Überall Gauner
Wie in Stein gemeißelt klingt der Satz aus dem Off: „Es gibt überall Gauner, wo man hinschaut. Die Lage ist ausweglos.“ Später werden wir diesen Satz noch einmal hören, auf der Bühne gesprochen von Doris Dexl alias Daphne Caruana Galizia. Sie erinnern sich: Das ist die maltesische Journalistin, die im Oktober 2017 in der Nähe ihrer Wohnung durch eine Autobombe getötet wurde. Galizia war einem Korruptionsskandal auf der Spur, in den mehrere maltesische Minister und vermutlich auch der maltesische Premierminister Joseph Muscat verwickelt waren. Drei Kriminelle wurden der Tat angeklagt, doch die Hintermänner des Attentats, die in der Politik vermutet werden, wurden bis heute nicht gefasst.
Die Bühne in der Werkstatt des Theaters Bonn, auf der Simon Solberg seine Aufarbeitung des Mordes, aber auch der zahlreichen fragwürdigen Aktivitäten und Netzwerke des internationalen Finanzsystems spielen lässt, wirkt aufgeräumt, aber einfallslos, als Annika Schilling als deutsche Investigativ-Journalistin Laura sie betritt. Eine Reihe von Pappkartons sind dort gestapelt, in denen Laura die Papiere und Dokumente gesammelt hat, deren Studium ihr bei der Durchdringung des Skandals helfen sollen. Später wird diese Bühne zur Metapher: Kartons und inliegendes Recherchematerial sind, zusammen mit Konfetti und wenigen Requisiten, scheinbar zusammenhanglos über den gesamten Bühnenboden verteilt. Der wirkt wie ein Schlachtfeld. Es herrschen Chaos und Unordnung. Die Welt ist aus den Fugen. Wem wird es gelingen, sie wieder einzurenken?
Wenn man der Aufführung folgt, mag man nicht daran glauben, dass sich überhaupt noch einmal irgendetwas einrenken wird. Vor allem: Man erkennt, dass die Politik und die großen Finanzmarktakteure kaum Interesse daran haben, irgendetwas einzurenken. Schilling, Dexl und ihre drei männlichen Ko-Kombattanten produzieren nämlich nicht nur Unordnung, sondern sie sortieren auch: Namen und Zahlen nämlich, Namen von Unternehmen, die sich der Steuerparadiese wie Malta oder Panama bedienen, um ihre Gewinne zu verschieben, Zahlen von dem Fiskus auf diese Weise entgehenden Steuereinnahmen und von absurden Relationen beim Unternehmensgewinn pro Kopf der Bevölkerung, die sich aufgrund der Gründung von Briefkastenfirmen in den Steuerparadiesen errechnen. Deutsche Bank, Lufthansa, Merck oder BMW lesen wir an der immer größer werdenden Pinnwand, ein Foto der verstorbenen Journalistin wird aufgehängt – und die Zahl mit den 17 Nullen für die entgangenen Steuereinnahmen der öffentlichen Hand. Die Vernetzung der Aktivitäten der Finanzmarktakteure wird deutlich, bei denen längst nicht mehr zwischen Gut und Böse unterschieden werden kann: Längst gibt es Interdependenzen, teilweise gar Kongruenzen zwischen den Interessen der Steuerbetrüger und der vordergründig von ihnen betrogenen Staaten. Die Mär, dass die Politik keine Kenntnis davon hat(te), welch heißen Streifen Banken, Unternehmen sowie Wirtschafts- und Steuerberatungsunternehmen in den letzten Jahrzehnten gefahren sind, wird anhand von Zitaten und Dokumenten widerlegt.
Denn in der Tat sind die Korruptionsfälle, denen Daphne Caruana Galizia auf der Spur war, nur die Spitze eines Eisbergs. Maltesische Minister waren offensichtlich in den Panama Papers Skandal verwickelt (wie manche deutsche und westeuropäische Politiker, Sportler und Unternehmer auch). Die Drogen- und Müllentsorgungs-Mafia infiltrierte über Malta die EU. Caruana Galizia deckte auf, dass die maltesische Regierung dem staatlichen aserbeidschanischen Energie-Unternehmen SOCAR für einen weit überhöhten Betrag ein Gasmonopol einräumte, was den Steuerzahler Einnahmen eine mittlere achtstellige Summe gekostet haben dürfte. Wer mag da nicht an massive Schmiergeldzahlungen glauben? Ausführlich geht die Aufführung auf den Verkauf maltesischer (EU-)Pässe an russische, chinesische und saudi-arabische Oligarchen ein, die so ungehindert Zugang zu Geldwäsche-Geschäften haben.
Sie prangert aber auch das mangelnde Interesse der deutschen Politik an der Schließung der Steuerschlupflöcher an. So berichtet sie von dem massiven Umfang des über in Malta ansässige Gesellschaften betriebenen Online-Glücksspiels, das in Deutschland verboten ist, an dem aber die ostwestfälische Gauselmann-Gruppe indirekt beteiligt ist. Sie erwähnt die betrügerischen Cum-Ex-Geschäfte deutscher Banken, bei denen aufgrund geschickter Ausnutzung von zeitlichen Abläufen eine doppelte Steuerrückerstattung auf Dividendenerträge kassiert wurde. Der Rezensent, einst bei einer großen deutschen Bank tätig, in deren Aufsichtsgremien zahlreiche Politiker ein von diesen nur selten wahrgenommenes Mitbestimmungsrecht hatten, kann bestätigen: Briefkastenfirmen in Steuerparadiesen waren seit den frühen 1970er Jahren, Cum-Ex-Geschäfte seit ihrer Entstehung um die Jahrtausendwende bekannt, wurden durch windige Rechtsgutachten legitimiert und dürften den Politikern in den Aufsichtsgremien kaum verborgen geblieben sein. Die Tochtergesellschaften auf den Bermudas oder den Antillen wurden sogar Jahr für Jahr brav im Geschäftsbericht aufgeführt. Die Aufregung der Politik, nachdem sich das Rechtsempfinden der Bürger wandelte, ist also ebenso unehrlich wie der zuvor gewährte Schutz der Banken und Unternehmen, der – naiv gedacht - die Sicherung der Gewinne und damit natürlich auch der Arbeitsplätze zum Ziel hatte, realistisch betrachtet aber wohl nichts als Konfliktvermeidung war.
Sie merken schon: Es ist eine Menge Holz, das der für den Text verantwortliche Volker Racho auffährt. Das komplexe Gebäude aus Finanztransaktionen und Korruption, das daraus gebaut wird, wäre normalerweise von Otto Normaltheaterbesucher kaum zu durchschauen. Doch Simon Solberg und seine Schauspieler steuern der Überforderung des Zuschauers entgegen, indem sie den Text ausgesprochen unterhaltsam, ja teilweise geradezu burlesk präsentieren. Das ist gleichzeitig die Stärke und die Schwäche der Aufführung. Dem mit wirtschaftlichen Zusammenhängen vertrauten Besucher werden die verhandelten Probleme manchmal zu sehr verharmlost – und trotz aller Komplexität auch zu sehr vereinfacht, weil Gut und Böse allzu schwarz-weiß dargestellt werden. „Zielgruppe Studenten“, notierte der Rezensent einmal in einem Anflug von Unzufriedenheit. Andererseits wird der Stoff wohl nur durch eine solche Spielweise konsumierbar. Tatsächlich scheint es dem Abend sogar zu gelingen, dem nicht einschlägig informierten Zuschauer viel neues Wissen zu vermitteln. Das ist auch dem ungeheuer engagierten Spiel und dem Witz und Humor der Akteure zu verdanken, aus denen Annika Schilling als deutsche Investigativ-Journalistin Laura sowie Klaus Zmorek in seinen verschiedenen Rollen herausragen. Zmorek gelingen wunderbare Parodien von Volker Bouffier, Wolfgang Schäuble und Jean-Claude Juncker; Alois Reinhardt macht aus dem tricksenden Schweizer Banker Christian eine tolle Comedy-Nummer.
Nicht alles gelingt an dieser Comedy Show: Die Persiflage einer TV Show gerät angesichts der eher dem armen Theater zugehörigen Mittel der Aufführung ein wenig zu billig, der Wutbürger-Monolog über den mangelnden Rückhalt der Pressefreiheit in der deutschen Politik erinnert allzu sehr an die Lügenpresse-Ausfälle der Rechtspopulisten, und nicht jeder witzig gemeinte Song ist wirklich gut gesungen. Dass - wohl ebenfalls um der besseren Konsumierbarkeit willen – der engagierten Investigativ-Journalistin Laura ein mit ihrem beruflichen Engagement in Konflikt geratenes Privatleben hinterlegt wird, erscheint überflüssig und lenkt eher ab. Eine aber macht den ganzen Comedy-Trubel nicht mit. Doris Drexl bleibt als Daphne stets ernsthaft und ruhig. Ihr, der mutigen maltesischen Frau, die ihre unermüdliche Recherchearbeit mit dem Leben bezahlen musste, baut die Aufführung ein wunderbares Denkmal. Die Finanz-Comedy mit ihren vielen bitteren Wahrheiten ist auch ein starkes Plädoyer dafür, sich einzumischen.