Übrigens …

Bachmann im Freies Werkstatt Theater Köln

Hommage an eine widersprüchliche Persönlichkeit

Die Welt scheint mir kündbar.“ Manche Zitate wiederholen sich in Thomas Hupfers und Achim Conrads fünfundsiebzigminütiger Annäherung an die Lyrikerin und Prosaschriftstellerin Ingeborg Bachmann. So auch dieses, das sogar am Beginn der Aufführung steht. „Die Welt scheint mir kündbar“ – das klingt zunächst nach Suizidgedanken. Aber halt: Der Satz kann auch Ausdruck von Aufmüpfigkeit sein. Er kann den Willen zum Ausbruch aus festgefügten, althergebrachten Strukturen manifestieren. Die Worte lassen sich auch als Zeichen von Optimismus interpretieren, vom Erkennen der zahlreichen Chancen, auf zupackende Art und Weise das eigene Leben in die Hand nehmen und verändern zu können. All dies würde auf Ingeborg Bachmann zutreffen: Depressive Resignation und mutiges Nachvorneschauen, aufbegehren und sich fallen lassen, erfolgreiches, konsequentes Nutzen von Chancen im Beruf und Scheitern im Leben. Selten erschien eine Persönlichkeit so widersprüchlich wie die von Ingeborg Bachmann.

Hupfer und Conrad, die am Freien Werkstatt Theater Köln gemeinsam mit der Schauspielerin Anna Döing selbst auf der Bühne stehen, nähern sich ihrer Figur durch eine exzellent zusammengestellte Collage aus biographischen Elementen und Bachmann-Zitaten. Die Bühne ist weitgehend leer; hinten steht, kaum größer als eine Telefonzelle und bei Bedarf durch Neonröhren beleuchtet, ein durchsichtiger kleiner Kubus, in dem Anna Döing ab und zu auf einer altmodischen Schreibmaschine tippt. Manchmal scheint die Enge der Schreibzelle die Einsamkeit der Dichterin widerzuspiegeln die, so scheint es, eine tripolare Persönlichkeit hat: Sie ist die optimistische, geradezu überschwängliche junge Frau, begeistert von der Natur und freudig den Herausforderungen der Zukunft entgegensehend; sie ist die selbstsichere, sich ihrer literarischen Qualitäten und ihrer Originalität bewusste Schriftstellerin, die mit großer Selbstverständlichkeit in den männlich dominierten Literaturbetrieb eindringt (und als Feministin gefeiert wird), und sie ist der kapriziöse Show-Star, der angehimmelt werden und mit den Menschen, vor allem den Männern, spielen will: „eine Königin, eine Göttin, die angeschaut werden will.“ Und sie ist eine Persönlichkeit, die sich in alles, was sie anfängt – sei es in ihre schriftstellerische Aktivität, sei es in ihre politischen Haltungen, sei es in die Liebe – mit einem ungeheuren Absolutheitsanspruch hineinwirft.

Es wäre vermessen zu behaupten, bei einer solchen Persönlichkeit sei die manische Depression geradezu programmiert. Aber sie kann auch nicht überraschen. „Das Leben will inszeniert sein“, ruft Anna Döing als noch kindliche Ingeborg voller Überschwang und Begeisterung aus. Die Theater-Metapher, der Gedanke, stets auf einer Bühne zu stehen, scheint die Schriftstellerin nie losgelassen zu haben. Sie spricht im wahren Leben von ihrer „Gedankenbühne“. In der Kölner Aufführung wird sich das Motiv vom inszenierten Leben noch häufiger wiederholen. Was bei dem Kind nach Begeisterung und Zukunftsfreude klingt, wird später zur Koketterie der „First Lady der Gruppe 47“ und „Primadonna der Literatur“ und noch später zum verzweifelten Versuch der Selbstbehauptung. Von einem möglichen Ich-Verlust spricht Thomas Hupfer in einem Pressegespräch über seine Inszenierung; ironischerweise ist es Bachmann selbst, diese Frau, die immer auf der Suche nach Möglichkeiten zur Selbstinszenierung ist, die Anna Döing mit der Überzeugung zitiert: „Ich würde nie über einen anderen Menschen lachen. Höchstens über die Rollen, die er sich zulegt.“ - Ist es nicht gerade dieser selbst empfundene Zwang zur Inszenierung, an dem ihr Leben immer wieder scheitert?

Manche leben eben, und andere schauen ihnen beim Leben zu“, sagt Döings Ingeborg, trotzig vielleicht, ein wenig hochmütig auch. Aber auch wer ihr beim Leben zuschaut, nimmt widersprüchliche Eindrücke mit, die Hupfer und Conrad schlagwortartig schon bei der ganz jungen Frau verorten: „Was ist sie? … hysterisch? … feministisch? … als Lyrikerin verschroben?“ Sie ist aber auch: weltoffen, innovativ, kritisch, sie arbeitet sich ab an der nationalsozialistischen Vergangenheit ihres Vaters und ihres Landes. Vom „Nebeneinander von Elegie und Nüchternheit“ ist einmal die Rede. Sie eckt an – und sie wird umschwärmt. Sie ist vergeistigt, und sie ist unbehaust, was sich in Aussagen ausdrückt wie: „Die Dinge brauchen uns Heimatlose, damit sie irgendwo zu Hause sind.“ Ihre Depression erreicht ihren Höhepunkt nach der Trennung von Max Frisch – stets hat sie sich ungeheuer schwierige Männer ausgesucht: den deutlich älteren Essayisten und Literaturkritiker Hans Weigel, Jacob Taube, Paul Celan, Frisch (manche von ihnen tauchen wiedererkennbar in der Kölner Inszenierung auf; ausführlicher geht die Aufführung aber auf die weitgehend unbekannte intensive Freundschaft der achtzehnjährigen Ingeborg zu dem aus Österreich emigrierten Juden Jack Hamesh ein, einer ersten Beziehung, die sie gegen den Widerstand ihrer noch nationalsozialistisch geprägten Umwelt verteidigte). Bachmann ist extrem auf ihre Unabhängigkeit bedacht – und mit dem gleichen Absolutheitsanspruch anlehnungsbedürftig und liebessehnsüchtig. Die Bachmann-Biographin Ina Hartwig spricht von dem Wunsch nach Kontrollverlust, Selbstaufgabe und Unterwerfung einerseits und einer großen Kraft und Zähigkeit sowie einem starken Veränderungswillen andererseits. Ob sie ein Opfer sei? Hartwig ist da überraschend nüchtern: Sie „halte … Ingeborg Bachmann für eine sehr kalkulierte und strategische Person, die in entscheidenden Phasen ihres Leben genau wusste, was sie wollte“, sagt die Biographin im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Hupfer, Conrad und Döing arbeiten das Widersprüchliche und Manische von Bachmanns Charakter, aber auch ihres Selbstbildes und ihres Fremdbildes mit großer Sensibilität heraus. Sie zeigen eine ungeheuer starke und ungeheuer anlehnungsbedürftige Frau, hochemotional und mit scharfem Intellekt, eine frühe Feministin und eine große Liebende, eine Königin und eine Kranke. Gleichzeitig ist die Aufführung eine Feier von Bachmanns literarischer Sprache und eine Hommage an eine frühe Feministin und Kämpferin gegen die Provinzialität und die Reste nationalsozialistischen Denkens. Früh schon legen sie Spuren, die auf spätere Entwicklungen hindeuten, auf die Depression, die Medikamentenabhängigkeit, auf das Zerbrechen an unglücklichen Liebesbeziehungen. Wer Ingeborg Bachmanns Literatur nicht gelesen hat und ihre Lebensdramen nicht kennt, wird manches Mal Schwierigkeiten haben, dem stark assoziativen Text zu folgen. Das macht aber nichts: Bachmanns Literatur versteht man auch nicht immer. – Ingeborg Bachmann starb mit 47 Jahren an tödlichen Konvulsionen als Folge von Entzugserscheinungen. Sie war nach einem Feuer, das wohl durch eine beim Einschlafen nicht gelöschte Zigarette ausgelöst worden war, mit schwersten Brandverletzungen in ein Krankenhaus eingeliefert worden, dessen Ärzten ihre Tablettenabhängigkeit unbekannt war. Bachmann hatte ihren Quasi-Feuertod unfassbarerweise in ihrer Literatur mehrfach vorweggenommen, unter anderem deutlich in ihrem Spätwerk „Malina“. Die Kölner Inszenierung legt auch hier schon früh die Spuren: „Avec ma main brulée, j’écris sur la nature du feu.“ Diese Zeile von Flaubert hat Bachmann ihrem Romanhelden Malina als eine Art Lebensmotto zugedacht, und sie wird in der Kölner Inszenierung schon früh zitiert: „Mit meiner verbrannten Hand schreibe ich über die Natur des Feuers.“ - „Wenn es brennt…“, sagt einer der Männer, und Döing antwortet: „Ich werde Zunder sein.“ Großes Theater im kleinen FWT.