Salome im Oberhausen, Theater

Mir doch egal

Tristesse, wohin das Auge blickt. Menschen, die überwiegend so beiläufig daherreden, so unbeteiligt deklamieren, als ginge sie das alles nichts an. Sie schwätzen, gelegentlich brüllen sie auch, und es wirkt so, als solle die vorherrschende „Mir doch egal“-Haltung wenigstens punktuell aufgebrochen werden. Manchmal herrscht sogar großes Schweigen, das geradezu Gold wert ist, weil diese Sprachlosigkeit noch die stärkste Kraft entwickelt. Langeweile heißt hier das Prinzip, Lustlosigkeit und die bloße Behauptung. Im Theater Oberhausen wird (angeblich) Oscar Wildes Drama Salome aufgeführt, doch wir sehen lediglich ein Stück aus der Prekariatsecke, das ordinär aber ohne Erotik daherkommt, sich ein bisschen brutal aufplustert, leider überhaupt nicht schrecklich, und dessen katastrophische Zuspitzung geringen Effekt macht. Hier und da schmunzelt’s im Publikum, nur was hilft es, wenn die eine oder andere (scheinbare) Pointe lahm ist.

Das Ensemble müht sich, im Sinne des Regisseurs Stef Lernous, aus der Betriebsamkeit des Achselzuckens, Dynamik zu ziehen. Wenn schon das Sprechen allein dem Gefühl der Lethargie entspringt, soll wenigstens Aktionismus die Szene beleben. Oft springt oder turnt das Personal aufgekratzt herum, oder sie gehen wie Tiere aufeinander los. Gleich zu Beginn wird in dieser pseudohedonistischen Party der Verlust der Götter betont, stattdessen werden Bierdosen gereicht, als Opium fürs Volk gewissermaßen. Von anderen Drogen ist auch die Rede. Da wundert’s wenig, dass die Stimmungen schwanken zwischen maßloser Euphorie und somnambulem Katzenjammer.

Im Geflecht der Befindlichkeiten wage Salome einen „Versuch der Emanzipation“, wie es im Programmfaltblättchen heißt. Doch die Prinzessin (Ronja Oppelt) macht hier eher auf bockiges, durchtriebenes Kind, das ihren phlegmatischen Stiefvater Herodes (Günter Alt) bezirzt, belabert, verspottet, bis er ihr endlich gibt, was sie begehrt – den Kopf des Jochanaan. Ihr Tanz zuvor beginnt mit zornigem Aufstampfen, wie die lieben Kleinen das schon mal tun, um ihren Willen durchzusetzen. Und Papa mag genervt die Augen rollen und sich denken, nun gut, in Gottes Namen.

In Gottes Namen predigt hier indes eben jener Jochanaan (Daniel Rothaug), der in einer Mülltonne haust. Verzerrt, blechern und ziemlich hallig klingt die Stimme aus dem Off, wenn er die Verkündung des Herrn im Agitpropstil in die Welt posaunt. Wird er hinausgelassen, putzt er beflissen seine Brille, richtet den Schlips, um dann zum Volk zu sprechen. Wie die Karikatur eines amerikanischen Predigers steht er da, was durchaus Absicht ist, verortet sich die Oberhausener Salome doch im Elend der US-Südstaaten, hier auf offenbar sumpfigem Grund, denn Ausstatter Sven van Kuijk hat eine Menge Holzstege ausgelegt, für den sicheren Boden unter den Füßen. Die Gegend ist eines Schrottplatzes würdig, mit alten Reifen, zerborstenen Stühlen und hinten, über allem thronend, ein abgewrackter Wohnwagen. Ein würdiges „Domizil“ für das Asi-Paar Herodes und Herodias. Er tritt in Bademantel und Badelatschen heraus, sie (Susanne Burkhard) bevorzugt Tarnfleckenmuster (Ein-Euro-Laden-Kostüme: Hsin-Hwuei Tseng). Beide beschimpfen einander am liebsten.

Revuehaften Charakter gewinnt diese Prekariatsstudie durch die Songs von Tom Liwa. Seine Band, bestehend aus einer Art grün angehauchter Sozialarbeiter, haut mit Folk, Country oder Psychedelics auf den Putz. Und manchmal kriegen die sechs Musiker gar den Blues. Am Ende, wenn Salome den Jochanaan-Kopf abbusselt, sagt Herodes wie nebenbei, man solle dies Weib töten. Dann herrscht Dunkelheit.

Freundlicher Applaus. Nun gut, wer’s mag. Uns aber ist das alles ziemlich egal.