Die Räuber der Geschichte im Freies Werkstatt Theater Köln

Kein Dialog im Nagelstudio

Täglich erleben wir es in den Nachrichten, in der Vorstadt oder am Stammtisch: Mit dem gegenseitigen Verständnis zwischen dem christlich geprägten europäischen und dem islamisch geprägten nahöstlichen Kulturkreis ist es nicht allzu weit her. Wir sollten daraus lernen, dass der interkulturelle Dialog zwischen der islamischen Welt des Nahen Ostens und dem rückständigen Europa nicht nur auf der Ebene der Politik stattfinden darf, sondern auch im Alltag eingeübt werden muss: im Nagelstudio, beim Boccia-Spiel, beim Besuch des Fernsehturms. Im Emirat Bayern ist zum Beispiel noch ein ausgeprägter christlicher Fundamentalismus sowie ein krampfhaftes Festhalten an alten Riten und Bräuchen zu beobachten. Im Festspielhaus Bayreuth, das, wie ein früherer Reisender feststellte, aussieht wie „irgendwas zwischen Schloss und Scheune“, wird nach wie vor die klassische europäische Musik gespielt: dezidiert unislamisch und von einem merkwürdigen Pathos beseelt. Andererseits gibt es im Ruhrgebiet - also im westlichen Teil des Emirats Preußen – eine moderne kriegswichtige Industrie, gemanagt von durchaus weitsichtigen … in anderen Kulturkreisen würde man sagen: Industriebaronen. Vielleicht ist unser iranisches Bild von Europa als einem wenig produktiven, unselbständigen, rückwärtsgewandten und tief religiösen Kontinent ja doch zu einseitig und stereotyp.

Was wäre, wenn, fragt die Inszenierung des Regisseurs Sebastian Blasius: Was wäre, wenn im 20. Jahrhundert die islamische Welt zum Sieger der Geschichte geworden wäre: Türken, Perser und andere Völker und Kulturen des Nahen Ostens. Wenn aus dem Ersten Weltkrieg der Nahe Osten den Haupt-Profit gezogen, wenn im Zweiten Weltkrieg das Osmanische Reich das nationalsozialistische Deutschland besiegt hätte? Sebastian Blasius hat vier Wissenschaftler, Journalisten und Autoren gebeten, sich zu diesem alternativen Geschichtsverlauf Gedanken zu machen und zu formulieren, wie sich unter dieser Prämisse das Verhältnis der beiden Kulturen zueinander entwickelt hätte. Da sie Wissenschaftler sind, haben alle vier einen anspruchsvollen Essay bzw. einen wissenschaftlichen Vortrag geschrieben, den Anne Tismer, in vier verschiedene Rollen schlüpfend, nacheinander auf der Bühne „performt“, wie das Faltblatt des Forums Freies Theater es nennt. „Spricht“, müsste es eher heißen, denn auch wenn sich Tismer unterschiedlicher Dialekte bedient und unterschiedliche Charaktere andeutet, ist da nicht allzu Performatives zu entdecken: Tismer steht an einem Stehpult und hält Vorträge, mal träge mit rollendem R, leicht schweizerisch angehaucht beim Text von Behrang Samsami, mal temperamentvoller und sich vom Stehpult lösend wie beim Vortrag von Asiem El Difraoui, mal mit witzigem französischem Akzent wie bei Gerrit Wustmann. Fünf „Studentinnen“ sitzen stumm im Raum – Zuhörerinnen der Vorträge, die eingeschüchtert wirken, aber ab und an auch mal aufstehen und herumwandeln. Eine von ihnen darf ein einziges Mal eine Frage stellen, die mit einer gewissen Arroganz beantwortet wird, bevor das Licht ausgeht und der Theaterabend zu Ende ist.

Immerhin gibt es eine nachhaltige Meinungsäußerung seitens der „Studentinnen“: Als die eingangs erwähnte Forderung zur Etablierung eines interkulturellen Dialogs im Alltag erhoben wird, schütteln alle fünf demonstrativ den Kopf. So wie wir das tun, wenn uns heute jemand auffordert, im Nagelstudio oder im Fastfood Restaurant mit unseren muslimischen Mitbürgern locker und ungezwungen in Kontakt zu treten? – Vielleicht. Jedenfalls spiegeln die Texte aller vier Autoren die Realität im heutigen Europa oder im heutigen Miteinander der sich überlegen fühlenden europäischen Gesellschaft und der als rückständig empfundenen, von wohlmeinenden Europäern zur Anpassung an unsere Werte aufgerufenen islamischen Welt. Besonders augenfällig ist diese Spiegelung im Text von Gerrit Wustmann, der fragt, ob es sich bei den gegenwärtigen Anschlägen auf islamische Einrichtungen tatsächlich um politische Aktionen oder nicht doch eher um Terror und Mord handele. Man stutzt ein wenig, denn es gibt ja tatsächlich beides: 9/11, Charlie Hebdo und Bataclan einerseits, Anschläge auf Flüchtlingsheime andererseits. Von der drohenden Spaltung Europas aufgrund zunehmender nationalistischer Tendenzen ist die Rede, von der Gefahr eines „heute kaum vorstellbaren Schulterschlusses (Europas) mit den USA“, von Gewalt und Tod bei den Krawallen anlässlich einer Konferenz in Hamburg. Das alles ist realitätsnah und nimmt Bezug auf tatsächliche Ereignisse und politische Konstellationen der Gegenwart, spielt aber vor einem anderen Hintergrund: Bei Wustmann bewegen sich Flüchtlingsströme aus Berlin nach Istanbul, und die Empfehlung, ironisch den Politiker-Sprech unserer Tage karikierend, lautet: Wir müssen den ausgebeuteten Europäern zeigen, dass sich für sie etwas bewegt und sie nicht nur billige Arbeitskräfte für die islamische Wohlstandsgesellschaft sind.

Bei Huda Zein ist es der Krieg, der Assoziationen an die aktuelle Gegenwart weckt: Von den Unabhängigkeitsbestrebungen der Syrer ist die Rede, von Phosphorbomben, die auf die Bevölkerung abgeworfen werden als Gegenreaktion auf die Bombardierung von Aleppo. Gleich zu Beginn des Textes von Behrami Samsami feuert der vortragende Professor von der Universität Täbris eine Spitze gegen das reale heutige Europa ab: Es ist von den „heute kaum bekannten Vorkommnissen im 1. Weltkrieg“ die Rede, „die das in unserem (iranischen) Kulturkreis übliche konsensuelle Selbstverständnis in Frage stellen.“ Die islamischen Siegermächte haben allerdings jede Menge europäischer Kulturgüter in den Nahen Osten entführt, über deren Restitution heute hart verhandelt wird: das Nibelungenlied zum Beispiel, das Bernsteinzimmer, Handschriften von Goethe, aber auch Maschinen der Firma Siemens in Spandau oder die Himmelsscheibe von Nebra. Bei Asiem El Difraoui wiederum finden wir recht abenteuerliche Umschreibungen der Geschichte oder Anklänge an die Entdeckung Amerikas („1492“) oder den 30jährigen, hier 113jährigen Krieg. Die (islamischen) Rationalisten kämpfen gegen die europäischen Absolutisten. Und, siehe 2019 in Europa, die Union steht unter Druck, unter anderem weil bei Anwendung des Konsensprinzips keine Mehrheitsentscheidungen ausreichen. Gemeint ist die Union der islamischen Rationalisten.

Die Gedankenspiele sind intelligent konstruiert. In den stärksten Momenten spielen sie so stark mit der Realität, dass man sich fragt, was erfunden und was wahr ist. Die vier Autoren haben einen spannenden Stoff für ein hochpolitisches Theaterstück geliefert, für eine Farce, eine Groteske, einen Wutbürger-Text oder ein Gutbürger-Stück. Doch bei Blasius und Tismer wird kein Theater daraus. Es gibt nicht nur keinen Dialog im Nagelstudio, sondern überhaupt keine szenische Bearbeitung. Die eingeblendeten E-Mails der Autor(inn)en an den Regisseur zeigen den Wunsch nach Orientierungshilfen bezüglich ihres Auftrags. Die Antworten des Regisseurs kennen wir nicht, aber alle vier haben sich am Ende entschieden, pseudo-wissenschaftliche Texte abzuliefern – hochtrabend, anspruchsvoll, trocken, sachbuchhaft. Manche haben versucht, den Wissenschafts-Sprech zu ironisieren – herausgekommen sind trotzdem Texte, denen zuzuhören immens anstrengend und auf die Dauer ermüdend ist. Auch Anne Tismer, vor ihrer Hinwendung zur Performance-Kunst immerhin eine der größten Schauspielerinnen des deutschsprachigen Theaters, gelingt es nicht, den Abend aufzulockern, obwohl sie bemüht ist, ein wenig Humor aus der Darstellung ihrer Wissenschaftler-Figuren zu ziehen. Die Räuber der Geschichte bleiben allzu verkopft. Sie mischen nicht auf, sondern schläfern ein. Und das bei diesem spannenden Thema – schade.