Pandemische Isolation im Biedermeierkostüm
„Ein Stück zur Lebensrealität“ lautete sinngemäß der Arbeitsauftrag im Frühjahr 2020 an Philipp Löhle, derzeit Hausautor am Staatsschauspiel Nürnberg. Es entstand ISOLA, ein Text zur Pandemie. Intendant Jan Philipp Gloger übernahm selbst die Regie, es wurde mehr oder weniger ein „work in progress“: Stimmung und Fakten mussten immer wieder angepasst oder ergänzt werden. Premiere sollte schließlich im Dezember 2020 sein. Doch da gab’s den Lockdown: Das Stück zu Corona drohte an Corona zu scheitern. Aber Gloger, Löhle und der Videokünstler Sami Bill gestalteten die analoge Inszenierung zu einem Theaterfilm um, der keineswegs als abgefilmtes Bühnenstück daherkommt, sondern ein eigenes effektbewusstes Genre schafft.
Der Film beginnt mit einer obskuren Rahmenhandlung: Ein junger Wissenschaftler kriecht auf allen Vieren ins dunkle Bild, während uns eine Stimme aus dem Off die Geschichte dieses Insektenforschers erzählt, wie er vom Knecht am gräflichen Hof zum Professor für Schmetterlingsforschung wird. Am Ende des Films wird er wieder auftauchen, den Bezug zum Geschehen aber verrät Löhle uns nicht. Den muss jeder selbst finden. Es ist wohl das Geheimnis der Mutation, die erst am Ende aufdeckt, ob aus der hässlichen Raupe eine fiese Motte oder ein prachtvoller Falter wird. Vielleicht auch der Hinweis auf das Eingesperrtsein der Puppe im Kokon, ein Bild, das im Film übernommen wird, wenn sich das siebenjährige Kind Flora (geheimnisvoll gespielt von dem ältesten Ensemblemitglied Annette Büschelberger) nur mühsam und mit Hilfe von außen aus einem hässlichen Kokon befreien kann. Wer genau hinhört, wird nicht nur Bild-Zitate entdecken: da schwirrt auch Strindbergs „Totenkopfschwärmer“, der „Versuch in rationalem Mystizismus“ durch den scheinbar biologischen Vortrag und weist uns den Weg zur eigentlichen Handlung, zurück ins 19. Jahrhundert.
Denn das Gegenwartsstück zur Pandemie im Jahr 2021 spielt bei Löhle im Biedermeier-Salon des Grafen Wilhelm Friedrich von Munk (zwielichtig: Tjark Bernau) im Jahr 1838. Wobei nur das spärliche Mobiliar auf biedere Gemütlichkeit verweist, ansonsten ist die Bühne rundherum und an der Decke mit grau in grau gemaserten Kassettenelementen gepflastert, in denen dreizehn Türen verborgen sind, Auswege, die für die Gäste immer neu gesucht und gefunden werden müssen. In diesem klaustrophobischen Raum scheint ein Fest geplant, die Herrschaften tragen biedermeierlich aufgeputzte Kostüme, wissen sich aber nicht zurechtzufinden. Dann ein gellender Schrei von draußen. Ein Tohuwabohu bricht los: der Totengräber schleppt einen Sarg durch den Raum, Gerüchte kommen auf, der alte Graf sei tot oder auch nicht. Gespenstige Geräusche dringen von draußen herein, Kreischen, Schläge, Dröhnen, Meldungen von Mord und Totschlag, schrille Töne und dann wieder Stille. Man beschuldigt sich gegenseitig, Sätze aus unserem Alltag fallen, was als romantische Feier geplant war, wird zur Mystery-Szenerie. Während der junge Graf zur Bibel greift und alttestamentliche Prophezeiungen zitiert, wird er verdächtigt und beschuldigt: „Er will uns festhalten, kontrollieren. Er hat uns eingeladen, um uns einzusperren!“ Oder man glaubt, das Ganze sei „nur erfunden“, wagt sich aber dennoch nicht raus. Dann gibt es ein eindrucksvolles Solo für Lou Strenger als Die Dame Lydia Skriem: scheinbar nimmt sie Kontakt auf mit dem mörderischen „Fremden“, der ihr versichert, nur „eine Information“ zu sein und nicht nur jetzt da zu sein, sondern jederzeit „irgendwann“ wieder zu kommen. Wortwörtlich wird den Menschen der Boden unter den Füßen weggezogen, Möbel und Wände beginnen zu schwanken, zu verwischen, alles wird unscharf, irreal. Danach liegen alle am Boden. Vermutlich tot. Ein brutaler filmischer Effekt, den der Löhle-Text nicht unbedingt braucht. Wir hätten es auch ohne die filmischen Irritationen verstanden, so wird es zur Schauerromantik. Dabei ist es eine kluge Idee, das Geschehen nicht im Hier-und-Jetzt anzusiedeln, sondern in die Romantik zu verlegen, in die Zeit der Unbestimmtheit, vieler Umbrüche, in der Realität und Traum oft zu verschwimmen scheinen. Dazu liefert die Videokunst stimmungsvolle Bilder, die die Musik schaurig-schön verstärkt.
Am Ende sind alle wieder da: die Toten und die Untoten, alle tragen Mundschutz, nur der Professor liegt tot am Boden - versehentlich ermordet vom Grafen, nicht vom „Fremden“. Dass seine riesigen Schmetterlinge jetzt menschliche Körper tragen, ist eher Kitsch als Symbolik.