Babylonisches Sprachgewirr als Europäerinnenskulptur?
„Anarchy.“ – „Addict.“ – „Abortion.“ – „Anger.“ – „Acid.“
„Beauty.“ – „Brain.“ – „Breathe.“ – „Brave“. – „Birdsong.“ – „Beginning.“
Zumindest für den Schreiber dieser Zeilen ist das Sprachspiel von Mary Davies das interessanteste der 8 Poems, die acht Performerinnen aus sieben verschiedenen Ländern in den Katakomben der ehemaligen Unnaer Lindenbrauerei zur Aufführung bringen. Davies löst für den nur bi- oder trilingualen Zuschauer als einzige den im Programmheft behaupteten Anspruch ein, onomatopoetische Texte mit einer experimentellen Dramaturgie zu präsentieren. Worte mit „A“ stößt sie aus - und zwar ausschließlich solche, die die eine negative Konnotation haben, die „a“bschreckend sind und denen man sich nicht „a“ussetzen möchte. Die Begriffe mit „B“ dagegen „b“eruhigen, „b“esänftigen: Sie sind positiv konnotiert, beschreiben Schönes, Romantisches. Sie sind Versprechungen, und daher spricht Mary Davies sie viel sanfter, weicher aus. „C“-Worte dagegen wecken wieder die Abwehrhaltung des Zuschauers („Critical“, „Catastrophic“, „Confusion“, „Contaminate“), und die mit „D“ stellen einen Mix aus Gut („Dreams“) und Böse („Distort“, „Disorientate“) dar. Sofern man denn Träume für etwas Schönes hält... - Am Ende jedes der jeweils circa zehnminütigen Soli der acht Schauspielerinnen taucht Nedjo Osman auf. Im eleganten weißen Anzug soll er Zeus darstellen, in der Gestalt des Stiers, als der sich der antike Göttervater einst der schönen Königstochter Europa näherte. Davies und Osman werfen sich in ihrer jeweiligen Muttersprache (sie in Englisch, er in Romanes) die entsprechenden Begriffe von „A“ bis „D“ an den Kopf, und wie Davies in den Wald hineinruft, schallt es bei Osman heraus: sanft oder wütend, laut oder leise, schmeichelnd oder vorwurfsvoll. Dann gehen sie ab, und wir wechseln den Raum, um unsere Aufmerksamkeit der nächsten Künstlerin zu widmen.
Vor 27 Jahren haben sich die acht Protagonistinnen, damals frisch gebackene Absolventinnen europäischer Schauspiel- oder Kunsthochschulen, im Rahmen der „THEATRALE“ in Unna getroffen und mit Nada Kokotovic, der damaligen Intendantin des Nationaltheaters Novi Sad, Heiner Müllers Hamletmaschine erarbeitet. Kokotovic ist mittlerweile gemeinsam mit Nedjo Osman Leiterin des TKO Theaters in Köln, das sich in interdisziplinären Projekten unter anderem mit den Lebensformen und Herausforderungen der unterschiedlichen Nationalitäten und Sprachgemeinschaften in Deutschland und Europa beschäftigt. Es klingt wie ein Märchen: Kokotovic und die Performerin Gudula Mueller-Töwe haben die acht Schauspielerinnen von damals wieder zusammengetrommelt, um, wie sie sagen, gemeinsam anhand ihrer Biografien an einer „Europäer:innenskulptur“ zu basteln. Sowohl Kokotovic als auch die meisten der Performerinnen haben ihre künstlerische Basis im Choreografischen Theater. Ihre Monologe tragen sie zu choreografierten Bewegungen in ihren Muttersprachen vor; sie werden nicht übersetzt und auch nicht untertitelt. Im Verbund mit den Räumlichkeiten, die in Unna zum Teil mit den Exponaten des Zentrums für Internationale Lichtkunst bespielt sind, wollen sie eine soziale Plastik kreieren, in der sich die Solo-Darbietungen der Performerinnen zu einem „vielstimmigen interkulturellen Plädoyer für die Kunst, für Toleranz und Demokratie“ verbinden. „EUROPIUM“ ist der Obertitel - der Name eines chemischen Elements aus der Gruppe der Lanthanoide, das zu den Metallen der Seltenen Erden zählt. Wahre Europäer mögen ebenfalls zu den seltenen Exemplaren zählen. Heute Abend hören wir sieben individuelle Nationalsprachen, gesprochen von acht in sehr ähnliche, also homogene, unmodische und ärmliche schwarze Klamotten gesteckten Performerinnen. Das Europa, das diese acht vertreten, sieht zumindest optisch ziemlich freudlos aus…
Die Aufführung beginnt quasi in der Wiege der europäischen Kultur, in Griechenland. Chryssoula Nissianaki ist eine Art Antigone oder Elektra und setzt - leider - den Ton für die meisten übrigen performativen Elemente des Abends: die Hände wringend, sich verzweifelt auf den Boden werfend oder an der Wand lang hangelnd, mit Power in der Stimme und Trauma im Blick, ist ihr Frauengeschrei nicht ein das Haus erlösender Ololygmos, sondern ein Trauergesang mit einem Pathos, wie es den griechischen Tragödinnen in Epidaurus vor 2400 Jahren angemessen erschienen sein mag. Doch dann beginnt sie ganz langsam zu tanzen; es nähert sich der Stier, und als Nedjo Osman sie aus dem Raum entführt und der Tanz zu einem harmonischen Pas-de-deux wird, hellt sich die Atmosphäre auf.
Antigone? Elektra? Frauen-Power jedenfalls, die beiden Gestalten aus der griechischen Mythologie stehen für mehr oder weniger erfolgreiche Versuche der Emanzipation. Im nächsten Raum erwartet uns Sigrun Sol Olafsdottir mit einer für den weder griechisch- noch isländischsprachigen Zuschauer lange Zeit ähnlich anmutenden Performance: laut, pathetisch, weinend, sich wälzend in zerrissenen Papier-Säcken, sucht sie schließlich ihren Körper nach Verletzungen ab. Und wechselt ins Englische: zu einer wütenden Anklage von Geschlechter-Diskriminierung, sexueller Belästigung und Abhängigkeit von Frauen - wenn nicht alles täuscht, fordert sie sogar die Cancel Culture. Neues erzählt sie nicht, wie es scheint, die Sprache ist weder poetisch (wie man sich ohnehin fragt, warum dieser Abend „8 Poems for Unna“ heißt) noch auch nur ansatzweise künstlerisch bearbeitet. Später dann möchte man Abbitte leisten: In dem lesenswerten „Katalog“, den man für sieben Euro an der Kasse erstehen muss, beschreibt Olafsdottir in einem erschreckenden Text Erfahrungen von massiven sexuellen Übergriffen und einer ungewollten Schwangerschaft - erlitten nicht im heimischen Island, sondern in den verschiedensten Ländern Europas. Eines Europas, das so freudlos scheint wie die Klamotten der Performerinnen…
Und so geht es denn weiter: Die Niederländerin Katharina Conradi kocht Suppe und bringt so als einzige ein paar Requisiten in die Vorstellung ein (wenn man das wiederholt zum Einsatz kommende Packpapier außer Acht lässt). Auch ist sie die einzige, die einmal lacht, für einen kurzen Moment nur, aber immerhin, und sie ist die einzige, die ein wenig Erotik in ihr Spiel respektive in ihre Tänze bringt. Das Muster aber ist immer dasselbe: Man redet mit oft weit aufgerissenen Augen (bei der Deutschen Gudula Mueller-Töwe kann man endlich mal wieder verstehen und ist erst recht ratlos, wieso dieser entsetzte Blick mit einer recht banalen biografischen Erzählung korrespondieren soll), wirft sich gegen die Wand oder auf den Boden, macht ein paar Tanzbewegungen und lässt sich am Schluss von Zeus Nedjo Osman entführen. Das Pathos antiker Tragödinnen wiederholt sich und lässt die experimentelle Kunstanstrengung überraschend antiquiert wirken. Ebenso fragt man sich, warum die circa 50jährigen, körperlich topfitten Damen für die Erarbeitung der „Europäer:innenskulptur“ ausnahmslos hässliche Kleider, wirre Frisuren und dunkle Augenringe tragen müssen: Hässlichkeit und Pathos als Voraussetzung für Toleranz und Demokratie? Das leuchtet nicht ein.
Möglicherweise käme der Schreiber dieser Zeilen zu einem versöhnlicheren Urteil, wenn die Texte der Performerinnen zu verstehen wären. Das Versprechen der Veranstalter, die verschiedenen Muttersprachen der Schauspielerinnen seien durch die onomatopoetische Verschachtelung der Texte „ohne penible Übersetzung“ zu verstehen (tatsächlich erfolgt GAR KEINE Übersetzung!) löst sich allzu selten ein - der eine gewisse Strahlkraft entwickelnde Schlussdialog zwischen dem Romanes sprechenden Osman und der Isländisch sprechenden Halla Margret Johannesdottir ist eine rühmliche Ausnahme. Das erwähnte Programmbuch versammelt neun biografische Texte von Osman und den Performerinnen, die eine viel einleuchtendere Version einer sich aus Einzelschicksalen zusammensetzenden europäischen Skulptur ergeben. Sie beziehen sich mal mehr, mal weniger auf die zur Aufführung gelangenden Monologe und zeichnen ein Bild von neun individuellen, vielschichtigen, oft auch humorvollen Persönlichkeiten mit hochinteressanten multinationalen Lebensläufen. Es sind Menschen, die etwas zu erzählen haben, von deren Erfahrungen man lernen kann, die Gutes und weniger Gutes auf ihrem Weg durch Europa und ihrem Weg durch die Kunst erlebt haben. Man möchte mehr von ihnen wissen. Nada Kokotovics geradezu hermetische Inszenierung aber lässt das nicht zu.