Helden raus! Hebbel raus!
Das Dhaus lädt ins Große Haus zu Hebbels Nibelungen. Vor der Bühne der schwere, dunkelrote Samtvorhang: das gab es lange nicht mehr! Da erwartet uns wohl ein Klassiker.
Doch dann das erste Bild, alles andere als Samt und Seide: eine mediokre Wohnzeile à la 60er-Jahre aus Küche, Bettstelle, Kleiderschrank, Bad. Am spierigen Tischchen stiert ein wohlgenährter Mann in weißgerippter Schiesser-Unterwäsche vor sich hin, aus dem Metallbett steigt eine junge Frau im Schlafanzug. „Ein toter Mann liegt vor der Tür“ hören wir – bei Hebbel sagt es der Kämmerer im V. Akt, 5. Szene in Siegfrieds Tod, dem zweiten Teil von Ein deutsches Trauerspiel in drei Abteilungen. Aha, dann sind wir also schon mittendrin: der Mann am Tisch liegt zwar nicht vor der Tür, ist aber zweifellos der tote Siegfried - wenn dieser Biedermann (Florian Lange) auch so gar nicht in ein Heldenepos passt. Ab und an flüstert er ganz leise „Kriemhild“ und beschmiert sich dabei mit roter Farbe. Theaterblut. Das Mädchen muss dann wohl Kriemhild sein. Gesprochen wird nicht: sie zieht sich an und wieder aus, legt sich schlafen, steht wieder auf, putzt sich die Zähne, frühstückt, legt sich wieder schlafen, die Tage werden benannt: Sonntag, Montag…. mal trägt sie nur einen Blümchenmorgenmantel, mal ein Glitzerkleid und Pumps, am Ende ein weißes Spitzen-(Hochzeits)-Kleid. Zwischendurch geben die Gegenstände bizarre Geräusche von sich, man hört Vogelgezwitscher und am Freitag wird leise Schubert eingespielt: Leise flehen meine Lieder …. Das passt. Wer das Lied kennt, weiß, dass da von des Verräters feindlich Lauschen und vom Liebesschmerz der Nachtigallen gesungen wird.
Dann endlich haben wir’s geschafft: die sieben Tage sind um, vermutlich stehen sie für die zweimal sieben Jahre, in denen Kriemhild um ihren Siegfried trauert und auf Rache sinnt.
Die Schranktür wird von innen aufgestoßen, herausgesprungen kommt Brunhild (kraftvoll überzeugend: Minna Wündrich) in schwarzen Kampfstiefeln und entsprechendem Anzug. „Keiner kann im Kampf bestehen“, ruft sie, Worte die bei Hebbel Siegfried im Vorspiel zu König Gunther über Brunhild sagt.
Nach zwanzig Minuten sind wir endlich bei Hebbel angekommen. Die Bühne dreht sich, auf einer raumfüllenden Tonne erscheinen Kampfszenen.
Dann geht’s weiter: Frigga, die Amme im roten Kapuzenumhang, quert die Bühne, prophetisch mahnend vor dem „ tiefen Norden, wo die Nacht nicht ruht“, und „Wer um sie wirbt, der wirbt zugleich um seinen Tod“.
Dann sind sie alle auf der Bühne: Siegfried, jetzt im Lederblouson und Schlabberjeans, nur sehr von Ferne auf den Nibelungenheld verweisend, erst recht nicht, wenn er später schüchtern stotternd seinen Antrag an Kriemhild vorbringt. König Gunther in goldenen Knickerbockern wird von Andreas Grothgar ziemlich affig, nahe an einer Witzfigur gegeben und Hagen Tronje (Joscha Baltha), im Sagenstoff Ratgeber am Königshof und Herr des Nibelungenschatzes, tanzt albern in langem Silberrock und nacktem Oberkörper durchs Geschehen.
Ganz eindeutig: der Regisseur Stephan Kimmig mag die Männer nicht, während die Frauen strahlen dürfen. Kriemhild, jetzt in weißem Gewand, mit blonden Zöpfen, tanzt mädchenhaft unbekümmert ein Solo und bekommt Szenenapplaus, Brunhild, die Königin von Isenland, wie zuvor: stattlich, selbstbewusst, bravourös.
Dann geht alles ganz schnell: Gunther und Siegfried schmieden ihren Betrugsplan: Siegfried soll unter der Tarnkappe für den schwächlichen Gunther gegen Brunhild, die bisher alle Freier besiegte, in den Kampf ziehen, dafür bekommt er Kriemhild, die Schwester des Königs, zur Frau. Brunhild wird besiegt, ist aber nicht wirklich überzeugt, dass Gunther das geschafft hat, und verlangt, auch noch in der Brautnacht besiegt zu werden. So muss Siegfried noch einmal ran. Eine alberne Szene: Vorne am Bühnenrand ringt Brunhild scheinbar mit dem unsichtbaren Siegfried, während Gunther danebenhockt und in seiner Goldhose onaniert. Im Hintergrund kopulieren zwei im Bärenfell, gut erkennbar: Siegfried und Kriemhild.
Indes glaubt Brunhild sich von Gunther besiegt, gibt sich zufrieden, erscheint in rotem Kleidchen mit Perlenkette und konstatiert; „Ich bin wunderbar verwandelt. Du bist der Mann, ich die Frau.“
Dann sind wir schon vor dem Dom, es kommt zum Streit um den Vortritt und da beschimpft Kriemhild die stolze Brunhild bei Hebbel, als „Das Kebsweib meines Gatten!“, bei Kimmig wird daraus „die Hure meines Gatten“. Braucht es diese Modernisierung? Die zudem nicht wirklich trifft. Wenig später ist auch noch vom Koksen die Rede.
Es folgt der Aufbruch zur Jagd und der Satz aus dem Kimmig-Prolog: Ein toterMann liegt vor der Tür, mein Siegfried! Mord! Hier gehört er hin. Bei Hebbel folgt darauf der dritte Teil: KRIEMHILDS RACHE, der etwa so umfänglich ist, wie die beiden anderen Teile zusammen. Bei Kimmig greift Kriemhild zum Maschinengewehr und erschießt Hagen, den Mörder ihres Mannes, der inzwischen einen knallgelben Anzug trägt, und König Gunther, der den Mord zuließ.
Keine zweimal sieben Jahre Trauer und Sinnen auf Rache, davon die letzteren am Hof des Hunnenkönigs Etzel, wo der ehrbare Dietrich von Bern (bei Hebbel) beobachtet, dass „Frau Kriemhild weint noch Tag und Nacht“. Beide Hunnen- Männer kommen bei Kimmig nicht vor und so fehlt auch der fromm - hoffnungsvolle Schlusssatz Dietrichs, nachdem ihm Etzel die Krone mit den Worten: „So schleppt die Welt auf eurem Rücken weiter!“ übergeben hat: „Im Namen dessen, der am Kreuz verblich“. Man kann das so umschreiben, so umdeuten, doch stellt sich die Frage, wieso dann „Kriemhilds Rache“ als Titel?
Vielleicht soll die Rache im zwanzigminütigen Epilog der Kriemhild-Darstellerin Lea Ruckpaul stattfinden. Der schließt allerdings weder an das Heldenepos, in dem sich mythisches Vorwissen mit Überlieferungen zu Sagen verweben, noch an die Bearbeitung des Stoffes durch Hebbel im neunzehnten Jahrhundert inhaltlich oder interpretatorisch wirklich an.
Da toben sich zwei Frauen von heute, Lea Ruckpaul und Minna Wündrich, temperamentvoll, sprachlich brillant, inhaltlich ein wenig gestrig über das gar so schlimme Los der Frauen aus. „Ahnen raus aus meinem Körper“, wüten sie. Alles soll raus: Gesellschaft, Erziehung – da kommen die Mütter ganz schlecht weg, sie haben angeblich das Erbe wie „Sondermüll Giftmüll“ in den Zellen der Töchter eingelagert, sie schon „im Geburtskanal mit Schuld und Unterwürfigkeit besudelt“, und das Ganze „als Liebe getarnt, wie nur Mütter es tun können.“
Und während die zwei Frauen ihren Aufstand gegen die Mütter und den von ihnen vererbten Männermythos gar nicht beenden können, bummeln die Herren in farblosen Popelinmänteln, Zitroneneis am Stiel lutschend, hinten über die Bühne. Albern.