Starke Frauen über starke Frauen
Der zweite Tag des Brecht-Festivals: der Tag der starken Frauen. Thematisch sind sie angekündigt für das diesjährige Festival: Nicht der Meister selbst soll im Mittelpunkt stehen, sondern zum einen bedeutsame Frauen, die mit ihm im Kollektiv gearbeitet haben, ihm zweifellos zum Ruhm verhalfen - ganz gleich ob Ehefrau oder Geliebte - wie Helene Weigel, Elisabeth Hauptmann, Margarete Steffin und Ruth Berlau - zum anderen Persönlichkeiten und Künstlerinnen, die zu ihm und seinem Werk in Beziehung stehen. So werden Texte der zeitgenössischen Sozialrevolutionärin Simone Weil und der Schriftstellerin Inge Müller (die, zeitlebens im Schatten des Ruhmes ihres Mannes Heiner Müller, von der literarischen Welt übersehen wurde) von engagierten Frauen unserer Tage wie Stefanie Reinsperger und Corinna Harfouch höchst unterschiedlich in Szene gesetzt.
Stefanie Reinsperger spielt sich mehr oder weniger selbst in ihrer kraftvollen, irritierenden, verwirrenden Performance zwischen Lust und Verzweiflung. Bilder stehen für sich oder werden surreal überblendet, Texte werden verwoben, reiben sich aneinander, werden ver- und entwirrt, überfordern, um am Ende zu faszinieren
Der Titel wird eigeblendet: Ich bin ein Dreck, dann Vogelgezwitscher zu vier Männerbeinen im Herbstlaub, eine Pistole, zwei Schüsse. Kein Text. Das nächste Bild: ein Männermund mit dicker Zigarre, eine verschneite Straße, ganz vorne der Rücken eines Mannes mit Kappe am Schreibtisch und dann eine Frauenstimme „Herr Brecht, Herr Brecht, Herr Brecht! Ich weiß kein Lied, ich weiß kein Wort, ich weiß nur eins lieber Bert: Als du mich das erste Male fragtest...“, da sind wir im so betitelten Text von Margarete Steffin, Geliebte, Koautorin, Rechte Hand des Meisters. Von fern taucht Stefanie Reinsperger auf, der Text wird frivol, doch unvermittelt werden Szenen aus dem Kaukasischen Kreidekreis eingeblendet: Reinsperger erscheint als verzweifelte Magd Grusche aus der Thalheimer-Inszenierung am BE in Berlin (die schon beim Lessingfestival in Hamburg als Theaterfilm gestreamt wurde - s. Besprechung hier). Mit dem Kindsbündel im Arm brüllt sie immer wieder „Das ist mein, das ist mein“ und dann vor Brecht (die im Original an den fernen Verlobten Simon gerichteten Worte) „Ich werde auf dich warten!“ Da steht die Reinsperger gleich zweimal vor dem Dichter und die aus dem Zusammenhang gerissenen Sätze wirken - nicht ohne boshafte Ironie - wie Anklagen gegen den Meister. Dann kommen mehr und mehr Frauengestalten, immer wieder Reinsperger, sechsmal gleichzeitig im Bild - mal abgerissen vergrämt, mal mondän oder intellektuell - und böse vergnügt wiederholen sie alle die Aufforderung „Bert, stell dir vor, es kämen alle Frauen, die du einmal hattest, an dein Bett!“ Eine gelungene späte Weiberrache! Dazwischen reden alle durcheinander, Texte überlagern sich, man erahnt Satzfetzen aus Brechts Mutter Courage, Baal, Kreidekreis, Das Lied vom Soldaten sowie aus Inge Müllers Ode an die Einsamkeit. Meine Mutter wollte mich nicht haben und last but not least Margarete Steffins Texte aus Konfutse versteht nichts von Frauen, daraus auch der Titel: Ich bin ein Dreck.“ (Zur Auflistung braucht’s den Abspann).
In der nächsten Szene wird’s weniger dramatisch. Julian Keck liest als Brecht aus dessen Tagebüchern, mal prosaisch, mal selbstkritisch, mutlos: „Ich kenne mich im Leben nicht aus“, resümiert er.
Dann übernimmt Reinsperger wieder: auf allen Vieren kriecht sie mit der Wucht ihres Körpers durchs Gestrüpp, über Schienen und Geröll. Jammert und klagt mit dem ihr eigenen Pathos. Und da ist er dann wieder, der böse Titel: „Ich bin ein Dreck!“ Was bleibt ist „die Wahl zwischen ein Dreck sein oder gar nichts sein“. Alles ein bisschen überzeichnet, doch die Klischees verzeiht man.
Noch einmal Szenenwechsel. Schwer ramponiert landet Reinsperger in einer Duschkabine und lauscht dem Klagelied eines verzweifelten Mannes in der Nachbarkabine (eindrucksvoll: Wolfgang Michael). Kein Wasserrauschen, nur der schmerzvolle Abgesang eines Verzagten zum Brechttext Meine längste Reise/Berichtigung alter Mythen. Zu sphärischen Klängen aus dem Off sinniert er über das Wesen der Kunst und über den „Provinzler“ Odysseus, bevor er hustend zusammensackt.
Eine phantastische Performance, ein zwar verwirrender, doch eindrucksvoller digitaler Genre-Mix, in dem Theater, Film, Ton und völlig zurückgenommenes Licht ein neues Genre: den Theaterfilm ergeben. (Sounddesigne & Musik Bendrik Grossterlinden und Matthias Schubert, Kamera und Schnitt Bahadir Hamdemir, Gesamtkonzeption Stefanie Reinsperger und Akin Isletme). Der einfallsreichen, doch recht sprunghaften Collage hätte allerdings ein dramaturgisches Konzept gut getan.