Der Untergang der Titanic im Mülheim, Theater an der Ruhr

Alles planmäßig?

Der Anfang vom Ende ist immer diskret.“ Gerade haben noch Rupert J. Seidl und Günther Harder als ältere und jüngere Ausgabe des Autors Hans Magnus Enzensberger in einem Zwiegespräch über das Entstehen des Buches philosophiert und die verschiedenen Zeitebenen, die Enzensbergers Langgedicht abhandelt, angesprochen, da ruckelt es ganz diskret. Ein leichter Stoß erschüttert die Theatertribüne, auf der wir sitzen. Aus der Tiefe hören wir das gleichmäßige, rumpelnde Geräusch der Schiffsmotoren. Die Drehbühne unter unseren Sitzen beginnt zu rotieren - und wir rotieren mit, wie die Welt, in der wir leben, wie die Welt Ende der 1960er und 1970er Jahre, als Hans Magnus Enzensberger sein metaphernsattes Versepos schrieb, wie die Welt kurz vor dem 1. Weltkrieg, als die unsinkbare Titanic unterging. Die Maschinen wummern weiter; die Passagiere auf dem Schiff und die meisten der feiernden oder in ihrem Alltag gefangenen Bewohner unserer Welt nehmen nicht wahr, was der Stoß zu bedeuten hat. Sie wollen nicht wahrhaben, dass der Untergang naht – im Jahre 1912 so wenig wie im Jahre 2019. Der Anfang vom Ende ist viel zu diskret.

Auf dem mal schneller, mal langsamer sich drehenden Theaterschiff blicken wir über die Reling. Circa siebzig Personen finden Platz an Deck sprich: auf der eigens für diese Inszenierung angeschafften Drehbühne. Ein schwarzer Vorhang öffnet sich erst ganz zum Schluss und gibt den Blick auf den gähnend leeren Zuschauerraum frei. Direkt neben und vor uns driften die Schauplätze von Enzensbergers dreiunddreißig Gesängen vorbei. Die befinden sich keineswegs immer auf dem Meer. Denn wenn man es recht besieht, ist überall Schiffbruch. Enzensbergers anspielungsreiches Versepos blickt vor und zurück: von der Schiffskatastrophe des Jahres 1912 auf den Sozialismus in Fidel Castros und Che Guevaras Kuba, auf das Insel-Berlin zur Entstehungszeit des Textes Ende der 1970er Jahre und auf diverse in realen oder imaginierten Kunstwerken verarbeitete Katastrophenszenarien der Geschichte. Auf Kuba machte Enzensberger Ende der 1960er Jahre erste literarische Versuche mit dem „Titanic“-Stoff; im geteilten Berlin lebte er, als er das Buch vollendete. In jenen Zeiten war Enzensberger noch ein aufrechter Linker, doch er sah bereits den Untergang der sozialistischen Utopien voraus. Er erkannte die Überlegenheit des Kapitalismus und warnte gleichzeitig vor dessen Hybris – vor dem unerschütterlichen Glauben an Fortschritt und Technik, vor der zerstörerischen und kannibalistischen Kraft des kapitalistischen Wirtschaftssystems. „Die Reichen sind Reiche geblieben, und die Kommandanten Kommandanten“, heißt es gegen Ende von Philipp Preuss‘ Inszenierung einmal. Selbst der Untergang ganzer Reiche ändert daran nichts, wie man dreißig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wusste. In der Welt ist es wie auf der Titanic: Die Band spielt, das Schiff rotiert, „nur eins brauchte keiner zu erklären: dass die Erste Klasse zuerst drankommt und dass es nie genug Milch und nie genug Schuhe und nie genug Rettungsboote für alle gibt.“ Intellektuell ist Enzensberger dem großen BB überlegen, aber ein bisschen Brecht muss sein.

Erste Klasse, zweite Klasse oder Zwischendeck: Der nahende Untergang ist die Hölle für alle, doch die erste Klasse hat noch Aussicht auf den Aufstieg durchs Fegefeuer zumindest bis in das irdische Himmelreich. Dante tritt mehrfach auf und wird in Mülheim großartig und nicht ohne gelegentliches Aufblitzen von Humor von Simone Thoma im roten Kostüm gespielt. Was für eine Freude die Schauspielerin hat an den „Zimbeln“, „den dröhnenden Zimbeln und Trommeln“, dem „Reiter … auf dem Apfelschimmel“! Schimmert da nicht Ironie durch, wenn Thoma diesen Text über das große Kunstwerk eines niederländischen Kunstfälschers und angeblichen Salonmalers auf der Titanic spricht, über Salomon Pollocks „Der Raub der Suleika“? Das Werk vermischt verschiedene Zeitebenen und Kulturregionen, und es ist erfunden wie wohl fast alle Kunstwerke bei den Ausflügen in die Kunstgeschichte, die Enzensberger in seinem Gedicht unternimmt, mit Ausnahme von Paolo Veroneses „Abendmahl“.

Die Band spielt also weiter, Kornelius Heidebrecht am Piano und Henning Nierstenhöfer an der Posaune. Sie spielt leise Salonmusik, undramatisch und besänftigend, damit die 1. Klasse nicht in Unruhe gerät. Die feiert weiter, verschließt die Augen vor dem Untergang. Die Kostümbildnerin Eva Karobath hat ganze Arbeit geleistet; allein für die Mülheimer Hutmode sollten wir einen Sonderpreis ausloben. Die Dekadenz der Happy Few wird noch im Unglück aufgespießt: wenn John Jacob Astor einen der ohnehin knappen Rettungsringe aufschlitzt, um seiner Frau zu zeigen, was drin ist – „Kork wahrscheinlich.“ – Wann endlich wollen sie Rache nehmen, die unterprivilegierten Leute vom Zwischendeck, fragt Enzensberger, doch er weiß, sie sind „von anderen Ängsten zerfressen … und von anderen Hoffnungen“, so dass sie „warteten bis sie versunken waren.“ Resignation spricht aus dem Text des intellektuellen Klassenkämpfers, der im Berlin der 1970er Jahre sitzt, ein Achtundsechziger in Zeiten des Deutschen Herbsts, und spürt, dass „das Fest längst zu Ende und alles Übrige eine Sache war für die Abteilungsleiter der Weltbank und die Genossen von der Staatssicherheit“. Auch Enzensbergers persönliche linke Utopien gingen zu dieser Zeit langsam zu Grunde.

Philipp Preuss hat die 33 Gesänge ungekürzt inszeniert und nur minimal mit aktuellen Bezügen angereichert. Allerdings hat er die Reihenfolge der Gesänge aus dramaturgischen Gründen umgestellt. So zeigt die Aufführung die Aktualität von Enzensbergers Text noch deutlicher auf als sie beim erstmaligen Wiederlesen nach vierzig Jahren ohnehin schon auffällt: An der klaffenden Schere zwischen Arm und Reich und dem Verschließen der Augen vor sich abzeichnenden Katastrophen hat sich nichts geändert. Der Zwischentext zwischen dem zehnten und dem elften Gesang folgt in Preuss‘ Inszenierung erst ganz am Ende. „Der Aufschub“ ist er betitelt, und er handelt vom Ausbruch des Vulkans Eldfell auf den Vestmannaeyjar-Inseln im Jahre 1973. Die durch die Bekämpfung des Ausbruchs entstandene Mauer aus gefrorener Lava führte zum besseren Schutz der Inseln vor der Brandung. Der Untergang des Abendlandes wurde aufgeschoben – vorläufig, wie Enzensberger es ausdrückt. Im Theater an der Ruhr wird hierzu der Vorhang zu den zum Park blickenden Fenstern aufgezogen. Draußen brennt ein großes Feuer, das von Schauspielern unter Kontrolle gehalten wird. „Das Schlimmste liegt hinter uns“, heißt es. Aber vor uns liegt der Klimawandel. Vor uns liegt die Sintflut.

Von diesem Augenblick verlief alles planmäßig.“ Wie ein Mantra fällt dieser Satz wieder und wieder. Man versichert sich, dass auf dem schlingernden Schiff alles zum Besten steht. Der Zuschauer weiß, dass es so nicht ist. Aber als er in der Premierenaufführung kurz nach einer solchen Feststellung von Deck gerufen wird, weil es „schwerwiegende technische Probleme“ gebe, weiß er nicht, dass das stimmt. Er wird im Foyer mit einem Getränk bewirtet. Doch die Band spielt dort nicht mehr, und nach einer guten halben Stunde wird die Hälfte der Zuschauer nach Hause geschickt, nicht ohne dass man ihr vorher ein leckeres Abendmahl spendiert. Die Hydraulikprobleme waren echt; die Belastung der Maschinen musste halbiert werden. Ist das ein Menetekel a diesem metaphernreichen Abend? – Nun, von da an verlief alles planmäßig. Mit einstündiger Verspätung legte das schwankende Theaterschiff im Hafen an. Das Theater an der Ruhr feierte einen fulminanten Saisonauftakt.