Übrigens …

Fabriktagebuch/Die Mutter im Augsburg

Harfouch streng episch - mit im Geiste erhobenem Zeigefinger

So unterschiedlich wie die beiden Künstlerinnen Harfouch und Reinsperger, so extrem im Ansatz verschieden sind ihre Arbeiten. Streng und ohne jede Empathie schafft Corinna Harfouch einen Zusammenschnitt von Brechts Die Mutter und Simone Weils Fabriktagebuch. Nach einem eingeblendeten Brecht-Zitat, in dem er beansprucht, für die ganze Menschheit zu sprechen, erscheint ein kleines Püppchen vor tiefschwarzem Hintergrund und berichtet recht lebendig (Stimme Harfouch) aus der Vita der französischen Sozialrevolutionärin Simone Weil, einer Zeitgenossin Brechts. Wir erfahren, dass die Tochter aus wohlhabendem jüdischem Hause sich entschloss, ein ganzes Jahr als ungelernte Arbeiterin in einer Fabrik zu malochen. Aus dem Tagebuch, das in dieser Zeit entstand, liest dann Corinna Harfouch Auszüge: demonstrativ unbeteiligt, lehrhaft, episch. Lediglich bei der Schilderung der Hektik und Monotonie der Akkordarbeit gewinnt der Sprachfluss Kraft und der Dramatik des Erzählstoffs angepasste Rhythmik. Der Lichtkegel, scharf auf die ungeordnet verteilten weißen Blätter auf dem Tisch fokussiert, wirft nur einen schwachen Reflex auf das ernsthaft aufs Lesen konzentrierte Gesicht. Außer den Händen verschwindet die schwarz gekleidete Gestalt der Leserin in Black-Box-Manier. Der mehr und mehr abstrakt-philosophische Text mündet in der recht theoretischen Frage: Was heißt es, als Individuum in einem Strom der Kollektivität eine Stimme, ein Leben, eine Autonomie finden zu können?

Hier unterbricht Harfouch die Vorlesung und wechselt zum Puppenspiel. Mit groben schwarzen Strichen auf weißes Papier gezeichnete Stabpüppchen erspielen eine Szene aus dem Brechttext „Die Mutter“, in dem sich die unpolitische Frau aus Sorge um ihren Sohn zur Revolutionärin wandelt. Dann wieder abgelesener Weil-Text und so weiter im Wechsel.

Leider haben auch die Püppchen wenig Strahlkraft und so wird das Ganze zu einer farblosen Geschichtsstunde zu längst bekannten Thesen. (Idee, Konzept, Stückfassung: Corinna Harfouch, Regie Harfouch und Hannah Dörr.) Schade!

(Dass man den Brecht-Text, den er 1906/07 nach dem Roman von Maxim Gorki schrieb, auch als Nachgeborener noch überzeugend interpretieren kann, zeigte Peter Stein 1970 am BE).