Übrigens …

Die bitteren Tränen der Petra von Kant im Schauspielhaus Düsseldorf

Mächtig ist, wer weniger liebt

Nur schön muss es sein. Die Werbekampagnen und die Personality Stories in der VOGUE und in großen Promi-Magazinen lenken den Blick auf eine glitzernde, schillernde Welt. Die erfolgreiche Mode-Designerin ist oben angekommen in der Welt der Reichen und der Schönen. Souverän bewegt sie sich zwischen den Mode-Metropolen dieser Erde, zwischen Mailand und New York, London und Paris und … ja, manchmal ist sie auch in Düsseldorf. Carl Lagerfeld und George Clooney gehören zu ihren Freunden, und wenn in der Regenbogenpresse von der Fashion Queen die Rede ist, erscheint wie zufällig auf der gleichen Seite ein Foto von Queen Elizabeth. „Inside the World of Petra von Kant“ herrschen Glamour und Luxus. Wenn auf der großen Videowand auf der ansonsten kargen, ein Atelier andeutenden Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses die Bilder der Image-Kampagnen und Promi-Stories über PvK (ihr Logo ähnelt frappant dem von Rincklake van Endert) flimmern, ertönt die einschmeichelnde Musik des Intros von Chris Isaaks „Wicked Game“. „The world was on fire and no one could save me but you…“

The world is on fire für Petra von Kant. Sonja Beißwenger gibt sie von Beginn an als überspannte Zicke. Sie ist genervt von jeder Störung, kanzelt ihre Mutter am Telefon ab und greift permanent zur Wasserkaraffe, in der wir eher Vodka als Vittel vermuten: Die manischen Züge dieser Frau sind unverkennbar, Suchtprobleme zumindest nicht ausgeschlossen. Dass Erfolg und der daraus entstehende Leistungsdruck zu mentalen Problemen, Burnout und psychischen Erkrankungen führen kann, wissen wir nicht erst seit Naomi Osaka. Zur Entstehungszeit von Rainer Werner Fassbinders Stück im Jahre 1971 (besser bekannt ist die Film-Version aus dem Jahre 1972) war dieses Thema noch weniger erforscht, aber der Zusammenhang zwischen dem Zwang zur perfekten Außendarstellung und Petra von Kants ausgeprägten Neurosen erscheint in David Böschs Düsseldorfer Inszenierung sinnfällig. Erfolg macht einsam – und Erfolg ruft Neider auf den Plan. Petras Ehe ist gescheitert; Petras Freundin Sidonie von Grasenabb wühlt scheinbar mitfühlend, aber mit untrüglichem Gespür für die Stellen, an denen es wehtut, in den Wunden: Auch Hannah Werth gibt ihre Figur als eine Zicke, aber eine, die ihr Leben (und ihre Männer) noch in der Hand hat. Die Botschaft von Petras neuer Werbekampagne straft sie Lügen: „The Essence of Truth“ ist genau das, was Sidonie und Petra nicht verkörpern.

Schnell kommt die Aufführung auf den Punkt: „Wer weniger liebt, hat mehr Macht in der Beziehung“, erkennt Petra. Wicked Games spielen die Liebenden in dieser dekadenten Gesellschaft – wicked games, die sich nicht zuletzt aus den Klassenunterschieden der Liebenden speisen. Erbarmungslos lässt Petra ihre Bedienstete Marlene ihre Macht spüren: Blanka Winkler, Studierende des Schauspielstudios Düsseldorf der Leipziger Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy spielt Petras devote Angestellte in einem Kleid und einer Leggings, die so grau sind wie die Wand des Bühnenhintergrunds. Aber sie ist hübsch, und sie himmelt Petra an. Und sie ist stumm: Enthusiastisch bewegt sie die Lippen synchron zu einem eingespielten Popsong, aber sie hat keine Stimme. Bösch hat das Unglück der Figur im Vergleich zum Film in die Eskalation getrieben – aber Blanka Winkler erträgt die durch Petra erlittenen Demütigungen stoisch und mit Liebe.

Doch wähne nicht mächtig dich, wenn du machtlos bist, denn Hilfe ist nirgends. Wer weniger liebt, hat mehr Macht in der Beziehung? – Karin Thimm tritt in Petras Leben. Ein working class girl, das Anna-Sophie Friedmann als nettes, bodenständiges, verhältnismäßig ehrgeizloses Mädchen gibt. Karin ist überrascht von Petras Zuneigung, aber längst nicht bereit für ein tiefes Commitment. Petra verliebt sich in sie – obsessiv, aber auch possessiv. Und sie verliert jede Macht. Petra lockt mit einer Model-Karriere – why not, denkt Karin, die viele Qualitäten hat, aber nicht die Maße eines Hunger-Modells. Petra lockt mit einer Liebesbeziehung – why not, denkt Karin, die in einer ganz anderen Welt verhaftet ist als der dekadenten, aber großbürgerlichen Schickimicki-Gesellschaft. Petra entwirft eine neue Kampagne für sie: „A Star is Born – Supermodel Karin Thimm“ prangt es bald von den Plakaten. – „The world was on fire but no one could save me but you…“

Petra liebt. Es ist eine amour fou, aber es ist auch eine übergriffige, besitzergreifende Liebe. Karin mag arglos ein, aber sie nutzt Petras Liebe auch aus. Es ist ein Spiel von Macht und Machtmissbrauch, das Bösch auf der Basis von Fassbinders Stück inszeniert. Petra glaubt, die Macht zu haben, weil sie das Geld hat, weil sie die Fähigkeit hat, aus Karin einen Star zu machen. Doch wahre Macht besteht in Unabhängigkeit. Besteht in Freiheit. Irgendwann ist Karin weg. Einfach weg, ohne Streit. Da war kein Commitment, nur eine lose Beziehung. Petra ist machtlos. Ihre Verzweiflung eskaliert, und Hilfe ist nirgends. Sonja Beißwengers Arme und Hände rucken und zucken mit jedem Wort, Petras Neurose äußert sich auch physisch. Leider dominierte das Neurotische die Spielweise von Minute Eins an, so dass seine Steigerung an Wirkung verliert. Aber es wird kontrastiert durch das Verhalten von Petras vollkommen geerdet und normal auftretender Tochter. Gaby (Gesa Schermuly ist eine weitere Studierende aus Leipzig) ist irritiert – und zieht von dannen. Petra bleibt zurück, einsamer als je zuvor. Und doch: Anders als bei Fassbinder gibt es einen Rest von Hoffnung. Denn in der Einsamkeit scheint Petra sich zur Ruhe zu zwingen.

Bösch erzählt die Geschichte in unterhaltsamen 70 Minuten. Er erzählt von unglücklichen Liebenden in einer dekadenten Gesellschaft, und er erzählt von den zerstörerischen Machtmechanismen einer ungleichen Liebe. Bisweilen nimmt die Inszenierung die Züge einer Gesellschaftssatire an. Sehr hübsch gelingen die zahlreichen augenzwinkernden oder ironischen Seitenhiebe auf die Düsseldorfer Schickimicki-Gesellschaft – in der Stadt, die sich so gern Klein-Paris nennen würde. Aber Bösch will nicht weh tun: Nur schön muss es sein. Das ist vielleicht ein Manko in dieser Inszenierung, die – wie schon seine Einrichtung von Orpheus steigt herab vor wenigen Wochen am gleichen Haus – in ihrem Bemühen um Unterhaltsamkeit ein wenig brav daherkommt. Vor neun Jahren haben wir im Marstall des Residenztheaters München Martin Kusejs Inszenierung mit Bibiana Beglau in der Titelrolle gesehen: Das war ein eiskaltes Exerzitium der Macht, bei dem dem in Zweierreihen um das Spielfeld platzierten Zuschauer kalte Schauer den Rücken hinunterliefen – und mitten durch die Eiseskälte brach die feurige Lava plötzlicher Vulkanausbrüche. Bei Bösch (und insbesondere bei Sonja Beißwenger) ist von Beginn an Feuer drin – manchmal ein wenig zu viel, zu outriert und ekstatisch. Aber das ist Kritik auf hohem Niveau: Die Düsseldorfer Schauspielerinnen (einschl. der beiden Studierenden) – beweisen wieder einmal hohe Qualität.

Erst im Nachhinein denkt man darüber nach, dass man ein Drama über lesbische oder zumindest bisexuelle Liebende gesehen hat. Das spielte nicht nur keine Rolle, sondern man hat das Spiel um Liebe und Macht ganz unbeeinflusst vom Geschlecht der Liebenden rezipiert. Was für ein enormer gesellschaftlicher Fortschritt! Fassbinder hat seinen Text vor 50 Jahren als Schlüssel-Drama geschrieben und ihm auch Erfahrungen aus seiner durch Homosexualität geprägten Künstlergruppe eingeschrieben. Damals dürfte das noch richtig Staub aufgewirbelt haben.