Die Polizey im Moers, Schlosstheater

Wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt

Hände hoch, wer Die Polizey kennt! Nein, gemeint ist nicht dein Freund und Helfer, der uns heute bei Demos, Autounfällen oder Wohnungseinbrüchen begegnet, sondern der Dramenentwurf von Friedrich Schiller. Wobei Dramenentwurf ein großes Wort ist: Die Polizey ist eher Stoffsammlung. Ganz schön viel Theorie hat der große Dichterfürst zusammengesammelt und dann liegen gelassen; zu einem ordentlichen aufführungsreifen Stück reichte es nicht mehr. Das Schlosstheater Moers, bekanntermaßen vor nix bange und jederzeit zu überfallartigen kreativen Ausbrüchen fähig, versucht dennoch, einen Fall fürs Theater daraus zu machen.

In Schillers Textkonvolut wird die Pariser Polizeibehörde des Ancien Régime zum Kristallisationspunkt zwischen Ordnung und Chaos, Individualität und Masse, Bürokratie und individuellem Schutz. „Die Zuschauer werden ...  in das Geschehen mit hineingezogen und sehen die großen Räder der großen Maschine in Bewegung“, wie es in leichter Abänderung von Schillers Text in der Moerser Aufführung heißt. Ellenlang sind Aufgabenbeschreibung und Mission Statement der Behörde. Vom Schutz der Bevölkerung, des Eigentums und der gewerblichen Wirtschaft („verhütend und rächend"!) bis zur „Reinigung der Sitten“ reicht das Aufgabenspektrum, und immer agiert die Polizey „unter der Maske“. Unter der Maske war es damals wie heute: Da wurde viel Gutes getan, aber die Nähe zum Spitzelwesen und zum Verbrechen gab und gibt Gelegenheit zu Grenzüberschreitungen: Die Polizey „muß oft geheimnißvolle Wege nehmen und (kann) auch nicht immer die Formen beobachten.“ So ist die Polizey also, wenn man sie zur Gänze durchdrungen hat, auch ein Abbild der großen Stadt - und der Gesellschaft: „Die Polizey ist nur so gut wie die Gesellschaft gut ist.“

Damit sind wir dann doch wieder beim Hier und Heute. Der im Grunde diffamierende, weil nur eine verschwindende Minderheit der bei der Polizei beschäftigten Individuen betreffende Kampf-Begriff der „Polizeigewalt“ kommt einem in den Sinn. Gar mancher glaubt im 21. Jahrhundert nicht nur an individuelles Fehlverhalten, sondern an ein strukturelles Problem. Das gesellschaftspolitische Image der Polizei - hierzulande im Vergleich zu vielen anderen Staaten außerhalb des demokratischen Westens immer noch hoch - hat jedenfalls gelitten, wobei es auch die sozialen Netzwerke sind, die die Eskalationen befeuern und Fehler zu Skandalen hochpushen. Da gibt es dann einen anderen Kampfbegriff: den der Beschränkung individueller Freiheitsrechte, die manchem mehr gelten als gesellschaftspolitische Raison. Schillers Text legt nahe, dass all das kein neues Phänomen ist.

„Das Jahr war ein Jahr des Schreckens gewesen… Denn viele Zeichen und Wunder waren geschehen, und… über Meer und Land hatten sich die schwarzen Schwingen der Pest ausgespannt“, heißt es im Prolog zur Moerser Textfassung - und da sind wir gleich in Gedanken bei der aktuellen Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen individueller Freiheit. Am Ruhrbühnen-Wochenende können wir gleich die Probe aufs Exempel machen, denn die pandemiebedingt erforderlichen Kontrollen in den verschiedenen Theatern fielen höchst unterschiedlich aus, sowohl im Hinblick auf die Bürokratie als auch im Hinblick auf die Souveränität des Einlasspersonals. In Moers hat man das Thema sinnfällig und charmant gelöst: Die Polizey höchstpersönlich steht am Eingang zum Zuschauerraum, kontrolliert und weist die Plätze zu. Ihre grünen Blousons und hellbraunen Flanellhosen erinnern nur von fern an Polizei-Uniformen, und ihr Revier ist mit Wählscheiben-Telefonen und altmodischem Polizeileutnant-Schreibtisch in einer fernen Vergangenheit, aber nicht im 18. Jahrhundert verortet, was möglicherweise auf eine Kontinuität der Rolle der Polizei im Laufe der Jahrhunderte hindeuten soll. Im Polizeirevier herrscht hektische Betriebsamkeit, ohne dass allzu viel dabei herauskommt: Pathetische Worte, viel Bürokratie und geringe Effizienz kennzeichnen die Behörde. Absurdität auch?

Ja, und das hinterlässt einen ambivalenten Eindruck. Einerseits bilden die absurden Momente die Höhepunkte von Anna-Elisabeth Fricks Inszenierung, andererseits verliert die Inszenierung auch immer wieder den roten Faden. Schillers Material-Mix zu folgen, ist nicht einfach, aber zu allem Überfluss fügt das Schlosstheater Moers der verwirrenden (und durchaus anspruchsvollen) Sammlung weiteres Material hinzu. Literaturbekannte Pariser Verbrechen werden witzig und mit Elementen von Splatter nacherzählt: Edgar Allan Poes „Doppelmord in der Rue Morgue“ beispielsweise, mit ruhrpöttlernden, berlinernden, hamburgisch schnackenden, russischen und italienischen, niederländischen und englischen Zeuginnen und Zeugen und einem mörderischen Orang-Utan, oder - völlig absurd und verfremdet - Luis Bunuels „Das verschwundene Mädchen“ (aus: „Das Gespenst der Freiheit“). Joanne Gläsel spielt Aliette, die entführte Tochter des Ehepaars Legendre, und steht bei der Erstattung der Vermissten-Anzeige praktischerweise gleich neben den Eltern im Kommissariat, bevor man dann die Suche beginnt und die Geschichte langsam, aber sicher in den „Wilhelm Tell“ übergleitet: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben / wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“

Das macht phasenweise durchaus Spaß und bringt dem angestrengt Mitdenkenden gelegentliche Erkenntnisse zum gedanklichen Konzept der Inszenierung: Im Anschluss an die Aufklärung des Mordfalls aus der Rue Morgue wird Emily Klinge angegriffen, betatscht, an den Haaren gezogen. Die Atmosphäre wandelt sich von der Komödie in Aggression; Theorie wird zu Comedy wird zu Polizeigewalt wird zu Theorie. Die Tell-Szene hält sich nicht lange mit Apfelschuss und Rütlischwur auf, sondern mündet in der Revolution des Prekariats, das die Barrikaden stürmt und die Stadt niederbrennt. Schließlich folgt noch die Ballade vom „Kampf mit dem Drachen“, und dazwischen singen alle: „Ach der Tugend schöne Werke, gerne möchte‘ ich sie erwischen: doch ich merke, doch ich merke, immer kommt mir was dazwischen.“ Leider ist einem der Sinn für Wilhelm Buschs Humor inzwischen vergangen. Die Aufführung ist zu einer Nummernrevue geworden; ihre Gedanken (und die eigenen) zu sortieren, fällt trotz des einen oder anderen Geistesblitzes immer schwerer. „Now only an expert can deal with the problem“, sagt Joanne Gläsel, zeigt aufs Publikum, „often this doesn’t work because the situation is completely out of control.“

Stimmt. Man verliert Orientierung und Durchblick. In gluckernder Sauna-Atmosphäre reinigen sich die Polizey-Kommissare. Sie jammern vor Schmerz und bilden schließlich eine Skulptur aus menschlichen Leichen. Ratlos bleibt man zurück. Ach, des Schillers schöne Werke, gerne würd‘ man sie erwischen. Doch kaum ist man auf der Fährte, grätscht neuer Geistesblitz dazwischen.  

 

 

„10 x Freiheit“ - unter diesem Motto fanden am Wochenende des 30./31. Oktober 2021 zehn Premieren an zehn verschiedenen Ruhrbühnen statt. Mit einem individuell zusammenstellbaren Vierer-Ticket konnten Besucher gleich am Premieren-Wochenende vier der zehn Aufführungen besuchen. theater:pur stellt fünf von ihnen vor:

 

Schauspielhaus Bochum: nach J. M. Coetzee, „Schande“

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Schauspiel Dortmund: Annie Ernaux, „Der Platz“

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Schlosstheater Moers: nach Friedrich Schiller, „Die Polizey“

Ringlokschuppen Mülheim: CocoonDance, „Standard“

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Theater an der Ruhr Mülheim: nach Lars von Trier und Charlotte Beradt, „Europa oder Die Träume des Dritten Reichs“

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