Herz der Finsternis im Neuss, Rheinisches Landestheater

Die Worte des Rassisten sind nicht gestorben

Nichts auf der Welt kann mich daran hindern zu töten“, deliriert Philipp Alfons Heitmann. Gegen Ende, wenn sich die Rollen der fünf Schauspieler herauskristallisieren, spielt Heitmann den geheimnisvollen Elfenbeinräuber Mr. Kurtz. Auf Zaunpfählen aufgespießte Schädel von Eingeborenen findet der entgeisterte Kapitän Marlow, als er die Elfenbeinstation des Kurtz erreicht, doch der erläutert ungerührt: „Die zeigen nur, dass ich keine Hemmungen habe.“ Kurtz‘ humanistisches Leitbild ist der Darwinismus in seiner schlimmsten und rassistischsten Variante: Gnadenlos propagiert er die Ausbeutung, Unterdrückung und am Ende Tötung der Schwächeren – und die Schwächeren sind stets die Kreaturen der stinkenden, dümmlichen schwarzen Rasse.

Der Neusser Interims-Intendant Reinar Ortmann hat sich für seine letzte Inszenierung den erfolgreichsten und vielleicht auch düstersten, apokalyptischsten Roman von Joseph Conrad vorgenommen. Zumindest in Teilen hat dieser Roman einen autobiographischen Hintergrund. Wie sein Romanheld Marlow reiste Joseph Conrad, damals noch unter seinem Geburtsnamen Józef Teodor Konrad Korzeniowski, als Kapitän ins Herz der Finsternis und schipperte auf dem Kongo. Auch er ist wohl dem Ruf der Wildnis gefolgt, besser gesagt dem Ruf des Geldes, das im Kongo mit der Organisation des reibungslosen Abtransports von erbeutetem Elfenbein zu verdienen war. Doch kurz nach seiner in Jahre 1888 durchgeführten Reise startete Conrad eine Karriere als Schriftsteller. Nie wieder bestieg er ein Schiff. Die Vermutung liegt nahe, dass die traumatischen Erlebnisse im Kongo maßgeblich zur Metamorphose des Captain Korzeniowski beitrugen: Der Freistaat Kongo, durch ein Dekret des belgischen Parlaments im Privatbesitz von König Leopold II., war unter dem belgischen Monarchen in ein gigantisches koloniales Konzentrationslager verwandelt worden. Die einheimische Bevölkerung des Landes reduzierte sich durch Mord, aus nichtigem Anlass verhängte Todesstrafen und skrupellose Quälerei um geschätzte zehn Millionen Menschen.

In Conrads Roman reist Captain Marlow im Auftrag einer belgischen Handelsgesellschaft in den Kongo, um ein Schiff zu übernehmen. Bereits auf dem Weg zur kongolesischen Zentrale begegnet ihm in einer kleineren Handelsstation ein Bild des Grauens: ein Todeshain, in den sich verzweifelte schwarze Helfer zurückgezogen haben, um einsam und unter unerträglichen Schmerzen zu sterben. (Einen solchen Todeshain hat Conrad als Korzeniowski tatsächlich gesehen und beschrieben.) Nach unsäglichen Mühen erreicht Marlows Reisegruppe die ungepflegte Zentralstation, die von einem moralisch verkommenen Direktor geleitet wird. Das Schiff, das Marlow übernehmen soll, ist gesunken und muss gehoben und instandgesetzt werden. Schließlich geht es flussaufwärts ins Zentrum des Landes, ins Herz der Finsternis, wo der ebenso charismatische wie skrupellose Kurtz, der die Schwarzen in menschen-verachtender Weise versklavt und ausbeutet, offenbar im Sterben liegt. Kurtz‘ Erfolge bei der Jagd nach Elfenbein sind legendär; sie verdanken sich in erster Linie der Korruption sowie der Machtgier und unfassbaren Brutalität, mit der der Staionsleiter vorzugehen pflegt.

Reinar Ortmann fokussiert sich in seiner Inszenierung von Beginn an auf den erst in den Schlussszenen des Romans physisch erscheinenden Kurtz, der im Binnen-Kosmos der Handelsgesellschaft als Held gilt und als Symbolfigur für die ausbeuterische, zynische Kolonialmacht gelten darf. Er beginnt mit dem Schluss des Romans und einer nur schemenhaft hinter einem Gazevorhang beobachtbaren Szene. Linda Riebau spielt die Braut des verstorbenen Kurtz. „Es war unmöglich, ihn nicht …“„zu lieben“, vollendet Riebau den Satz des nach Brüssel zurückgekehrten Marlow, dessen Erfahrungen mit dem Elfenbeinkönig in krassem Widerspruch zu der Schwärmerei der Braut stehen. Daheim in Belgien beschwört man noch Kurtz‘ Hochherzigkeit und Güte. Vielleicht ist ja was dran an der Theorie des Arztes, der vor dessen Abreise in die Kolonien eine Vermessung von Marlows Kopf vornimmt: Ein längerer Aufenthalt in Afrika, so glaubt er, bewirke eine Veränderung des Schädels. Es ist wohl vor allem der Schädel-Inhalt, der Schaden nehmen kann: Heute nennt man das eine déformation professionelle, und dass die bei einem jahrelangen Einsatz als Schlächter von Elefanten und Negern eintritt, halten wir für glaubhaft. Das Ausmaß, das sie bei Kurtz angenommen hat, ist: das Grauen, das Grauen. „Das Grauen. Das Grauen“ – das sind die letzten Worte des Elfenbeinräubers im Angesicht des Todes. Er mag mit dem letzten Atemzug zu einer Erkenntnis gekommen sein.

Ortmann lässt Conrads Geschichte spielszenen- und dialogarm in kurzen 80 Minuten erzählen. Alle fünf Schauspieler übernehmen als Ich-Erzähler die Rolle des Marlow und in kleinen Dialog-Sequenzen auch die Rollen der übrigen Romanfiguren, soweit sie in der Neusser Textfassung auftauchen. Ortmann vertraut dabei ganz auf die Suggestionskraft der Schauspieler und die Konzentrationsfähigkeit der Zuschauer. Wenn die Schauspieler in aller Kürze von Marlows Aufbruch und von der Entdeckung des Todeshains erzählen (wo Stefan Schleue den merkwürdig geschniegelten Chefbuchhalter tatsächlich wie von Conrad beschrieben wie eine „Schaufensterpuppe eines Friseurs“ gibt), wenn die grauenerregenden Vorkommnisse auf dem langen Fußmarsch zur Zentralstation und die subtilen, an eine Mafia-Story erinnernden Einschüchterungsversuche, denen Marlows Truppe sich ausgesetzt sieht, berichtet werden, zeigt sich mitunter die Gefahr eines solchen Vorgehens: Wer den Roman nicht kennt, mag manches Mal die Zusammenhänge nicht erkennen und die handelnden Figuren nicht auseinander halten. Immer wieder jedoch gelingt es den Schauspielern, Conrads packende, bilderreiche Sprache zum Klingen zu bringen.

Wie durch ein Fernglas sieht der Zuschauer von Beginn an den geheimnisvollen Mr. Kurtz auf sich zurollen. Schleues Chefbuchhalter ist der erste, der die magische Aura, die diesen Mann umgibt, beschwört. Dann ist es der Leiter der Zentralstation, der von dem „Monstrum“ spricht – und von dem „besonderen Wesen“, von „dem Botschafter der Barmherzigkeit und der Wissenschaft und des Fortschritts“ – man spürt zwischen den Zeilen Hochachtung, Verängstigung und … das Grauen. Einen vermeintlichen Botschaftern einer Diktatur denunziert man nicht. Ein Übermensch scheint dieser Kurtz zu sein, ein geheimnisvolles Wesen, erfolgreich, omnipräsent in den Gedanken der Bevölkerung, aber unsichtbar seit Jahren – und so etwas wie ein strafender Gott. „Den Fluss hinaufzufahren, war wie eine Reise zurück zu den frühesten Anfängen der Welt, als noch die Pflanzen zügellos die Erde überwucherten“: Solche Sätze tragen zur Dämonisierung von Kurtz bei, denn wir wissen: Am Ende, nach der nächsten Biegung des Flusses, wird er da sitzen, und er wird ein Geheimnis tragen. Doch immer ist da dieser Subtext, die Erzählungen von den Misshandlungen der versklavten Einheimischen. 

Eineinhalb Kilometer vor der Ankunft an Kurtz‘ Station wird das Schiff angegriffen. Der Angriff, bemerkt Marlow, hat nichts Feindliches, sondern etwas Verzweifeltes. Spätestens jetzt haben die Schauspieler sich freigespielt. Grauenvolle Bilder evozieren sie im Gehirn des Zuschauers. Musik oder Sound wurden bislang kaum eingesetzt – jetzt unterlegt die Regie die Szene mit einem Krächzen, Röcheln, Fauchen. Josia Krug gibt den jungen Russen, der noch einmal das widersprüchliche, dämonische Bild von Kurtz zeichnet – durchgeknallt, ängstlich, voller Hochachtung und voller Grauen spricht er von dem Stationsleiter: „Man unterhält sich nicht mit ihm. Man hört ihm zu.“ Und dann … sitzt er da, in weißem Jackett, wie am Beginn der Aufführung ist die Szene nur schemenhaft sichtbar hinter dem Gazevorhang. Philipp Alfons Heitmann ist Kurtz. Raunend, irre, wütend – aber mit in wahrstem Sinne des Wortes unheimlichem Charisma. Ein Führer, ein Verführer. Ein Dämon, ein Guru, ein Hohepriester und Sektenführer. „Ihr mit euren Vorstellungen seid nur im Weg“, geifert Kurtz, der das Entsetzen des humanistischeren Marlow spürt. Der Stamm betet ihn an. Kurtz hat sich die Menschen untertan gemacht in seinem Reich, er hat sie ausgeplündert, er hat sie sich unterworfen und sich selbst zum Gott gemacht.

Wir sind gefangen genommen von einer Aufführung, die am Ende einen Sog entwickelt, dem sich niemand wird entziehen können.Reinar Ortmann muss nicht die Moralkeule schwingen, wie es so viele Regisseure tun, weil sie der Überzeugungskraft ihrer eigenen Inszenierungen misstrauen. „In Europa hält man große Stücke auf ihn“, heißt es noch einmal über Kurtz. „Etwas von ihm wird bleiben. Seine Worte zumindest sind nicht gestorben.“ Schauen Sie in die einschlägigen „sozialen“ Netzwerke: In der Tat, die Worte des Mr. Kurtz leben fort. Es ist das Grauen.


 

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