Amüsantes Lehrstück ohne Lehre
Im Dämmerlicht ein großer, geschwärzter Bühnenraum - ganz ohne Kulisse oder Requisite.
Die vielen im Zuschauerraum auf den Sitzen verteilten RESERVIERT-Schilder lassen vermuten, dass sich da Akteure - oder Statisten - unters Publikum mischen werden. Der Saal füllt sich, das Durchschnittsalter vermute ich um die Dreißig.
Dann wird’s stockdunkel und auf der Bühnenrückwand erscheinen gut lesbare Aufforderungen ans Publikum, das Wort zu ergreifen und in vorgegebenen Gruppen oder gemeinsam Texte zu sprechen. Dabei bilden sich ernsthafte wie auch skurrile Themen-Chöre, die wahllos aufeinander folgen. Interessanterweise finden sich für alle Sparten Mitsprecher, so etwa für den „Chor der nicht abgesicherten Mütter“, der „jungen Männer ohne festes Einkommen“, der „gut situierten Rentnerinnen“, der „Katholiken“ oder „Atheisten“, der „Wohlhabenden“ (spärlich besetzt, höchstens drei Stimmen) und letztendlich ein beachtlicher „Chor der Theaterwissenschaftler*innen “ (da saß wohl eine Studentengruppe im Saal). Beim Düsseldorfer Premierenpublikum kam diese Einstimmung bestens an: es gab Gelächter, Applaus und spontane Zwischenrufe.
Erst dann, nach diesem etwa zehnminütigen Mit-Sprechtheater, füllt sich der Bühnenraum: zu Trompetenstößen schreiten in bunter Prozession der „Chor der lokalen Delegierten“ und die Akteure Lisa Lucassen, Mieke Matzke und Berit Stumpf vom She-She-Pop-Kollektiv fahnenschwenkend auf die Spielfläche. Von Livemusik untermalt (Dirk Wittfeld, Trompete und Marc Gosemärker, Vibraphon) stellen sie sich vor in ihren diversen sozialen und privaten Rollen, grandios gestikulierend geht es mehr und mehr wild durcheinander, bis Lisa Lukassen als Ansagerin dem Kauderwelsch ein Ende bereitet.
Sie greift nach einer Fahne und zaubert aus dem aus alten Kleidern und Lumpen gefertigten Repräsentationsstück ein prachtvolles Gewand, das sie sich überwirft und ankündigt, worum es in dem folgenden Lehrstück zur Gentrifizierung - in Brechtscher Tradition unterteilt in Kapitel - gehen wird. Erstes Kapitel: „Katechismus des Eigentums“. Später folgen weitere Teile des Katechismus‘, dann „Fabeln von der Entmietung“ und ein „Epilog“.
Mieke Matzke ergreift in gleichfalls opulentem Fahnengewand die Rolle der aus einer Eckwohnung in Bilk entmieteten Schriftstellerin. Sie beklagt gemeinsam mit dem „Chor der Mieter*innen“ die empathie- und rücksichtslosen Kaufinteressenten und den mit Goldkettchen dekorierten Makler, der die Wohnung mit seinem Rasierwasser verseucht (ein bisschen viel Klischee).
Dann folgt eine etwas lang geratene Litanei zu den Sünden der Stadt, die den Profit beschützt: „Es geht nicht, dass…., “ klagen die Akteure und enden mit schrillen Tönen im Chaos.
Nach der Kakophonie geht’s zurück in die Authentizität. Es geht um Haben oder Nichthaben, um Besitz oder Besitzlosigkeit. Dabei wird der Besitz festgemacht an ererbtem Wohneigentum, das selbsterworbene bleibt außen vor. Konnte man sich beim Mitsprechen als Zuschauer noch in die Anonymität flüchten, werden die Verhältnisse jetzt auf der Bühne inszeniert: alle Erb*innen werden nach vorn zitiert, es sind etwa fünfzehn, die sich trauen, drei davon aus dem Kreis der „lokalen Delegierten“ (die übrigens an jedem Spielort neu engagiert werden) und zwei She-She-Pop-Akteure. Jeder von ihnen erklärt seine Eigentumsverhältnisse, wobei die familiären Besitzverhältnisse von Berit Stumpf einiges Erstaunen wecken. (Hier kommt die zum Selbstverständnis gehörende biografische Offenheit der Theater-Gruppe She She Pop dem Expertentheater des Rimini Protokolls nahe. Die Mitglieder beider Kollektive studierten übrigens am Institut für AngewandteTheaterwissenschaften in Gießen.) Die „Eigentümer“ auf der Bühne ermitteln schließlich den Gesamtwert ihrer Besitzungen und kommen auf etwa 10 Millionen. Beachtlich!
Im Epilog fordert uns ein Delegierter des lokalen Chores mit stark fremdländischem Akzent auf, uns von dem Gedanken frei zu machen, dass uns irgendetwas zustünde. Mit gemeinsamem Summen in je verschiedener Tonlage - je nach Stimmung und Selbsteinschätzung - endet das Stück amüsant und ironisch.
Was bleibt? Die Wut der Mieter und ein schlechtes Gewissen der Vermieter.
Zweifellos ein kurzweiliger, animierender und schauspielerisch glänzender Abend, doch bleibt es inhaltlich bei einer vorhersehbaren, eher oberflächlichen Bestandsaufnahme ohne Anstöße zur Veränderung. Weder reale Umverteilungspläne noch kreative Utopien werden entworfen oder auch nur angedeutet. Die beklagenswerten Sachverhalte waren vorher keineswegs „wohlgehütete Geheimnisse“, vielmehr allgemein bekannt. Sie werden allerdings in ungewohnt moralisierender, gelegentlich auch ironischer oder gar zynischer Weise vorgeführt.
Die Produktion wurde zum Berliner Theatertreffen 2019 eingeladen.