I build my time im Schauspielhaus Düsseldorf

Musikalische Zeitreise mit der Zeitzeugin Marianne Hoika

Zum Abschluss der Jubiläumsfeiern anlässlich des fünfzigsten Geburtstags des Düsseldorfer Schauspielhauses stand der neue Liederabend von André Kaczmarzyk auf dem Programm. Auch diese Produktion wird voraussichtlich wie sein Liederabend Boys don’t cry and girls just want to have fun zu einem Renner - dank einer ziemlich genialen Mischung von Musik verschiedener Epochen, ergänzt durch anschauliche Projektionen, dargeboten von einem spiel- und sangesfreudigen Ensemble, begleitet von einer furiosen Band (Piano: Matts Johan Leenders, Drums: Max Hilpert/Andreas Janssen, Bass: Richard Eisenach/Nico Brandenburg, Gitarre/Posaune: Bastian Ruppert/Tobias Keil, Saxophon/Flöte/Keys/Gesang: Natalie Hausmann/Miriam Frank).

Der Titel I build my time stammt von einem Song von Theo Bleckmann. André Kaczmarczyk – ein Ausnahmetalent - sowohl exzellenter Schauspieler und Sänger wie auch Regisseur – lässt uns auf die letzten fünfzig Jahre und noch weiter bis zur Stunde null zurückblicken. Auf der Vorderbühne sitzen links die Musiker um Matts Johan Leenders, die zuweilen das Ensemble auch gesanglich unterstützen. Dahinter eine Brücke mit Aufgängen an beiden Seiten. Eine große Projektionsfläche, auf der Politiker vergangener Zeiten, Parolen, Werbesymbole, alte Fotos mit diskutierenden Studenten jeweils die entsprechende Zeit parallel zu den Songs dokumentieren.
Marianne Hoika, die als Schauspielerin
siebenundvierzig Jahre zum Ensemble des Düsseldorfer Hauses gehörte und daher wohl den meisten Zuschauern noch bestens bekannt ist, führt als Zeitzeugin in blau-lila Glitzergewand durch den Abend. Unverwechselbar ihre rauchige Stimme. Einfühlsam, wie sie den Abend beginnt: „Vogelahorn – ja, ich bin schon lange nicht mehr hier gewesen.“ Zur Erklärung: Vogel-Augen-Ahorn heißt das Holz, mit dem der Düsseldorfer Zuschauerraum ausgekleidet ist. So beginnt ihr Monolog. Dann hebt sich der Eiserne Vorhang, die Schauspieler stürmen herein und es geht los mit einem hinreißenden Lieder- und Chansonabend. Marianne Hoika sitzt über weite Strecken auf einem Hocker rechts auf der Bühne. Ab und an trägt sie mit Erinnerungen - an ihre Kindheit, an ihre Zeit hier am Theater – zum Rückblick auf Vergangenes bei. Ein kleiner Junge, etwa zehn Jahre alt, Feras Al-Husseini, fungiert sehr talentiert als Conferencier, der durch den Abend führt, indem er die einzelnen Zeitabschnitte bzw. Jahre ansagt.

Ein sehr beschwingter Abend, der durch das gekonnt zusammengestellte Potpourri der Lieder und Chansons – von Deep Purple bis Reinhard Mey, von DJ Bobo über Queen bis Grönemeyer und Marianne Faithful, um nur einige wenige zu nennen - , durch gekonnte Tanzeinlagen wie eine Rock’n Roll-Nummer und nicht zuletzt auch durch zahllose Kostüme, passend zur jeweils angesprochenen Zeit, das Publikum mitriss. Jedes Ensemblemitglied hat auch einen Soloauftritt. So Rainer Philippi mit einem bestechenden Vortrag von Degenhardts „Befragung eines Kriegsdienstverweigerers“ oder Hanna Werth mit „Que Sera, Sera“ von Doris Day. Cladia Hübbecker und Lou Strenger glänzen stimmlich, nicht nur bei „Child in Time“ von Deep Purple. Sebastian Tessenow beeindruckt sowohl durch sein Tanzvermögen wie auch stimmlich. André Kaczmarczyk präsentiert hervorragend „London Calling“ von The Clash.
Der Abend nimmt immer mehr Fahrt auf, Song reiht sich an Song, manchmal nur kurz angerissen. Dann singt Feras Al-Husseini „Tomorrow“ erstaunlich gut für sein Alter. Marianne Hoika zitiert „Born to live“ (Marianne Faithful), dann stimmen alle ein.

Ein bewegender Schluss eines überaus vielseitigen, humorvollen, musikalisch und tänzerisch hinreißenden Abends. Standing ovations! Was sonst?