Übrigens …

Der goldene Schwanz im Mülheimer Theatertage „Stücke 2021“

Der goldene Schwanz ist ein alter Sack

Sis und Sista träumen von Dior-Kleidern und stopfen Paprika-Chips der REWE-Billigmarke in sich hinein. Sie wohnen mit ihrer Real Mom, ihrer aus der Art geschlagenen Stiefschwester und deren Dad im Haus Thausendbeauty. Dafür hat der Bühnenbildner Daniel Roskamp am Staatstheater Kassel eine großartige, verschachtelte Holzhütte entworfen, die auch in einer brasilianischen Favela stehen könnte. Der einzige Ehrgeiz der Sistas ist es, sich mit den Mitteln eines unreflektierten Schönheitskults den „Zugang zur Ressource Mann“ zu verschaffen. Um sich ungeliebter Konkurrenz zu entledigen, mischen sie auch schon mal Gift unter die Chips. Aber selbst der Mordplan geht schief.

Die Familie, in die Aschenputtel nach dem Tod ihrer Mutter geraten ist, wirkt ein bisschen doof, aber Stiefmutter und die neuen Step Sistas kennen ihren Jefferson und ihren Brecht: „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“ hatte ersterer als die unveräußerlichen Rechte des Menschen definiert, Gesundheit und Selbstverwirklichung. „Ha“, ruft Mutter gehässig, „das sagen nur die, die im Wohlstand leben.“ Und bringt für die adäquate Zieldefinition der in allzu prekären Verhältnissen auf Prinz und Goldesel wartenden drei Damen den guten alten Bertolt B. ins Spiel: „Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.“ - Aschenputtel wartet nicht: Die junge Frau lernt fleißig, um das Abitur nachzumachen, dann einen vernünftigen Job anzunehmen und mit dem verdienten Geld ihre Familie zu unterstützen. Außerdem liest sie die wichtigsten Werke feministischer Literatur. Den Erfolg solcher Strategien im Hinblick auf Wohlstand, Unabhängigkeit und Emanzipation verortet Step Mom allerdings im Reich der Märchen…

Sis und Sista (Meret Engelhardt und Judith Florence Ehrhardt) und die kaum gealterte Mom (Anke Stedingk) sind gertenschlank und sowas wie die Billigversionen einer Parfümerie-Verkäuferin oder schlechte Kopien der Social Network Influencerinnen. Die Schwestern investieren - zumindest solange ihnen der alltägliche Zickenkrieg Zeit dazu lässt - in nichts als ihre persönliche Körperoptimierung. Angefeuert von ihrer dem bevorstehenden Verwelken durchaus realistisch ins Auge blickenden Mom, sind sie permanent auf der Suche nach dem „Goldenen Schwanz“, der sie ins finanzielle Glück vögeln soll. Aschenputtel dagegen, im Vergleich zu ihren Sistas eher das Curvy Model, dafür aber auch ein bisschen weniger schrill, läuft im Blaumann herum und repariert erfolgreich, was im Haushalt kaputt gegangen ist, sowie weniger erfolgreich, was in der Patchwork-Familie im Argen liegt. Irgendwann, man weiß es ja aus generationenalter kultureller Überlieferung, kommt der Prinz vorbei.

Genau genommen kommt er als Hauptgewinn einer Fernseh-Show, die dem Niveau der Thausenbeauty-Family angemessen ist. Die Familie hat ein Real Date mit einem Real Fernseh-Star gewonnen, und Fernseh-Stars, vor allem die aus dem Unterschichten-Fernsehen, sind bekanntlich alle unermesslich reich. Also wahrhaft goldene Schwänze, auch wenn man sich bei Aljoscha Langels abgehalftertem Seriendarsteller fragen mag, ob der den seinen noch hochkriegt: Der Prinz heißt Ciprian Antonescu, ist rumänischer Migrant und alternder Vampirdarsteller in einer Zombie-Serie, in der er seit Menschengedenken einen Siebzehnjährigen geben muss. Er ist ein alter Sack, der sich nach dem Serien-Ausstieg sehnt. Aschenputtel ist seine Chance.

Sie stören sich an dem Begriff „Unterschicht“? - Das tun Sis und Sista auch. Schnell korrigiert sich Mom: Man sei nicht Unterschicht, sondern „vorübergehend mittellos“. Bloß kommt es dem Prinzen darauf nicht an. Er sieht Aschenputtels Potential, und sein Gespräch mit der von Rahel Weiss verkörperten jungen Frau gehört zu den wenigen Momenten in Schirin Khodadadians Inszenierung, die ruhig, vernünftig und ohne schrilles Gekreisch vonstattengehen. Aschenputtel, zuvor ein bisschen bott, entwickelt einen scheuen Charme und hat zum ersten Mal in ihrem Leben das Bedürfnis, schön zu sein. Erfreulicherweise weicht ihr Begriff von Schönheit markant von dem der Sistas ab, ob allerdings die sich abzeichnende Bindung zu einer nachhaltigen emanzipatorischen Befreiung führen wird, lässt Autorin Rebekka Kricheldorf offen. In einem etwas langatmigen Schlusskapitel bietet sie verschiedene Lösungen an. Alle enden für den einen oder die andere in einer Sackgasse.

Kricheldorf hat mit Der goldene Schwanz eine tolle Komödie aus dem Geist des Feminismus geschrieben, die virtuos mit den verschiedensten Sprach- und Reflexions-Ebenen spielt. Sie ironisiert die banalen Plattitüden der Instagram-Generation, wechselt zu Jugendsprache mit ihren absurden Amerikanismen und zitiert aus der Literatur, der Philosophie und dem oftmals nicht minder absurden bundesdeutschen Theorie- und Ideologie-Diskurs. Kein Klischee ist davor sicher, von Kricheldorf durch den Kakao gezogen zu werden. Die Autorin zeigt zudem auf, dass einfache radikalfeministische Konzepte zur Befreiung der Frau nicht greifen und es keinen Königsweg zur Erreichung von Unabhängigkeit und Geschlechtergerechtigkeit gibt. Längst hat sich Rebekka Kricheldorf mit ihrem Gesamtwerk einen Ruf für gelassene, ironische Sozial- und Gesellschaftskritik erworben, die die Missstände in unserer Gesellschaft ebenso aufgreift wie die überzogenen, gesamtgesellschaftlich kaum konsensfähigen Reaktionen ideologischer Gruppen.

Schirin Khodadadians allzu hochtourige Inszenierung konterkariert mit ihrem bisweilen krachledernen Humor und ihren kreischenden, einer RTL-Comedy entsprungen scheinenden Figuren den intelligenten, mehrstimmigen Text der Autorin. Aus der pointensatten, aber bisweilen auch mit Pointen überladenen Vorlage ließe sich mit ein paar Eingriffen und etwas mehr Ruhe und Abgeklärtheit eine wunderbar groteske gesellschaftskritische Bühnen-Satire machen, die die feministische Botschaft glaubwürdiger zum Klingen bringen würde als die Kasseler Inszenierung. Bei Khodadadian lässt sich selbst das pseudo-emanzipatorische Aschenputtel mehr und mehr von dem trashigen, klamaukigen Geschnebbel der übrigen drei Damen anstecken und droht die Sympathie des Kritikers zu verlieren. Der hatte so manches Mal das Bedürfnis, in die Rolle von Aschenputtels Real Dad (Jürgen Wink) zu schlüpfen, der nahezu während der gesamten Spieldauer resigniert die Kopfhörer über die Ohren gezogen hat und sich in den Genuss klassischer Musik flüchtet. Der biedere, langweilige Typ, der sich vermutlich im Haus um nix kümmert, trägt übrigens einen goldfarbenen Pullover und eine goldbraune Hose. Nicht jeder goldene Schwanz bringt das große Glück.