Rosa Luxemburg im Köln, Theater im Bauturm

Ein kleines Genie – hart, intellektuell, poetisch

Sie war schon früh ein kleines Genie. Humanistisch gebildet, 1871 im von Russland beherrschten Teil Polens geboren, wuchs die Tochter, fünftes Kind jüdischer Eltern, mit Polnisch und Deutsch auf. Russisch kam hinzu, außerdem Latein und Altgriechisch. Mama Line, geborene Löwenstein, machte sie zudem vor allem mit polnischer und deutscher Dichtung vertraut.

Bekannt wurde Rosa Luxemburg freilich vor allem als Politikerin. Und zwar als eine Vertreterin zunehmend linker Positionen. Beste ihres Abitur-Jahrgangs, floh sie, von der Polizei des Zaren ins Visier genommen, 1888 in die Schweiz. Nur in Zürich hatte die hochintelligente 17-Jährige die Chance zu studieren: Die Universität der Limmat-Stadt war damals die einzige im deutschsprachigen Raum, an der Frauen wie Männer studieren durften. Sie belegte Studienfächer gleich reihenweise, von der Botanik bis zur Juristerei, von den Staatswissenschaften bis zu Karl Marx „Kapital“.

Zurück in Polen, war sie dort 1894 Mitbegründerin der „Sozialdemokratie des Königreichs Polen“. Einer ihrer Leitartikel zum Klassenkampf wurde zugleich auch Parteiprogramm. Mit ihrer Rigorosität beim Thema Klassenbewusstsein des „Proletariats“ geriet sie freilich zunehmend zwischen alle Fronten und wurde zur Hassfigur nicht nur ihrer parteipolitischen Gegner. Sogar innerhalb der eigenen Partei war sie mehr als umstritten.

Die noch in Zürich zur Doktorin promovierte überzeugte Marxistin und Verfechterin des Kommunistischen Manifestes von Karl Marx und Friedrich Engels zog schließlich 1898 nach Berlin. Am 15. Januar 1919 wurde sie dort, kurz nach Ende der Spartacus-Aufstandes, von Freischärlern ermordet.

Ein Jahrhundert später - und kein bisschen weiser? Im Kölner Privattheater „Bauturm“ orientieren sich Tom Müller und das dreiköpfige Ensemble um eine facettenreiche Rosa Luxemburg. Hat sie doch selbst, harte Verfechterin einer sozialen Revolution, dafür plädiert, das Leben „trotz allem tapfer, unverzagt und lächelnd“ zu leben. Dass ihr Inneres, ebenfalls eigenem Bekunden nach, sich „mehr den Kohlmeisen als den Genossen“ verpflichtet fühlte, spricht zudem für die Fähigkeit zur Selbstironie und Erdverbundenheit.

Eine Charaktereigenschaft, die sie weit heraushebt aus der Welt einer vielfach verquälten und todernsten revolutionären Ideologie. Witz und Selbstironie, Poesie und Sinn für die Komik des Daseins sind denn auch herausragende Eigenschaften der Inszenierung im Kölner „Bauturm“. Das grandios agierende, alle Körperphasen einsetzende Trio, macht den Abend zu einem Vergnügen, das unvermittelt Nachdenklichkeit provoziert. Im Spielerischen liegt seine Kraft, nicht in ideologischen oder anklägerischen Statements.

Fast clownesk beginnt es. Und dabei fast metaphorisch. Einem Kokon gleich vorheddern sich die Akteure in einem riesigen Haufen von Stoffen. Aus ihm den Weg herauszufinden, bedarf es fast schöpferischer Kräfte. Es gelingt - und zwei Männer (Benjamin Kühni und Paulo de Queiroz) und eine Frau (Hannah Krebs) betreten, besser: zittern sich in die Szene. In eine Szene übrigens, die von zwei Publikums-Blöcken eingerahmt wird.

„Wassertropfen“ beschwört einer von ihnen immer wieder verbal, kostümiert wie ein Lappen-Clown im Karneval - und macht dazu das Geräusch tropfenden Wassers. Von nun an sind Sprache und Körperbewegungen in einem regen Austausch. Körper-Theater erleben wir. Ein Hinweis darauf, dass Wort und Tat aufeinander bezogen sind.

Noch scheint Rosa Luxemburg fern. Erst nach gefühlten 20 Minuten stocken Sprache und die fast hektischen Körperaktionen. Dass die meisten Texte von Rosa Luxemburg stammen, ist oft nur zu erahnen. Fast unerwartet finden wir uns dann plötzlich in einer Interview-Situation mit einem der mutmaßlich Verantwortlichen für den Mord an der poetischen Revolutionärin wieder, werden in deren Todesjahr 1919 versetzt.

Wenig später wird das Proletariat beschworen, gilt der Sozialismus als der „einzige Rettungsanker des Menschen“. Doch noch während diese „Rettung“ wortreich erhofft wird, liegt das Trio am Boden, versuchen die drei verzweifelt, einer den anderen, hochzuheben, wieder auf die Beine zu stellen. Vergeblich. Ein äußerst pessimistisches Bild derer, die die Welt eigentlich retten sollen. Ein Bild, das zudem die Wirklichkeit von heute widerspiegelt. In einer Inszenierung, die selbstkritisch infrage stellt, was Revolution überhaupt erreichen kann, konnte - und heute könnte.

Im ständigen Ringen der Worte und der sich fast permanent windenden und verdrehenden Körper hellen poetische Bilder diese Welt immer wieder einmal auf. Das Hohelied auf das Wasser wird gesungen. Beschworen als etwas Reines, Natürliches, nicht vom Menschen Gemachtes. Hoffnung scheint sich breit zu machen. Hoffnung, dass sich auch nach der Ermordung Rosa Luxemburgs - hier wird der Abend authentisch, hart und unerbittlich - Chancen auf Veränderungen ergeben.

„Ich glaube, dass ein Schiff, das von Matrosen gesteuert wird, immer noch in den Hafen fahren kann“, ist einer der letzten hoffnungsvollen Worte dieser Inszenierung im Bauturm.

Der Inszenierung ist recht Ungewöhnliches gelungen: Durch Poesie und Komik lauert spielerisch der Ernst der Wirklichkeit. Ohne Anklage, ohne jede Larmoyanz. Blendend.

Das Publikum jubelte.