Hinter die Kante geguckt
Kaum hat man sich am Devotionalienstand des Festivals „Theater der Welt“ mit T-Shirts, Tüten und Taschen eingedeckt, werden sie einem schon geklaut - vor aller Augen und bei laufender Vorstellung! Mit einem Angelhaken langt eines der merkwürdigen Wesen, die in Jetse Batelaans Jugendtheater-Stück die Bühne bevölkern, von der Rampe ins Parkett - und schwupps, hat es neben dem TDW-Beutel auch noch eine Damen-Handtasche erobert, während ein anderer dieser Kobolde einem Herrn den Schuh auszieht. Wobei: Kobolde sind das eigentlich nicht. Die necken ja ihre Zuschauer und heischen Aufmerksamkeit. Die Typen auf der Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses dagegen beschäftigen sich 90 Minuten lang mit sich selbst, ohne jemals um den Applaus des Publikums zu buhlen.
Bald ahnen wir: Wir haben es mit einer anarchischen kindlichen Rasselbande zu tun. Ihre Klamotten haben sich die Blagen wohl selbst aus dem Schrank geholt, denn nichts passt zusammen. Basis für die phantasievolle Haute Couture könnte ein missglückter Design-Entwurf für Bademode gewesen sein, aber Badehöschen und verrutschte Oberteile sind ergänzt um ganz viel Tand und Klebeband, um schrill-bunte Schnüre, Tücher, Bürsten und Quasten. Gäbe es einen Erziehungsverpflichteten im Leben dieser Gestalten, würde dieser köstliche Kram wohl so zügig wie zeternd entsorgt. Doch die Kinder scheren sich um nichts, weil auch keine Mama oder kein Papa sich um irgendetwas schert, und prompt herrschen statt Zeter und Mordio Zufriedenheit und gelassenes Werkeln. Alles wird angeschleppt, was nicht niet- und nagelfest ist: Absperrungsvorrichtungen aus dem Schauspielhaus-Foyer, Angelruten, Desinfektionsmittelspender; einer versucht vergeblich, das Ausgangs-Schild über einer der Türen im Parkett abzumontieren; ein anderer trampelt in Sichtweite eines ungenutzt bleibenden Papierkorbs inbrünstig auf einem riesigen Papierhaufen herum wie der Winzer bei der Maische auf den Trauben. Mit Hilfe einer Kleiderrolle wird mit Farbe rumgesaut, und was an Farbe übrigbleibt, wird in bester Bodyart-Manier über dem eigenen Kopf ausgeschüttet. Der Schuh des Besuchers aus der ersten Reihe thront mittlerweile auf einer hohen Säule als wäre er der blaue Hahn von Katharina Fritsch 2013 auf der „Fourth Plinth“ am Trafalgar Square. Wie am Schnürchen gezogen gleitet zwischenzeitlich echte Kunst (oder echte Mathematik? echte Geometrie?) quer über die Bühne: Ein roter Würfel, eine gelbe Pyramide, ein grüner Quader, ein Quadrat aus Neonröhren und andere geometrische Figuren fügen den skurrilen Szenen eine Prise surrealer Poesie hinzu.
Die Kinder im Publikum lachen sich scheckig über den blühenden Blödsinn, die Erwachsenen glucksen amüsiert in sich hinein und erfreuen sich an der ungezügelten, von keinen Regeln eingebremsten Kreativität und Entdeckerfreude von sich selbst überlassenen Kindern. Es sind die lustigsten 15 bis 20 Minuten des Theaternachmittags, obwohl oder weil überhaupt nichts geschieht. Danach erst meldet sich die Geschichte zu Wort, und zwar mit bedeutungsvollen Worten. Sie ist personifiziert und irgendwie auf der Suche nach sich selbst - und sie „beginnt am Anfang, als es noch gar keine Geschichte gegeben hat.“ Der Wind blies, der Regen fiel; die Erde war eine flache Ebene. Die Ortsbeschreibung passt auf die Heimat der Truppe, die die Geschichte erzählen will, auf die Niederlande, aber irgendwie wirken diese Worte doppeldeutig: Die Erzählung von der Geburt der Geschichte ist auch eine Art Schöpfungsgeschichte, ist „history“ statt „story“. Den roten Faden habe die Geschichte längst verloren, betont die Erzähler-Stimme. Dabei gibt es einen oberflächlichen Plot, eine fast peinlich dünne Story. Doch um die geht es allenfalls peripher.
Regisseur und Autor Jetse Batelaan, der für seine unverwechselbare Handschrift im Kinder- und Jugendtheater den Silbernen Löwen bei der Biennale Venedig 2019 erhielt und jetzt beim Festival „Theater der Welt“ mit dem Preis des Internationalen Theater-Instituts ausgezeichnet wurde, macht so etwas wie Absurdes Theater für Kinder. Er nimmt sich alle Zeit der Welt, um Szenen und Atmosphären zu entwickeln und nimmt dafür vorübergehende Langeweile in Kauf. Stillstand scheint eines seiner Stilmittel zu sein. Mysteriöserweise gelingt es ihm genau damit, sich in die Seelen der Kinder und Jugendlichen einzufühlen. Für die erwachsenen Zuschauer findet er gleichzeitig zahlreiche Metaphern, die zu entdecken reizvoll sein kann.
In der Geschichte von der Geschichte spielt er humorvoll und ideenreich mit dem Topic des Geschichten-Erzählens, mit Rollen-Klischees und mit dem merkwürdigen, der Alltagswelt heutiger Kinder doch recht fernen Instrument des Theaters. Während die Lebewesen auf der Bühne selbstgenügsam mit ihren Eroberungen aus dem Foyer oder der Garderobe herumbasteln, entstammen die handelnden Personen eher der Billboard oder Comic Art. Die Familienmitglieder werden durch überlebensgroße, circa fünf Meter hohe Pappfiguren dargestellt, und es scheint, als spielten nicht sie die Geschichte, sondern als spiele die Geschichte mit ihnen. Prägnant werden die Rollen-Klischees ausgestellt: Der gestrenge Vater Hans, in Batelaans Stück ein eher gütiger Spießer und nicht die hellste Kerze auf der Torte, verbirgt sich hinter der Ganzkörper-Pappe von Donald Trump; der achtjährige Lucas träumt sich in die Rolle des Ronaldo und wird durch einen großen CR7-Pappkameraden im Juventus-T-Shirt verkörpert. („Du bist der nächste Messi“, ermuntert Papa seinen Sohn, als er mit ihm Fußballspielen will, und keiner im Publikum scheint die köstliche Bosheit von Batelaans Witz zu verstehen: Messi ist der ewige verhasste Dauer-Rivale des eitlen Portugiesen!) Eine veritable Rennpappe stellt Mutter Pia dar: Die fromme Pia ist eine sexy hexy Beyoncé in ultraknappem Body. Die Männer schauen ihr auf Brust oder Schenkel - würden sie ihr zuhören, könnte es geschehen, dass der Klang ihrer Stimme ihnen keine Liebeslieder mehr singt, denn er ist ausgeprägt maskulin. Gegen Ende der Aufführung erfahren wir, warum Pia permanent in den Baumarkt strebt: Sie hat dort einen Lover. Klempner Kevin ist ein Brüller: Denn er ist ein originalgetreues Ebenbild von Kim Jong-un und meint, man solle das System umstürzen. Mama muss sich nun aufteilen zwischen dem Little Rocket Man und der Trump Family und tritt fortan nur noch von der Gürtellinie abwärts auf.
Dazwischen versucht sich die Geschichte Gehör zu verschaffen. Die von Picknick, Fußball und dem traurigen Kevin-Ende ist banal und voller Längen, aber sie ist auch nicht die Geschichte, die die Kinder suchen sollen. Die wahre Geschichte verbirgt sich hinter der „Kante“ - Papa führt Lucas zur Rampe und warnt ihn davor, sich dieser zu nähern oder gar sie zu überschreiten. Lucas, vom Auftreten her fast der Gegenentwurf zu den anarchischen Kindern, die währenddessen weiter auf der Bühne ihren phantasievollen Spielen nachgehen, und daher eigentlich ziemlich langweilig, hat glücklicherweise seine Neugier nicht verloren. Er blickt über die Kante, sieht neue Menschen, die sicher auch ihre eigenen Geschichten haben. Die vierte Wand ist eingerissen; Performer steigen aus dem Parkett auf die Bühne, der Herr aus der ersten Reihe holt sich seinen Schuh wieder, eine Radfahrerin kämpft resolut um ihr von den anarchistischen Kindern geborgtes Fahrrad - und längst ist nach einer poetischen Reise um die Welt auch die Geschichte im Parkett angekommen. Wir werden sie nicht hören; Lucas wird sie nicht erfahren. Vielleicht gibt es sie nicht, diese eine Geschichte. Lucas hat nun, da er auf die Welt hinter der Rampe zugegangen ist, zahlreiche Möglichkeiten, eigene Geschichten zu erleben und wie seine bastelnden Kollegen Entdeckerfreude zu entwickeln. „Die Geschichte verzweigte sich zu mehreren Möglichkeiten“, hatte es schon früh im Evolutionsprozess der Geschichte geheißen. Diese Möglichkeiten stehen dem Neugierigen und Wissbegierigen ebenfalls offen.