Die Tragödie eines alternden Italoamerikaners
Arthur Miller erzählt in seinem Stück Ein Blick von der Brücke (1955) die Tragödie eines alternden Hafenarbeiters. Eddie Carbone kam selbst als Kind aus Italien in die USA und musste sein Leben lang hart für einen bescheidenen Luxus schuften. Für seine Frau Beatrice und deren Nichte Catherine, die es einmal besser haben soll: raus aus dem Hafenviertel Red Hook, eine gute Stellung und irgendwann mal der richtige Mann. Die Brücke, auf die der Titel anspielt, ist die Brooklyn Bridge. Unter dieser Brücke liegt Red Hook, das Viertel, in dem vor allem italienische Hafenarbeiter leben. Eines Tages kommen mit einem Schiff aus Europa zwei Cousins von Beatrice an. Sie flohen vor Armut und Chancenlosigkeit in ihrer sizilianischen Heimat. Obwohl es Eddie nicht recht ist, kommen sie erst einmal in seinem bescheidenen Haus unter, Misstrauisch beobachtet er, wie Catherine sich in den jüngeren, Rodolpho, verliebt, einen freundlichen, jungen Mann, der sein Glück in den USA suchen und Amerikaner werden will. Eddie will sich nicht eingestehen, dass er mehr als ein onkelhaftes Interesse an Catherine hat. Die Anwältin Alfieri kann Eddie auch nicht den gewünschten Rat, wie er den Nebenbuhler loswerden kann, geben. Hat dieser doch außer der illegalen Einreise kein Verbrechen begangen. So verrät Eddie die beiden Männer an die Einwanderungsbehörde und macht sich mit dieser Tat zum Außenseiter.
Die USA sind schon immer ein Einwanderungsland gewesen. Deutschland ist es unbestritten jetzt auch, spätestens seit der Flüchtlingswelle 2015. Insofern ist die Thematik von Millers Stück durchaus aktuell. Neben den mehr allgemeinen Aspekten „illegale Einwanderung“ und dem Armutsgefälle zwischen verschiedenen Teilen der Welt (hier den reichen USA und dem armen Sizilien) geht es in dem Stück aber auch um Leidenschaft und Eifersucht, die letztlich zur Selbstzerstörung führt.
Armin Petras inszenierte Ein Blick von der Brücke am Düsseldorfer Schauspielhaus und richtet unseren Blick auf die Gegenwart, in der die Zersplitterung der Gesellschaft und die steigenden Migrationszahlen den Kampf um Wohlstand und Anerkennung noch verstärkt haben.
Zunächst sehen wir ein naturalistisches Bühnenbild. Die mit vielen Details ausgeschmückte Arbeiterwohnung von Eddie und Beatrice – ganz den Klischees entsprechend, von der Wäscheleine über das Kruzifix an der Wand bis hin zum Küchentisch, auf dem ständig Pasta gerollt wird. Eine Schreibmaschine ist wohl der Hinweis auf Catherines Berufswunsch Sekretärin.
Miller hat den Anwalt Alfieri als Mittler zum Publikum in sein Stück eingebaut. In Düsseldorf ist es eine junge Frau (Lea Ruckpaul), die immer wieder an den Rand der Bühne tritt und das Geschehen kommentiert: „Hier wird heute Abend eine Tragödie stattfinden.“ Und über Eddie: „Die Fremdheit sitzt in ihm selbst.“ Überhaupt wird das Wort Fremdheit häufig verwendet. Alfieri: „Wir brauchen mehr Fremdheit.“ „Verfremdung führt zur Erkenntnis.“
Cathleen Baumann ist Eddies Frau Beatrice, die sich von ihm sexuell vernachlässigt fühlt („Was stimmt nicht mit mir?“). Da hilft auch kein lasziver Verführungstanz im schwarzen Negligee mit Staubsauger. Lieke Hoppe gibt überzeugend die lebenslustige, sympathische Catherine, die sich in den naiv-freundlichen Rodolpho (Serkan Kaya) verliebt. Thiemo Schwarz spielt den älteren Cousin Marco, der wieder in die Heimat zu Frau und Kindern zurückkehren will, wenn er genug Geld verdient hat. Im Mittelpunkt des Abends: Wolfgang Michalek als Eddie. Hinreißend, wie er seine Verwandlung vom eher stur-ruhigen Mann, der alles stoisch betrachtet, zum verzweifelten Denunzianten spielt. Alfieri zum Publikum: „Eddie löst sich auf.“ Begründung: er suche seine Identität nur in der Vergangenheit.
Im zweiten Teil des Abends zerfällt das realistische Bühnenbild, die Szene wird offener. Auf der Bühne sieht man an den Stellwänden Werbeplakate, auch für ein Eros-Center. Eine Menschengruppe – alles Darsteller mit eindeutigem Migrationshintergrund – bewegt sich hin und her. Mal gehen sie, dann wieder kriechen sie. Ein plastisches Bild für den Strom der Migranten. Dieser Chor soll wohl durch sein Verhalten die Handlung kommentieren. Ist das nötig? Eindrucksvoll sicher, aber als Erläuterung nicht unbedingt nötig.
Petras, der in der vergangenen Spielzeit mit seiner Inszenierung von „1984“ begeisterte, gelingt insgesamt ein in weiten Teilen überzeugender Abend mit einem sehr guten Ensemble und einer packenden Thematik.