Übrigens …

Sisi Pelebe im Theater der Welt

Ein Regenbogen aus Nigeria

Sachen gibt's! Da erlässt mitten im aufgeklärten Europa der ungarische Ministerpräsident ein Gesetz zur Einschränkung von Informationen über Homosexualität; die UEFA verbietet ein harmloses Zeichen des Protests gegen die Diskriminierung der LGBTQ-Community bei einem Fußballspiel der Ungarn in München – doch ausgerechnet am Tag dieses Fußballspiels gastiert beim Festival Theater der Welt in Düsseldorf eine nigerianische Company mit einem Stück, in dem sämtliche traditionellen Familienmuster über den Haufen geworfen werden. Vier Jahre alt sind der Text und die Aufführung des nigerianischen Autors und Regisseurs Kelvinmary Ndukwe schon, aber am heutigen Tag, als Viktor Orban aus Angst vor den vielen Regenbogenfähnchen im EM-Stadion feige seine München-Reise absagte, ist Sisi Pelebe so aktuell wie nie.

Dabei beginnt die Aufführung im Stil des alten englischen Boulevard-Theaters, wie eines dieser well-made plays, die zu Hunderten diejenigen Bühnen überschwemmen, die eher ein Publikum mit traditionellem Theatergeschmack bedienen. Mutter, Tochter, Sohn und der später hinzukommende Vater kriegen sich in die Haare. Was da genau abgeht, ist für den Zuschauer nicht auszumachen, aber es scheint um Beziehungsprobleme zu gehen wie sie in jeder Familie vorkommen. In Afrika nichts Neues also; man tröstet sich mit dem wandlungsfähigen Spiel von Bunmi Sogade als Tochter Bunmi, die mal einfühlsam, mal wütend, mal vermittelnd in den Konflikt eingreift. Das noble Ambiente der 23. Etage des Düsseldorfer Dreischeibenhauses, in dem das Gastspiel der 1000 Stories Production aus Lagos beim Festival Theater der Welt zur Aufführung kommt, verstärkt den Eindruck, dass wir es hier mit zwar schwer durchschaubaren, aber letztlich marginalen Problemen einer nigerianischen Upper Class Family zu tun haben. Doch plötzlich erwacht das Interesse: Immer rätselhafter werden die Andeutungen des Textes; die Frage nach den Identitäten von Sisi Pelebe (wer zum Teufel ist das denn?) sowie von einem mysteriösen Onkel Damola (Patrick Diabuah taucht erst ganz zum Schluss auf und trägt wider Willen zur endgültigen Aufklärung jahrzehntelang verschwiegener Familiengeheimnisse bei) werden virulenter. Irgendetwas scheint in dieser Familie grundsätzlich nicht zu stimmen.

Dabei wird der Zusammenhalt in dieser Familie von Anfang an beschworen – oder hinterfragt. Mit harmlosen Fragen und Antworten, die wir erst im Nachhinein als früh gelegte Fährten zur Aufdeckung der Geheimnisse begreifen: „What is love“, fragt Chukwe Martin als Bruder Kayode, und Mutter Sade, gespielt von Tope Olowoniyan, beschreibt den Zusammenhalt in einer Familie mit Begriffen wie „Companionship“ und „Loyalty“. Kameradschaft und Loyalität statt Liebe? Das klingt ein wenig nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner, aber nun ja, für eine Familie, die on the rocks sein könnte, ist das schon eine ganze Menge. Am Ende aber werden wir begreifen, dass es nicht nur Kameradschaft, sondern unendlich große Liebe gewesen sein muss, die das (scheinbare) Elternpaar Sade und Roy einst zusammengeführt hat. Erst outet sich Sade als „frühere Lesbierin“, und schließlich erfahren wir, dass ihr heutiger Gatte niemand anderes als ihre frühere Liebhaberin ist, die sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hat – ob aus Neigung oder um in der nigerianischen Gesellschaft eine partnerschaftliche Beziehung mit der Geliebten eingehen zu können, lassen wir mal dahingestellt. Ganz nebenbei erfahren wir dann auch noch von einer im besoffenen Zustand unterlaufenen (oder bewusst eingegangenen?) inzestuösen Beziehung. Natürlich wurden alle nicht heterosexuellen oder nicht legalisierten Beziehungen jahrzehntelang totgeschwiegen. Die zwanghaft aufrecht erhaltenen Rollenbilder aller Familienmitglieder sind nun erschüttert, man wird zu Neuorientierungen auf der Basis veränderter Identitäten kommen müssen. Aber man darf hoffen, dass die Familie das krasse Coming Out überleben wird, weil sie endlich zur Ehrlichkeit gefunden hat.

Kelvinmary Ndukwe erzählt diese Geschichte nicht ohne Humor, aber das Lachen bleibt einem im Halse stecken, bedenkt man die Nöte, in denen die jahrelang zur Lüge gezwungenen Familienmitglieder gesteckt haben. Wir können Orban-Bashing betreiben so lange wir wollen: Auch in Deutschland würde eine solche Familienkonstellation in vielen, wenn nicht den meisten sozialen Umfeldern verschwiegen und unterdrückt. Auch hierzulande ist das Stück hochaktuell. In Nigeria, so sagt Ndukwe im Publikumsgespräch, sei Homo- und Transsexualität ein großes Tabu, so wie ohnehin sexuelle Themen in der Öffentlichkeit und in den meisten Familien nicht ansprechbar seien. Gerade deshalb lasse er sein Stück in der kleinsten gesellschaftlichen Einheit, der Familie, spielen, die zum Rollenmodell für die Gesellschaft werden könne. Zumindest in der nigerianischen Kulturszene wird das Thema aber offenbar keineswegs totgeschwiegen: Sisi Pelebe wird von der nigerianischen Presse hochgelobt und gastierte drei Jahre hintereinander beim Lagos Theatre Festival. Der Autor dieser Zeilen würde dem ungarischen Ministerpräsidenten gern eine Freikarte spendieren. Viktor Orban, bitte melden!