Blick zurück nach vorn im Schauspielhaus Düsseldorf

Fragen nach Schuld und Sühne

Sie haben gefragt und nachgebohrt, wollten erfahren, was ihre Vorfahren, dazu gebracht hat, das Dritte Reich nicht nur zu ermöglichen, sondern auch zu er- und zu überleben. Mal wieder geht’s um Täter und Opfer, richtiger: Täter oder Opfer? Auf die Spuren ihrer Eltern und Großeltern, Tanten und Onkels haben sich elf Düsseldorferinnen und Düsseldorfer begeben. Sie fragten, sie forschten - und blieben doch oft ohne Antwort auf das Wie und Warum. 

Wie auch anders? Aber würde das uns, die Nachgeborenen, wirklich weiterbringen? Zweifel sind erlaubt, zumal die Gegenwart so viel moralischer auch nicht daherkommt. Lügen, Machtgelüste - und ihnen nachrennende ganze Völkerschaften lassen daran zweifeln, dass das Wissen um das, was war und in eine Katastrophe geführt hat, wirklich erkennbare Folgen mit sich bringt. Vernunft? Einsicht? Wo, bitte, sind die heute wirklich ausgeprägter als früher?

Ob und wieweit ein „Blick zurück“ deswegen (und immer) auch einer „nach vorn“ ist, Titel dieser Uraufführung einer „Familienchronik gegen das Vergessen“ im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspiels, dürfte in der Schwebe bleiben.

Spielerisch locker ist der Beginn. Elf Frauen und Männer stellen sich vor, reißen kurz die Geschichte ihrer Familie an, lassen ihre augenblickliche Situation erahnen. Fotos von im Krieg gefallenen Brüdern und Vätern machen die ganz individuellen Familiengeschichten und Tragödien sowohl persönlich als auch allgemein: Sie stehen für sich - und eine ganze Generation.

81 Jahre alt ist Marlene Natus, die älteste Zeugin, der nicht selten, wenn sie von den Untiefen der Zeit und ihrer Familie spricht, die Stimme zu versagen droht. Aber es wird nicht gejammert, nicht angeklagt. Fragen sich doch fast alle, was sie selbst gemacht hätten, wären sie in der Rolle ihrer Väter und Brüder, Onkels und Mütter gewesen.

Wenn sich dann ein „echtes“ Ehepaar von heute in die Wolle kriegt, weil sie, Elke Fricke, ihrem Mann, Willi Mannheim, nicht nachsehen kann, dass dessen Bruder, mit 88 Jahren 20 Jahre älter, in der SS war. Da kocht, wenn auch nur kurz, die Schwierigkeit auf, einem anderen zu verzeihen, während man selbst die Moral gepachtet zu haben scheint.

Doch auch diese reale, eindeutig aus dem Alltagsleben des Paares herausgehobene Szene vermeidet es, sich über die zu erheben, die sich haben einwickeln lassen. Von einem Regime, das schließlich alles beherrschte. Den Anfängen wehren? Das war und ist gut gesagt, kann aber auch einer verlogenen und bigotten Moral Vorschub leisten.

„Macht euch doch ein eigenes Leben“, fährt, wie ein Weckruf, Marina Feldker dazwischen. Ein Leben ohne Schuldkomplexe mahnt sie an. Und schwärmt, Tochter einer vietnamesischen Familie, vom freiheitlichen leben in Deutschland. Im Emsland geboren, fühlt sie sich dort nicht nur zu Hause. Dort wird sie akzeptiert, ja geliebt. Komme ihr nur ja keiner mit Fremden-Phobie oder gar Fremdenhass, springt ihr aus allen Poren. Voll integriert sei sie, betont die junge Frau. „Ich fühle mich sauwohl“.

90 Minuten lang geben die Menschen Einblicke in ihr alltägliches und zugleich vergangenes Leben. Ohne Larmoyanz, ohne Selbstgerechtigkeit. Einfach nur auf der Suche nach sich selbst und ihrer Welt - und die ihrer Familie. „Wie kann ich mit meiner tollen Oma ins Gericht gehen? Ist die etwa mitschuldig an den Verbrechen der Nazis?“, heißt es einmal.

Es ist ein Abend, der nicht selten rührt. Weil er Gefühlen eine Sprache gibt, die nichts will als erfahren: Wie war das damals? Das darf nicht mehr passieren! Möge sich dieser Wunsch erfüllen. Die Welt sieht anders aus.

Mit stehenden Ovationen dankte das Publikum der offenen und entwaffnenden Ehrlichkeit dieser elf Düsseldorfer Bürger.