Übrigens …

Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino im Köln, Schauspiel

„Der Staat ist keine Tafel Schokolade. Brich ihn in zwei Teile und du bekommst einen Bürgerkrieg.“

Martin Crimp, geboren 1956 in Dartford, gehört zu den bekanntesten englischen Dramatikern. In seinem Werk Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino greift er auf einen antiken Mythos zurück, den er aus heutiger Sicht beleuchtet. Er bezieht sich auf Euripides‘ Die Phönizierinnen, die Geschichte vom Bruderkampf zwischen Eteokles und Polyneikes, der für beide tödlich endet. Ebenso für ihre Mutter Iocaste, die mit Ödipus unwissentlich ihren eigenen Sohn geheiratet hat. Alles recht bekannt aus Schauspiel und Kino. Crimps Theben liegt zum Teil in der Antike, dann wieder im Hier-und-Heute. Veranschaulicht durch eine Sprache, die zwischen antikem Tragödienton, heute geläufigen flapsigen Bemerkungen und aktuellem Militär- und Politikvokabular wechselt. Und trotzdem immer wieder die Hohlheit aller Worte und Thesen, die für Krieg und Mord plädieren, veranschaulicht.

Das nicht enden wollende Familiendrama wird im Stück des Euripides von einem phönizischen Mädchenchor beobachtet, der auf der Durchreise nach Delphi in Theben Halt macht. Bei Crimp werden die Mädchen zum ausführenden Organ des göttlichen Willens. Sie konfrontieren die Figuren mit ihrer Vergangenheit und treiben die Erzählung aktiv voran. Sie haben viel gesehen und gehört und kommen dennoch mit einigen Fragen auf die Bühne: Welcher Sinn steht hinter austauschbaren Begriffen wie „Ruhm“, „Ehre“, „Volk“ und „Terror“? Was treibt den Menschen zur Macht, worauf sind Mord und Rache zurückzuführen?

Die englische Regisseurin Lily Sykes inszenierte Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino mit neun Studierenden der Leipziger Hochschule für Musik und Theater, die im 3. und 4.Studienjahr praktische Erfahrungen am Schauspiel Köln sammeln.

Zu Beginn stehen bei Eintritt des Publikums drei phönizische Mädchen - mit altmodischer Zopffrisur und stark betonten Augen - im Zuschauerraum der Außenspielstätte am Offenbach-Platz. Über Lautsprecher hört man Ansagen wie „Now it‘s the only thing that is real. Every man judges himself.“.Auf den weißen Vorhang ist Silvana Manganos Gesicht aus Pasolinis Ödipus-Verfilmung projiziert. Die drei Frauen kommen die Treppe herunter und stellen merkwürdige Fragen: „Was ist der Wert von X, wenn ich nackt hier stehe?“ „Wie können die Toten leben?“

Der eigentliche Bühnenraum ist ein gelber Guckkasten, der an ein Studio erinnert. Im Laufe des Abends wird er mehr und mehr mit grauem Glibber bekleckert, auf dem die Darsteller ausrutschen und sich damit beschmutzen - ein Symbol der Schuld? Das Drama des Ödipus wird schnell erzählt, wobei zwischen Spielen und Vorstellen der Rolle (Polyneikes sagt:…) gewechselt wird. Eine Verfremdung bzw. ein Wechsel der Perspektive? Illustriert wird das Geschehen durch Lichtwechsel und u.a. durch Andeutung einer Folterszene (hinter dem Vorhang bei rotem Licht) oder eines Tieropfers. Jeder der Mitwirkenden hat einen Moment auf der Bühne, in dem er im Mittelpunkt steht und seine Schauspielkunst demonstrieren kann.

Insgesamt ein durchaus beeindruckender Abend mit vielversprechenden Akteuren (Antonia Bockelmann, Dennis Bodenbinder, Julius Ferdinand Brauer, Campbell Caspary, Laura Friedmann, Marlene Goksch, David Kösters, Barbara Krebs, Paul Langemann), die sich nur abgewöhnen müssen, zu oft zu schreien.