Jeder stirbt für sich allein im Theater Duisburg

Noch ein Schnaps, bevor die Gestapo kommt

Mancher wird finden, dass in diesem Buch reichlich viel gequält und gestorben wird, doch in diesen Kreisen wurde in den Jahren1940 bis 1942 und vorher und nachher ziemlich viel gestorben“, erklärt Fallada 1946. Und obwohl auch in der Bühnenadaption von Luk Perceval allenthalben gequält, bespitzelt, denunziert und gestorben wird, fließt kein Theaterblut. Es herrschen dumpfe Angst, ständige Lebensbedrohung, rabiate und verzweifelte Überlebensversuche und eine ganz leise Hoffnung auf Liebe und den Sieg des Guten in diesem großen, dunklen Bühnenraum, der in den vier Stunden atemberaubenden Schauspielertheaters nur selten hell ausgeleuchtet wird. In der Mitte des Raumes steht ein rechteckiger Tisch. Es fordert kreative Imagination, um drum herum die beengten Zimmer der Arbeiterfamilie, die bedrängenden Verhörräume der Gestapo, ein Tanzlokal oder Wartezimmer, eine Toilette oder die Todeszelle in Plötzensee zu sehen. Im Hintergrund reicht ein riesiges grau-schwarzes Relief aus schwer definierbaren Puzzleteilen bis zur Decke. Für Eingeweihte ein Stück Berliner Stadtplan des Quartiers, in dem das Drama spielt. Erst wenn es heller wird, erkennt man auf dem Boden davor Gerümpel, vielleicht Kriegsmüll aus den Vierzigern: alte Uhren, eine Kindertrommel, Kannen, Schreibmaschinen und jede Menge Verpackungen.

Im Halbdunkel schleichen Figuren über die Bühne, leise ertönt Gitarrenmusik aus dem Untergrund (live: Lothar Müller). Dann wird es hell und Anna Quantel, eine Frau in einfachem Kleid und Strickjacke steht mitten auf der Bühne und spricht den entscheidenden Satz: „Der Führer hat mir meinen Sohn ermordet“.

Daneben ihr Ehemann, der Tischler Otto Quantel in grauem Anzug, mit Schlips und Kragen und abgetragener Lederaktentasche. Beide scheinen zwar Kleine Leute, doch eher dem Kleinbürgertum als dem Proletariat anzugehören. Sie halten die zynische Nachricht vom „Heldentod“ ihres Sohnes in der Hand und fühlen ihr Glück, ihre Zukunft zerstört. In naiver, inniger Gemeinsamkeit beschließen sie, sich gegen dieses System zu wehren. Instinktiv erfassen sie die mörderische Verlogenheit der Maschinerie des Naziregimes und beginnen ihren ganz privaten Widerstand: Otto schreibt Postkarten und Briefe mit Parolen gegen die Nazis und ihre verlogene Propaganda. Gemeinsam legen sie sie aus in willkürlich ausgewählten Treppenhäusern. Zweihundertsechsundsiebzig Stück sind es nach zwei Jahren, als sie durch einen Zufall erwischt und zum Tode verurteilt werden.

Ergreifend die Szenen der gemeinsamen Aktionen: Otto (Thomas Niehaus) kühl, in gradliniger Entschlossenheit, Anna (Oda Thormeyer) berührend, in jeder Szene liebevoll besorgt und doch auch ihrer Sache sicher und beide getragen vom eher unreflektierten Bewusstsein, das Richtige zu tun, ihre Lebensaufgabe zu erfüllen.

Die berührende Kernhandlung, der Widerstand zweier einfacher, doch entschlossener Einzelkämpfer, wird rasant umspielt vom Kolorit der Berliner Szene der Untauglichen, die sich durchlavieren und als manipulierbare Spitzel, selbstsüchtige Denunzianten, erpressbare Kleinkriminelle oder verängstigte tumbe Toren dem Regime nutzbar sind. Alle diese Rollen sind glänzend besetzt, stark konturiert, doch gelegentlich in ihrer Zwielichtigkeit karikaturistisch überzeichnet. So macht die wandlungsfähige Gabriela Maria Schmeide, die im Stück auch die anrührende Jüdin Rosendahl und die herrliche Hete Häberle gibt, aus dem untergeordneten Kriminalrat Zott eine unerträglich alberne, sächselnde Witzfigur. Und auch die Slapstick-Einlage des Anwalt Toll bringt zwar Lacher, verharmlost aber das Willkürszenario gerade der Rolle der sogenannten Anwälte im Unrechtsstaat. Gutgemeint vom Regisseur (vermutlich zur Entspannung des Publikums), ist da nicht gut. Wunderbar hingegen Pausen absoluter Stille oder Einschübe der Musik, die nur einen langgezogenen Ton oder ein leises Klopfen bringt.

Allgegenwärtig im Stück die Bedrohung durch die zynische, das Recht tyrannisch handhabende Staatsmacht, grandios gegeben von Barbara Nüsse als schurkischer SS-Obergruppenführer Prall und André Szymanski als heimtückischer Gestapo-Mann.

Unglaublich wie alle Handlungsstränge immer wieder gebündelt werden im gleitenden Wechsel vom dialogischen Spiel der Schauspieler*innen zu einem Erzählmodus, der den romanhaften Stream of Consciousness durch Hinwendung zum Publikum erfahrbar macht, und so das epische Moment der literarischen Vorlage auf die Bühne bringt und zudem die schlimmsten Gräueltaten dem Erzählmodus überlässt.

Nach einer erschütternden Gefängnis- und Verurteilungsszene auf der halbdunklen Bühne schließt Perceval – wie Fallada in der Romanvorlage – mit einem hellen, optimistischen Bild: Der Tisch wird zum Pferdekarren, auf dem sich zwar hinten all die Ermordeten drängeln, doch gelenkt wird er von einem gutgelaunter Jungen. Ein Hoffnungsbild aus dem Jahr 1946, das nicht recht überzeugt.

Falladas Roman beruht im Wesentlichen auf der authentischen Geschichte des Ehepaares Elise und Otto Hampel. Drei Aktenordner zu dem Fall wurden ihm 1946 in Ostberlin von Johannes R. Becher übergeben, einen vierten Ordner hielt man jedoch zurück, da die beiden Widerstandskämpfer nicht ganz so heldenhaft in den Tod gingen, wie das DDR-Regime es gern gesehen hätte. Fallada erfuhr nicht, dass sich seine „Helden“ in der Todesangst gegenseitig beschuldigten und um Gnade flehten. Die Karten und Briefe wurden zum großen Teil von den verängstigten Findern bei der Gestapo abgeliefert und sind bis heute erhalten. Im informativen Programmheft ist eine abgedruckt.

Das Stück wurde 2012 im Thalia Theater in Hamburg uraufgeführt und wird bis heute dort und in vielen anderen Städten gegeben, so jetzt im Rahmen des Theatertreffens AKZENTE in Duisburg. Das Publikum dankte mit langanhaltendem Beifall und Standing Ovation.