Übrigens …

Die Räuber im Köln, Schauspiel

Die Kanaille ist eine Frau

Ein alter, ein gebrochener Mann im Nachthemd. „Karl“ ist sein erstes Wort – und zugleich Schrei der Verzweiflung. Denn Karl ist fern, sein Lieblingssohn zieht durch die Wälder, wird rauben und morden. Neben ihm steht eine Frau. Doch diese Frau ist ein Mann, sein Sohn Franz, der Zweitgeborene, der gleich beginnt, seine miesen Strippen zu ziehen. Später wird er den Vater täuschen und belügen: Sein Karl sei gestorben.

Noch stehen Vater Moor (Bruno Cathomas) und Franz, die Frau (Sophia Burtscher), vor dem klassischen Theatervorhang. Die Stimmung ist vorgegeben: Misstrauen und Angst, Verleumdung und Lüge herrschen. Dann geht der Vorhang auf, und die Welt, in der diese Inszenierung von Schillers Die Räuber durch Ersan Mondtag gründet, ist ein Komplex aus Videobild, das über einem quadratischen Wasserbecken eine romantisch angehauchte Abendstimmung verströmt, einem drehbaren Haus mit Biedermeier-Inventar auf der einen und einer Western-Terrasse auf der Rückseite. Hohe Fichten ragen dahinter in den Abendhimmel, und immer wieder sind Käuzchen-Töne und Waldgeräusche hörbar.

Zwischen drehbarem Haus und Naturszenerie ragt eine überlebensgroße Figur in den Raum. Sie erscheint, den rechten Arm in Siegespose in die Höhe gestreckt, als Sinnbild einstiger Größe. Sie wird, Abglanz des gebrochenen alten Moor, später durch ihn selbst vom Sockel gerissen. Die Moors sind am Ende.

Am Wasserbecken verlieren sich Karls Mit-Studenten in ihren Träumen, dem „Kastraten-Jahrhundert“ und „tintenkleckselndem Säkulum“ den Garaus zu machen. Dass Karl, wie Bruder Franz (Sophia Burtscher), von einer Frau gespielt wird (Lola Klamroth), hat Methode. Eine Methode, die sich auch umgekehrt Bild verschafft: Denn Amalia, die Karl liebt, ist ein Mann (Jonas Grundner-Culemann). Ein Mann, der dauernd flennt, verschämt die Knie zusammendrückt – und später, nackt und bloß, seine/ihre Niederlage eingesteht.

Der Wald, Symbol deutscher Romantik, ist die Welt des Karl Moor. Hauptmann einer zunächst verschworenen Sturm- und Drang-Gang, die sich freilich mehr und mehr von ihm zu lösen beginnt. Dabei reden sie stets von Freiheit. Und meinen, auf ihren Mordzügen unterwegs, damit immer nur ihre eigene.

Kern des Dramas, in dem die Ausbrüche von Wut und Verzweiflung oft in unverständlichem Gebrüll enden, ist das Spiel um Liebe und Macht, Intrigen und Rachegedanken. Ob es dafür freilich des Rollentausches von Mann zu Frau und Frau zu Mann bedurft hätte, ist zu bezweifeln. Dem gleichwohl durch zahlreiche packende Szenen und Bilder insgesamt überzeugenden Abend einen eigens für diese Inszenierung von Carolin Emcke entworfenen „Monolog über die Freiheit“ nach Ende des Dramas anzukleistern, in dem es nur so von inflationären moralinsauren Bekehrungs-Hinweisen wimmelt, ist nicht nur überflüssig. Es ist ärgerlich – nach einem Abend, der ambivalent daherkommt, aber immerhin als Theater. Dafür gab es denn auch, ungewöhnlich für Köln, heftige Buhs.