Rotziges aus dem dänischen Bettenlager
Beiläufig erfährt man im Laufe des siebzigminütigen Abends, was es mit dem merkwürdigen Titel auf sich hat. Herbjörg Maria Björnson genannt Herra, die achtzigjährige Protagonistin von Hallgrimur Helgasons Roman und der arg eingekürzten Bühnenfassung von Gabriele Hänel, liegt im Sterben. Sie will sich nach ihrem Tod verbrennen lassen – vorausgesetzt, der Ofen wird auf mindestens 1000 Grad vorgeheizt. Schon jetzt steigt Rauch auf aus dem dänischen Kingsize Bett, unter dessen zerknülltem Oberbett und Kissen sich die alte Dame verbirgt: Die Lady qualmt wie ein Schlot. Und sie ist eine heiße Braut. Achtzig verweht – die Abenteuer ihres bewegten Lebens summieren sich zu einem wilden, kauzigen, aber nicht unpolitischen Ritt durch die europäische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts bis hin zum Jahre 2009. In Köln ist Herra nur eine Puppe. Aber was für eine!
Herbjörg Maria Björnson ist eine alte Schabracke, die mit einer Handgranate und einem Laptop in einer alten Garage auf den Tod wartet. Sie hackt die Mail Accounts der noch viel ungeduldiger auf ihren Tod wartenden Verwandtschaft, chattet unter dem Pseudonym einer (real existierenden) isländischen Ex-Miss-World mit virtuellen Liebhabern aus aller Welt und tippt – zumindest im Roman - ihre Autobiographie in den Laptop. In der Kölner Inszenierung erzählt sie ihr Leben der Pflegerin Lóa. Herra war einst eine mondäne Frau, und sie war ein den Unbill des Lebens und des Krieges ausgesetztes, unbehütetes armes Mädchen. Eine heiße Braut war sie zumindest in ihrer Jugend. Sie hat sogar John Lennon geküsst – damals in Hamburg, lange bevor der einer der legendären Pilzköpfe wurde. Weit über 100 Männer hat sie gehabt – die meisten allerdings nicht freiwillig. Sie wurde mehrfach vergewaltigt, gab sich einem edlen Nazi hin und bekam Kinder von neun Männern, die sich einer nach dem anderen als Säufer-Naturen und Nichtsnutze entpuppten. Herra ist die Enkelin des ersten isländischen Staatspräsidenten, Tochter eines wegen seiner politischen Ansichten in der Familie scheel angesehenen Diplomaten, der den Nazis in Berlin diente. Er expedierte Herra im zweiten Weltkrieg solo und unbegleitet im Rahmen der Kinderlandverschickung auf eine Nordseeinsel. Von diesem Moment an irrte sie schutzlos und allein durch das Leben. In einem solchen Leben wird man skrupellos, vielleicht auch wunderlich. Herras Humor ist makaber, ihre Sprache oftmals vulgär. Mit der Welt und ihrer Familie hat sie noch das eine oder andere Hühnchen zu rupfen, und das tut sie mit entzückender Boshaftigkeit und bestechendem Witz. Regisseur Moritz Sostmann hat jedoch im Gegensatz zu weiten Teilen der Literaturkritik erkannt, dass sie kein männergeiles und menschenfeindliches Monster und keine Hexe ist, sondern eine zutiefst verletzliche und verletzte Person.
Im Roman ziehen auf vierhundert Seiten zahllose Figuren am Leser vorüber und bilden ein buntes Kaleidoskop von Charakteren. Moritz Sostmann dampft den Roman auf siebzig Minuten, eine Puppe und eine Schauspielerin ein. Dass die Verluste immens sind, lässt sich kaum vermeiden. Den am Bettpfosten platzierten Fahnen zum Trotz (dem Union Jack, der isländischen und der Hakenkreuzflagge) geht vor allem die historische Komponente weitgehend unter. Der Roman wirft einen sehr individuellen, aber gerade deshalb originellen Blick aus der Perspektive eines unbehausten jungen Mädchens auf die Zeit des Nationalsozialismus, auf die (für den deutschen Leser weniger gut durchschaubaren) Gründungsjahre des isländischen Staates und die Besetzung der Insel im Zweiten. Weltkrieg durch Großbritannien. Sostmann gelingt es, erstaunlich viele Episoden des Romans in seiner kurzen Inszenierung unterzubringen, doch führen die radikalen Kürzungen der einzelnen Szenen dazu, dass die politischen Schwerpunkte nur noch in Ansätzen erkennbar sind. Vor allem zu Beginn wird der abgründige Roman zur lustigen Petitesse geschrumpft; anderseits verstecken Sostmann und Hänel auch einen unüberhörbaren Aufruf zur Emanzipation der Frau in ihrem kurzen Text.
Moritz Sostmann ist am Schauspiel Köln der Spezialist fürs Puppenspiel, und Magda Lena Schlott ist seine begnadetste Puppenführerin. Auch diesmal wieder gelingt der Puppe eine großartige Charakterzeichnung, Schlott als Schauspielerin und Sprecherin der Puppe dagegen weniger. Solche Mysterien sind wir bereits gewohnt aus früheren Sostmann-Inszenierungen: Die Puppen von Hagen Tilp entwickeln auf magische Weise ein Eigenleben, das sie ihren Pendants aus Fleisch und Blut überlegen erscheinen lässt. Die grauhaarige Herra hat einen harten Dickkopf und einen extrem fragilen Körper – knapp 40 Kilo Weiberfleisch, wie es im Roman heißt, wehren sich erfolgreich gegen das Vergessen. Die Puppen-Herra ist rotzig, bockig und halsstarrig, voller Zynismus und beißendem Spott, aber auch traurig – und verwandelt sich im nächsten Moment in eine zarte, verletzliche junge Frau. Kaum setzt Schlott ihr eine Sonnenbrille und eine Kopfbedeckung auf, rekelt sie sich lasziv als Mittzwanzigerin im fernen Afrika in der Sonne; die wiederkehrenden Verrichtungen, die die Pflegekraft mit Herra durchführen muss, geben ihr etwas Zerbrechliches, das im Roman erst spät durchscheint.
Magda Lena Schlott ist als Pflegerin Lóa nur eine Stichwortgeberin, die den rotzigen Stil von Herras Erzählungen aus dem Kingsize Lager manchmal gar unfreiwillig konterkariert. Schauspielerisch glänzt sie in der dichtesten Szene des Abends: als traurige Nutte, die sich für das Leben ihres Mannes prostituiert und die ohne zu zögern die sexuelle Aufklärung der kleinen Herra übernimmt: Hinreißend direkt antwortet sie auf des Mädchens hinreißend direkte Fragen. Da endlich ist der Mensch auf Augenhöhe mit der Puppe. Die Handgranate, die Vater der kleinen Herra im Krieg zur Selbstverteidigung vermacht hatte, wird Herra übrigens nicht benötigen. Etwas unvermittelt, aber friedlich entschläft sie. Und wir applaudieren einem amüsanten Puppensolo und ein paar abenteuerlichen Geschichten, die aber den Genuss, den man beim Lesen des Romans empfindet, nicht ersetzen können.