Der Bundesbürger im Theater Münster

Keine Provinz-Posse

Da werden sie wieder wachgerufen, die Gedanken der Münsteraner zu einem der ihren: Jürgen W. Möllemann. Quantitativ ist die Spannbreite der Erinnerungen breit. Von nicht vorhanden bis ziemlich konkret sind alle Extreme vorhanden. Mit dieser Rückschau lassen Annalena und Konstantin Küspert ihre Annäherung an Möllemann, den Bundesbürger, beginnen. Ein Wagnis in einer Stadt, in der viele ihn gekannt, ihn noch erlebt oder auch nur - weil hier sein Wohnort war - eine dezidierte Meinung zu ihm haben (meinen haben zu müssen).

Und doch - das wird sich im Laufe der guten Stunde schnell zeigen - eine gute, nein eine sehr gute Idee. Denn die Autoren nähern sich nicht dem Menschen, sondern dem Phänomen Möllemann. Ein Phänomen der Bonner und der beginnenden Berliner Republik, an dem Vorstufen des Populismus unserer Tage erkannt und erläutert werden.

Und das zumeist pointiert mit geschliffenem Wortwitz. Drei aus dem Produktionsteam für eine neue Fernsehserie über das Leben Möllemanns hat man sich erdacht. Drei, die dem Publikum die Scripte zu fünf Folgen rund um Möllemann vorstellen. Die sind unterschiedlich gestaltet. So finden wir eine Episode mit Möllemann als Super-Mario, eine als Fußball-Reportage und am Ende erklärt ein Fallschirmspringer ganz sachlich Aufgaben und Maßnahmen zur Vorbereitung eines perfekten Sprungs.

Wir erfahren locker ohne erhobene Zeigefinger oder überflüssiges Beiwerk eine Menge über die Funktionsweise von Politik, „sinnstiftenden Verzahnungen“ von Politik und Wirtschaft, bekommen mit, wie Möllemann Politik macht nach dem Motto: „auf einen grobem Klotz gehört ein grober Keil“. Das ist vielleicht zuerst noch witzig, gipfelt letztlich aber in Antisemitismus und populistischen Ansätzen. Das alles enthüllen die Küsperts in ihrem Bundesbürger fein säuberlich, nachvollziehbar und auch mit Humor und einer Spur Nachsicht. Nur als sie eine Verbindung zu ziehen versuchen von alten Nazis in der FDP zu Möllemann geraten sie in Gefahr, ihre feine Florettklinge gegen eine grobe Streitaxt auszutauschen. Die in diesem Zusammenhang gezogenen Schlüsse wirken sehr weit hergeholt. Insgesamt aber verbinden Annalena und Konstantin Küspert im Bundesbürger gekonnt Elemente aus einem Schelmenstück mit entlarvenden Szenen.

Regisseurin Ruth Messing und Ausstatterin Ayse Gülsüm Özel konzentrieren sich wie die Autoren auf das Wesentliche. Da reicht ein kleiner Fußball auf einem Stehtisch und wir befinden uns mitten drin in einer (zugegeben westfälisch-zurückhaltenden) Spielreportage und auch der Super-Mario-Möllemann bedarf nur einer Stellwand, um seine Gegner aus dem Spiel zu befördern. Einfachheit ist hier das Wesen der Inszenierung und die trägt auch dank des Textes und dreier Schauspieler, die an diesem Abend keine Wünsche offen lassen, besonders in Hinblick auf Verwandlungsfähigkeit. Unentwegt schlüpfen Ilja Harjes, Rose Lohmann und Thomas Mehlhorn in unterschiedliche Rollen, wirbeln und wuseln umher. Und sind doch am eindrucksvollsten, wenn sie sich mittels Masken, die aus Wangen, Nase und Schnauzer bestehen, in Jürgen W. Möllemann verwandeln. Es ist gespenstisch, wie ein kleines Accessoire ein Gesicht total verändern kann. Besonders Mehlhorns Ähnlichkeit ist frappierend, einfach frappierend. Und so kommt diesem kleinen Requisit große Bedeutung zu. Ideengeber und Ausführende der Maske haben ihren Anteil am Gelingen des Möllemann-Lehrstücks. Akteure, Regieteam und Autoren wurden vom Publikum mit Applaus überschüttet.

Der Bundesbürger ist ein glänzender Mosaikstein in Schauspieldirektor Frank Behnkes bewundernswert konsequent auf bundesrepublikanische Geschichte und deutsche Befindlichkeiten ausgerichteten Spielplan.