Schließ Deine Augen - Rien ne va plus im Schauspiel Essen

Nichts geht mehr - Kindheit ade

Die Casa ist das kleine Haus des Essener Grillo-Theaters. Eine jener Studiobühnen, die sich gern dem Experimentellen zuwenden oder den Kammerspielformaten. Fürs Publikum bedeutet das oft besondere Nähe zum Geschehen. Aktuell hat die Casa zu einer Produktion eingeladen, die in gewisser Hinsicht einer Versuchsanordnung gleichkommt: Schließ Deine Augen - Rien ne va plus. Der Titel umfasst zwei ziemlich unterschiedliche Stücke, die beide eine Entwicklung nachzeichnen, an deren Ende nichts mehr geht. Das Besondere daran ist aber vor allem die Besetzung. Das Ensemble besteht aus Mitgliedern des Essener Schauspiels, der Oper und des Balletts. Erstmals finden die drei Sparten zu einer Arbeit zusammen. Zwar wirkt diese Uraufführung noch ein wenig spärlich, als relativ kleine Nummer im Vergleich zum Potenzial dieser drei großen Abteilungen, doch kann ja aus einem zarten Pflänzchen noch ein stattliches Gewächs werden.

Immerhin bleibt festzuhalten, dass zumindest der Beginn mit Maurice Maeterlincks Tintagiles Tod nicht ohne Charme ist, Spannung schürt und vielerlei Geheimnis birgt. Ursprünglich wurde das suggestiv emotionale, raffiniert verdichtete Werk für Puppentheater geschrieben (1894). Das hat seinen tieferen Sinn: Der Autor sieht den Menschen als Marionette, der an den Fäden des Schicksals hängt. Er mag zwar versuchen, sich dagegen aufzulehnen, doch es bleibt vergeblich. Tintagiles Schwester Ygraine (Anne Stein, selbst noch pendelnd zwischen kindlicher Furcht und erwachsenem Aufbegehren) kann trotz der Aufbietung aller Kräfte den Tod des Bruders im Schloss der königlichen Großmutter nicht verhindern. Maeterlinck, der mit Pelleas und Melisande ein Meisterwerk des Symbolismus, der rätselhaften Bedeutung geschaffen hat, würzt auch sein Puppenspiel mit offenen Fragen und lässt alles wie im Nebel dahingleiten. Keine Klarheit, nirgends.

Warum etwa kam Tintagile zu dieser Insel, auf der die Schwester lebt, in unmittelbarer Nähe zum unsichtbaren Schloss? Was weiß der Junge, was weiß der alte Diener Aglovale (Benjamin Hoffmann)? Und wie sieht die Königin wohl aus, was treibt sie? Manches Geraune gibt es, fürchterliche Geschichten, die hier und da aufgeschnappt wurden. Doch letzthin erstarren alle in Machtlosigkeit. Das arme Kind, kaum noch unbefangen, eher unterwürfig, später von wilden Träumen geplagt, verschwindet plötzlich. Zurück bleiben Resignation und Agonie. Nichts geht mehr.

Regisseurin Marijke Malitius blickt besonders auf die schleichende Ohnmacht der Kinder gegenüber den Erwachsenen. Geschickt verknüpft sie die Handlung mit vier Liedern aus Modest Mussorgskis Zyklus „Kinderstube“. Die klingen, von Tenor Benjamin Hoffmann flexibel gestaltet, nach aufregender Welt, nach kleinen Kindernöten, und wollen sich so bewusst vom Unheimlichen der Realität abgrenzen. Ein weiterer Kunstgriff betrifft die Zeichnung Tintagiles. Als stumme Rolle wird er von der Tänzerin Larissa Machado gespielt, bekommt außerdem mit Sena Shirae einen (ebenfalls tanzenden) Schatten an die Seite. So werden emotionale Empfindungen in variantenreiche, wirkungsvolle Bewegungsmuster gegossen.

Dazu hat Gesa Gröning ein Bühnenbild erdacht, dass ein wenig nach lauschiger Natur aussieht. Wäre da nicht dieses Haus, dessen hölzerne Fassaden schon bessere Zeiten gesehen haben. Der Blick hinein durch Rahmen ohne Fenster offenbart ein schales Interieur. Hänsel und Gretel-Atmosphäre allerorten, abseits jeder Behaglichkeit. Ein Bild, das auch im zweiten Stück des Abends Bestand hat, nur sieht alles noch abgewrackter aus. Hier treiben sich Peter und seine Gang herum, ein jugendlicher Anführer nebst verloren wirkender Kinderschar, die der Welt der Großen entronnen sind. Ohne Ausnahme! ist der Titel, Sascha Krohn hat es geformt und inszeniert nach Motiven aus Peter Pan.

Peter ist der Anführer, ein Held zugleich, zu dem die anderen aufsehen. Er stellt die Regeln für ein immer gleiches Spiel. Doch der Sockel, auf dem er steht, ist brüchig, je mehr sich seine absolutistischen Ansprüche herausschälen. Träume, etwa von wilden Abenteuern mit dem unheimlichen Captain Hook, sind erlaubt, das Denken an die Zukunft aber steht unter Verbot. Yannick Heckmann gibt Peter anfangs fürsorglich, dann zunehmend herrschsüchtig, am Ende jedoch als gebrochenen, einsamen Menschen. Sein bester Freund Dennis (Anne Stein, pendelnd zwischen ängstlicher Bewunderung und selbstbestimmtem Widerspruch) entlarvt Peters Welt des Selbstbetrugs. Nichts geht mehr.

Abseits eines solch berührenden Moments indes wirken Spiel und Rituale leicht zäh. Die beiden Tänzerinnen, die im Maeterlinck-Stück noch zur Deutung beitragen, gehen hier im Kollektiv auf, ohne nennenswerte Individualisierung. Michael Tippetts Kantate „Boyhood’s End“, die eben vom endgültigen Ende einer Kindheit berichtet, steht als leicht starrer Block gekünstelt in der Landschaft. So recht schlüssig wollen die Sparten des Hauses in diesem Fall nicht interagieren. Doch wo aller Anfang schwer ist, bleibt zumeist noch genügend Raum für ambitioniertere Projekte. Vielleicht sogar mit dem Großen Haus als Spielstätte.