Der moralische Niedergang der Demokratie
Nach mehr als 20 Jahren gibt es wieder ein neues Stück von Rainald Goetz. Auf den ersten Blick behandelt es ein Ereignis, das fast so lange her ist wie die letzte Goetz-Uraufführung. Einstürzende Hochbauten, knapp 3000 Tote, mehr als 6000 Verletzte: Nine Eleven, der Anschlag auf das World Trade Center in New York, führte zur Traumatisierung eines ganzen Landes, vielleicht der ganzen westlichen Welt. Den Anschlag bezeichnet Goetz in seinem nun bei den Mülheimer Theatertagen gestreamten Stück Reich des Todes als „Kritik am Weltmodell des Westens“. Doch es war ausgerechnet diese westliche Welt, die in der Folge ihre Unschuld verlor. Denn demokratische Herrscher nutzten den Anschlag zum skrupellosen Ausbau ihrer Macht. Politische Rohrkrepierer wie George Dabbeljuh Bush und Donald Trump wechselten im Land der Gralshüter der Demokratie zu autokratischen Verhaltensweisen, und die politische Zeitenwende nach den Anschlägen erleichterte sogar Potentaten wie Erdogan, Orban oder Kaczynski die Umformung ihrer Demokratien in Autokratien. Die Anschläge führten zu einer bis heute währenden Eskalation des Konflikts zwischen den Kulturen und Religionen, zu einem mit falschen Behauptungen gerechtfertigten Krieg und zu im Namen der Demokratie und des christlichen oder muslimischen Glaubens verübten Menschenrechtsverletzungen. Die Verletzungsanfälligkeit des demokratischen Staatswesens wurde deutlich: Es wurde schnell von einigen Mächtigen instrumentalisiert.
Rainald Goetz hat ein komplexes, ausuferndes Drama über die Folgen der bislang wohl größten Katastrophe des 21. Jahrhunderts geschrieben. Die Figuren der Inszenierung sind wiedererkennbar, doch sie tragen deutsche Namen - sprechende deutsche Namen: Bush, damals gemeinhin als der schlechteste amerikanische Präsident aller Zeiten gebrandmarkt, heißt Grotten (er ahnte nicht, dass bald ein noch grottigerer, bösartigerer Präsident ihn auf der Spitzenposition dieser Rangliste ablösen würde), sein strippenziehender Vizepräsident Cheney wird zu Selch, Sicherheitsberaterin Condoleeza Rice ist Frau von Ade, und Verteidigungsminister Rumsfeld, the other Donald, hört auf den Namen Roon wie der preußische Kriegsminister, Heeresreformer und Vertreter der „Blut und Eisen“-Strategie, der den Machtausbau des preußischen Zentralstaates durch die siegreichen Einigungskriege beförderte. Oberjustizrat Kelsen erinnert an den Staats- und Verfassungsrechtler Hans Kelsen, der als Gegenspieler des ebenso renommierten wie umstrittenen Carl Schmitt galt, einem engagierten Verteidiger der Nürnberger Rassengesetze und katholischen Opportunisten. Selbst eine mediokre, aber vorübergehend erfolgreiche Figur wie der Hamburger Innensenator und populistische Rechtausleger Ronald Schill findet Platz in Goetz‘ neuem Stück: Daniel Hoevels gibt den „assistierenden Justizrat“ gleichen Namens in Karin Beiers Inszenierung als rückgratloses Fähnchen im Wind.
In seiner Untersuchung geht es dem Autor nicht nur um die Verletzlichkeit der Demokratie, sondern auch um die Kontinuität der Geschichte. Dabei blickt er vor allem auf die deutsche Geschichte mit ihren nationalistischen, rechtspopulistischen und -radikalen Irrungen und Wirrungen. Roon, Schill oder eine irre Hitler-Karikatur, die rockig und wütend durch Höllen- und Folter-Szenarien tanzt, verweisen auf rechte Individuen, ein Vortrag des staatstragenden, durchaus skrupulösen, aber im Netz der Machtpolitik gefangenen Oberjustizrats Kelsen (Markus John) über Carl Schmitt verweist auf die ideologische Komponente und die Gefahren des Opportunismus. Die Flut von historischen, politischen, staatstheoretischen und philosophischen Bezügen, die Goetz diskutiert, geht jedoch weit über Deutschland und Amerika hinaus: Macchiavelli und Bacon, de Sade und der amerikanische Sündenfall in Vietnam werden adressiert; zudem ist der Text reich an religiösen Motiven und Bibelzitaten. Die Herleitung der geschichtlichen Kontinuität beginnt bereits in der Antike: „hinabgestiegen / … / in das Reich des Todes / wo Schatten, Schriften, Taten / weiterleben und sich wiederholen müssen“ heißt es in dem mit „Hades“ überschriebenen Teil des Prologs. So wird das Publikum zwischen den spektakulären Szenen von Karin Beiers sämtliche Register der Theatermaschinerie ziehender Inszenierung immer wieder zur Reflexion gezwungen.
Goetz‘ faktenreiches, oftmals überladen wirkendes Stück beleuchtet die Verletzlichkeit der Demokratie von verschiedenen Seiten. Es zeigt Menschen, die Verantwortung tragen, aber krass versagen - aus Machtstreben, aus Karrieregründen, aus bürokratischer (Un-)Vernunft, aus Überforderung. Es zeigt das Phänomen von Politikern, deren Denken mutmaßlich einmal von Idealismus geprägt war, deren Handeln aber in Menschenrechtsverletzungen mündet. Karin Beier zeichnet manche dieser Politiker in ihrer Inszenierung vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg als grobe Karikaturen, aber die Gefährlichkeit ihres Denkens und Handelns wird überdeutlich. Das Dreigestirn an der Spitze hinterlässt auch schauspielerisch den nachhaltigsten Eindruck. Wolfgang Pregler als Präsident Grotten (Selbstbeschreibung: „Präsidenticus, Führer, Kaiser und Gott“) verkündet pastoral, mit genüsslichem Pathos und bunten Luftballons seine Anweisungen für grausamste Foltermaßnahmen. Später lässt er sich die Augen verbinden, bevor ihm die Bilder von den durch seine Soldaten durchgeführten Maßnahmen gezeigt werden. Pregler gibt den Präsidenten als hohlen, aber staatstragend auftretenden Machtmenschen, der sich in einen bigotten Glauben und einen dümmlichen Unernst flüchtet: „Dem Volk gefällt, wie ich den Ernst der Lage belustigt darstelle.“ - Burghart Klaußner zitiert als Kriegsminister Roon überzeugend den in wabernde Formulierungen gekleideten Zynismus von Donald Rumsfeld und gibt mit Sebastian Blomberg als Vizepräsident Selch den Ideengeber und Manipulator des schwachen Präsidenten. Nicht zu vergessen ist der mit Baseball-Käppi burschikos und gefühllos agierende Privatsekretär des Vizepräsidenten Pinsk (Maximilian Scheidt), der als erster die neuen Opportunitäten erkennt, die sich nach dem Anschlag ergeben: „Gerade jetzt könnten am Staatsgefüge gewisse Korrekturen möglich sein.“ Und nicht nur am eigenen: Der Neuaufbau des Staatswesens im Irak erfolgt mit kolonialistischer Attitüde.
Dem verbrecherischen Geschehen in der Kolonialzeit nicht unähnlich sind auch die Folterungen der Kriegsgefangenen, die Karin Beier in ihrer mehr als vierstündigen Inszenierung allzu ausgiebig in den Vordergrund stellt. Man erinnert sich noch mit Grausen an Lynndie England: Als originalgetreue Kopie der Aufseherin aus dem Gefängnis von Abu Ghraib stolziert Eva Bühnen mit einem nackten Gefangenen an der Hundehalskette über die Bühne. Es gibt Waterboarding, körperliche und verbale Erniedrigungen aller Art, der Zusammenhang zwischen sexuellen Ekstasen und Gewalt wird wieder einmal behauptet und in provozierenden Bildern dargestellt. Wo Folter ist, da soll auch Spaß sein: „Fun, fun, fun“ wird tanzend, singend und krakeelend gefeiert. Zu den echten Bildern aus Abu Ghraib tritt ein Clowns-Duo auf - und dann wird die Leinwand, auf die die Folter-Bilder projiziert werden, mit einem Hakenkreuz beschmiert, das nur notdürftig zu einem Blumentopf umgearbeitet wird. Wie so etwas geschehen kann, wird nicht verschwiegen: Die Soldaten werden systematisch in den Glauben versetzt, Folter diene der Durchsetzung von Gerechtigkeit. Und vor Ort gab es „kein Mitgefühl, nur Langeweile und einen unendlichen Überdruss am Leben.“ Solche Aussagen der Soldaten erhalten durch die Untermalung mit sakraler Musik eine diabolische Kraft, aber letztlich wird nachvollziehbar, wie sich moralische Maßstäbe in Kriegszeiten bis zum völligen Verschwinden jeglicher Humanität verschieben.
Aneinandergereiht dürften die Folter-Szenen (und die Beschäftigung damit) mehr als die Hälfte der Aufführungsdauer in Anspruch nehmen. So eindrucksvoll und provokant sie sind, stecken sie doch auch voller Redundanzen. Aber Schmerzen will diese Aufführung ja auch zufügen - und das gelingt eindrucksvoll. Die Aufführung erzählt vom „Triumph der Niedertracht“, von der Lust an der Gewalt und vom moralischen Niedergang eines demokratischen Staatsapparats, der mit Desinformation und autokratischen Mitteln seine Legitimation zu gesetzeswidrigem Handeln zu behaupten versucht. Der Präsident ist überfordert, die Strippenzieher verheddern sich, alle eint aber der unbedingte Machtwille - und so überfordert sind sie nicht, als dass sie nach Aufdeckung der Lügen und der Menschenrechtsverletzungen nicht noch erfolgreich an der Vertuschung arbeiten könnten. Ein Untersuchungsausschuss kommt zu dem Schluss, dass es sich bei den Vorgängen in Abu Ghraib und anderswo rechtlich um keine Folter gehandelt habe. „Burn, motherfucker, burn“ röhrt die Bloodhound Gang dazu, „we don’t need no water, let the motherfucker burn...“
Das alles ist spektakulär - mitreißend bisweilen, langweilig an anderer Stelle, nervenzerfetzend, aber ungeheuer vielseitig. Ein „Empörium“ zudem, wie Goetz eine Passage seines Dramas überschrieben hat. Wenn man bereits ermattet in den Sesseln hängt, wartet der stärkste Teil der Inszenierung. Schauspielerinnen und Schauspieler, Musikerinnen und Musiker formieren sich gemeinsam zu einem großen Chor und Orchester. Ein grandioses, rhythmisch und sprachlich unter die Haut gehendes Wortkonzert konfrontiert noch einmal auf der philosophischen Ebene mit dem Ungeheuerlichen, das im Denken und Handeln sowohl der Politiker als auch der Bevölkerung einsetzte. Es geht um die „Faszination für das Politische der Amoral“, um die Lust an der Destruktion, die genauso groß sei wie die Lust auf Güte, Freude und Liebe, um die Gefahren einer zu stabilen Sicherheit, die zur Erstarrung führe. Gefährliche, aber bedenkenswerte Sätze werden skandiert: „Freiheit bedeutet Willkür.“ Und, oh je: „Wahrheit macht frei.“ Man kann gar nicht so schnell denken wie dieses hammerstarke Wortkonzert seine Disputationsthemen über die Rampe schleudert. Und dann heißt es: „Die verstehende Betrachtung muss immer vom Täter ausgehen.“ Trotz mancher eher karikierten Täterfigur ist Rainald Goetz und Karin Beier das gelungen.