich ist und bald dem Betrüger Haus und Vermögen überschreibt. Um seine Macht zu demonstrieren, bricht Orgon schließlich sogar sein Wort, das er dem jungen Herrn Valère zum Einverständnis in die Ehe mit seiner Tochter Mariane gegeben hat. Sie soll nun Tartuffe heiraten, der seinerseits eine Affäre mit der Hausherrin anstrebt. Die Komödie nimmt ihren Lauf.

Dedi Baron studierte Regie am Theaterinstitut der Universität Tel Aviv und hat seit Ende der 1980er-ahre an verschiedenen Theatern in Israel und seit 2006 auch in Deutschland inszeniert. In der Spielzeit 2017/2018 beeindruckte ihre Interpretation von David Grossmanns Aus der Zeit fallen am Theater Krefeld Mönchengladbach. Mit ihrer Inszenierung von Tartuffe zeigt Baron, wie aktuell diese Geschichte von menschlicher Verführbarkeit, Bigotterie und Parasitismus ist. Was natürlich problemlos auch auf die politische Bühne zu übertragen wäre.

Die Bühne weist nur verschieden große Bälle oder Kugeln auf, keinerlei Mobiliar oder andere Requisiten. Dies trägt zum zeitlosen Charakter der Inszenierung bei. Die Bühnenrückwand lässt sich nach vorne oder hinten bewegen, so dass sich die Größe der Spielfläche verkleinert bzw. vergrößert. Eine Schwingtür in der Mitte erlaubt schnelle Auftritte und Abgänge. All dies passt zum Tempo dieser Komödie und lässt die Akteure unsicher ihren Weg bzw. Halt suchen. Im wahrsten Sinne des Wortes wie auch sonst. Dorine, die redegewandte und sehr selbstbewusste Zofe von Mariane, wird herrlich frech und witzig von Carolin Schupa gespielt. Durchschaut sie doch als erste den Betrüger Tartuffe und plant daraufhin einen Gegenzug. Sie spricht mit französischem Akzent, was sie von den Mitgliedern der Familie unterscheidet. Bruno Winzen überzeugt als Orgon, der dem frömmelnden Betrüger verfällt und erst durch massive Beweise, die seine Frau (Esther Keil) erbringt, seinen Irrtum einsieht. Mariane (Vera Maria Schmidt) und Valère (Philipp Sommer) geben das naive, verliebte junge Paar, Paul Steinbach Damis, Orgons Sohn, der nicht immer lange überlegt, wie er handeln will. Zweifelsohne im Zentrum des Abends: Henning Kallweit als Tartuffe, den der Dichter erst relativ spät im Stück auftreten lässt, nachdem er von den Mitgliedern dieser anscheinend neureichen Familie - es glänzt golden überall, an den Schuhen, besser an den Birkenstocksandalen, an der Kleidung, überall protziger Schmuck - bereits gründlich durchgehechelt wurde. Scheinbar bescheiden tritt er auf, ein schmaler, ganz in Schwarz gekleideter Mann. Erst im weiteren Verlauf der Handlung lässt er nach und nach die Maske fallen und zeigt - immer dreister und unverschämter - seine wahren Interessen.

Am Ende wird der Betrüger, der schon triumphierte, letztlich doch noch auf Geheiß des Königs verhaftet.

Baron ist ein herrlich unterhaltsamer Abend gelungen. Das insgesamt äußerst spielfreudige Ensemble - hier sind noch zu erwähnen Adrian Linke als Schwager Cléante und Joachim Henschke als Orgons Mutter, die zunächst auch noch dem scheinbar untadeligen Tartuffe glaubt - trägt sicherlich zum Erfolg dieser temporeichen Komödie bei. Ein lohnender Theaterabend.