Requiem im Bielefeld, Stadttheater

Der gerade Rücken ist ein schweres Erbe der Natur

Ach, der Rezensent wäre wohl ein schlechter Erbe und Thronfolger. Die Reputation der milliardenschweren Familiendynastie gilt es aufrechtzuerhalten, den Bestand des Unternehmens zu sichern, das Familienvermögen zu mehren. Aber fast alle Fragen des gestrengen Vaters muss ich mit „Nein“ beantworten. Ja, fleißig bin ich, glaube ich. Aber ich bin nicht ordentlich, ich stehe nicht auf, wenn es draußen noch dunkel ist; zögerlich und ein wenig verschämt gebe ich zu, dass ich auch nicht recht an Gott glaube. Und tanzen kann ich auch nicht. „Komm“, sagt Thomas Wolff zu mir, ungeduldig und doch auch fürsorglich, „wir tanzen.“ Und er dreht ein paar Walzer-Kringel mit mir auf der riesigen Bühne der Bielefelder Rudolf-Oetker-Halle, mehr schlecht als recht, was aber ausschließlich auf meine Unbeholfenheit zurückzuführen ist. „Komm, wir sind eins“, hatte er zuvor gesagt und meine Hand auf seine Brust gelegt: „Spürst du: Mein Herz schlägt im gleichen Rhythmus wie deins.“ - „Wovor hast du Angst?“, hatte er gefragt und mit durchdringendem Blick skandiert: „Du machst das schon!“ Eine Ermutigung? Vielleicht. Aber eine einschüchternde - der Vater formuliert seine Erwartungshaltung, und die erlaubt keinen Widerspruch. Ich spüre: Ich habe die Familien- und Unternehmenstradition mit Stil, Führungsbewusstsein einem den Spitzen der Gesellschaft angemessenen Konservativismus fortzuführen.

Wie schon in früheren Projekten in Frankfurt, Bonn, Weimar und Düsseldorf (theater:pur berichtet hier) schafft Bernhard Mikeska mit seiner szenischen Installation Requiem in der Rudolf-Oetker-Halle Eins-zu-Eins-Begegnungen zwischen jeweils einem Zuschauer und wechselnden Schauspielern. Alle zwölf Minuten wird eine einzelne Person, ausgestattet mit einem Kopfhörer, auf einen Parcours geschickt, auf dem sie verschiedene Charaktere trifft und verschiedene Rollen einnimmt. In erster Linie ist meine Rolle die des baldigen Firmenerben. Vage tauchen wir ein in die Geschichte des Namensgebers der monumentalen Konzerthalle. Doch Rudolf Oetker starb bereits im Jahre 1916 mit 27 Jahren; die Geschichte, die ich heute mit den vier Schauspielern des Theaters Bielefeld erlebe, geht aber weit über sein Todesjahr hinaus. Die inszenierte Reise beansprucht eine zumindest partielle Allgemeingültigkeit für das Verhältnis innerhalb von Familien. Sie versetzt den Zuschauer in einen Traum. In der ersten Station sitze ich in einem Holzverschlag, einem Klohäuschen gleich. Die Brille hat man mir abgenommen; die Frauenstimme in meinem Ohr bittet mich, eine Augenbinde anzulegen. „Du träumst“, haucht die Stimme zart. „Als wär da draußen keine Stadt.“ Hier und auf dem blinden Gang zu meiner ersten Begegnung erfolgt der Transfer in die Traumwelt, für manchen vielleicht auch die Alptraumwelt, in der ich die nächste Stunde verbringen werde. Sie wird, wie das in Träumen so ist, manche reale Erinnerung wecken - in meinem Fall zum Beispiel an meinen autoritären, auf sein Preußentum stolzen Vater.

Meinen Oetker-Vater werde ich enttäuscht haben, obwohl er mir alle Möglichkeiten gab: Als ich durch den Künstler-Eingang auf die Bühne komme, auf der ich später Thomas Wolff treffen werde, ist der Saal noch leer. Der Anweisung in meinem Kopfhörer folgend, trete ich ans Dirigentenpult. Ich spüre die Macht, die mir die erhöhte Position vorn an der Rampe gibt, die Einflussmöglichkeiten, die ich habe, wenn ich mich jetzt vor einem hypothetisch voll besetzten Saal zu einer Rede aufschwinge. Wer hier steht, der dirigiert und lenkt. Automatisch nehme ich eine gerade Haltung ein, versuche den Raum mit Ausstrahlung und Autorität zu füllen. Doch der gerade Rücken ist ein schweres Erbe der Natur, wenn der Kopf dich ständig niederzieht, wusste schon Susanne in Botho Strauß‘ Trilogie des Wiedersehens anno 1979: Der Sohn, den ich spiele, befindet sich schnell in der Rolle des Underdogs, dem die Pflicht zur Last wird.

Das Treffen mit dem Vater ist die vierte Station auf meinem Parcours durch die Halle. Auf der zweiten (die Einstimmung im Holzverschlag mitgezählt) war ich der Mutter begegnet. Carmen Priego hatte mich in einem kleinen, ärmlichen Kinderzimmer empfangen. An der Schwelle zum Erwachsenwerden wurde ich eingeführt in die Pflichten des jungen Familienerben und Thronfolgers. Disziplin, Pflicht - und Lächeln und Freundlichkeit: Das sind die Vokabeln, die sich immer wiederholen werden. Bald werde ich auf gesellschaftlichen Ereignissen gefragt werden, wie es mir geht: Mutter gefällt meine Antwort: „Gut“. - „Ja, dir geht es gut - immer nur gut.“ - Und betoniere dein Gesicht, verschal’s mit Eisen, auch wenn dir nicht danach zumut ist - so drückte Ezra Pound das einst aus. Carmen Priego ist Lina Oetker, die dem gefallenen Sohn das Denkmal der Konzerthalle setzte. Sie spricht noch ein anderes, Anfang des 20. Jahrhunderts sensibles Thema an: Wie hältst du’s mit dem anderen Geschlecht? Priego verwandelt sich in einen Backfisch, wie man damals sagte; ich setze mich zu ihr aufs Bett, sie lockt und stößt mich (verbal) wieder davon, kreiert eine Situation voller Erotik, die Erinnerungen an die Angst vor der ersten unschuldigen Liebe hervorruft.

Und wie hältst du’s mit dem Opfertod? Auch diese Frage hatte Carmen Priego gestellt, und sie wird virulent in der nächsten Station. Eine stumme, in ein futuristisches Raumfahrer-Kostüm gekleidete Führerin lenkt mich mit unbewegtem Gesicht treppauf, treppab in einen Raum, bei dem es sich real wohl um eine Künstler-Garderobe handelt. Ich treffe auf Lukas Graser, den „Stellvertreter“. Im Unterhemd tritt er mir entgegen. Während unseres „Gesprächs“ kleidet sich an in Klamotten, die an Uniform und Militär erinnern. Wir befinden uns in der Zeit des Nationalsozialismus, und der Konzern verdient auch mit Geschäften mit dem Feind. Auch hier heißt es: „Hast du Angst?“ - Was meint er: Angst vor dem Krieg, vor dem Opfertod? Oder vor der Feindberührung im Geschäft? „Du Puddingmund!“, raunzt er mich verächtlich an - und macht doch die Abhängigkeitsverhältnisse deutlich: „Du bist fein raus; ich arbeite für dich.“ Da ist es wieder, mit veränderter Bedeutung: „Dir geht es gut.“

In der letzten Station geht es in eine Art Heizungskeller. Meine stumme Cicerone schmücken nun furchteinflößende Vampirzähne. Die Familie ist ein Raubtier, nach innen und trotz aller gesellschaftlicher Verantwortung, derer sich die Oetkers wohl bewusst sind und waren, manchmal auch nach außen. Im Keller höre ich keine klassische Musik mehr, wie sie mich zuvor ab und zu begleitet hatte, sondern flirrende Techno-Rhythmen. Stroboskoplicht flackert. Eine neue Frau im Silberkostüm nähert sich mir: Brit Dehler. Verführerisch, erotisch nähert sie sich mir auf Kussnähe - verbotene Liebe, verbotene Lust? Die personifizierte Gefahr des Abgleitens aus dem Zwang zur Selbstbeherrschung in die Welt der Triebe? Der Firmenerbe, der ich bin, sieht in ihr tatsächlich eine Möglichkeit zur Befreiung, doch hat er Angst, sie zu umarmen - so etwas tut man doch nicht! Natürlich nicht in der Theatersituation - aber vermutlich auch nicht in der Zwangsjacke der stets im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehenden Familie. Auch Dehler spielt mit der Doppelbödigkeit des Menschen und Unternehmers, bildet Wortspiele: Sprechen wir über wahre Lust oder Warenkurs? - Das erotische Spiel wird abrupt beendet: Kanonendonner tönt in meinem Kopfhörer. „Flieh!“, ruft die gerade lieb gewonnene Brit. Und hilft, als ich die falsche Treppe nehmen will… Rudolf Oetker kam im 1. Weltkrieg bei Kriegshandlungen nahe Verdun ums Leben.

Du träumst. Als wär‘ da draußen keine Stadt“ - Ja, es ist stets an der Schwelle zum Traum, an der sich der Zuschauer bewegt. Es ist ein Traum, der auch zu sich selbst führt. Eine solche Erfahrung macht auch etwas mit der eigenen Psyche. Jeder Zuschauer, jede Zuschauerin erlebt einen individuellen inneren Parcours - beim Testpublikum, so erzählt die Pressesprecherin Nadine Brockmann, habe es ein Ehepaar gegeben, das sich anschließend sicher gewesen sei, dass beide Partner unterschiedliche Inszenierungen erlebt hätten. Wenn wir erwachen aus dem Traum, landen wir draußen vor der Tür. Wir hören noch einen letzten Satz: „Über dir ist nur der Himmel.“ Wie so vieles in dieser Inszenierung ist auch dieser Satz bewusst uneindeutig: Bezieht er sich auf den Tod des Rudolf Oetker und seine auffliegende Seele - oder bezieht er sich auf die Allmächtigkeit des Firmen-Chefs?

Egal: Vielleicht wäre ich ein schlechter Erbe. Aber ich möchte auch kein Rudolf Oetker sein, wenn dies mit derart engen Korsettstangen verbunden wäre. Es gibt sie in jeder Familie, aber je exponierter die Stellung, desto enger sind die Korsettstangen wohl. Harry und Meghan versuchen gerade, sich diesen Korsettstangen zu entziehen. Good luck, folks. Ihr macht es richtig.