Störfall im Köln, Theater Tiefrot

Nachdenken von Christa W.

Dem Bruder der Ich-Erzählerin wird gerade in der Klinik die Schädeldecke abgenommen, als die Medien die ersten spärlichen Nachrichten vom Reaktor-Unglück verbreiten. Das Dach des Blocks 4 im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl ist in die Luft geflogen. Radioaktive Stoffe verbreiten sich auf der gesamten Nordhalbkugel der Erde. „Leidest du?“, fragt die Erzählerin ihren Bruder in Gedanken.

Es sind gleich zwei Störfälle, die Christa Wolf in ihrem Buch miteinander verschränkt: Der Bruder unterzieht sich einer äußerst risikobehafteten, viele Stunden währenden Gehirn-Operation, und im DDR-Radio hört man die ersten Meldungen vom „Störfall“ aus der Ukraine. Bis dass die Sowjetunion und in der Folge die DDR über das für die Bevölkerung weiter Landstriche lebensbedrohliche Unglück informierten, waren Tage vergangen. Erst Messungen in einem schwedischen Kraftwerk, die auf einen Reaktor-Unfall hinwiesen, veranlassten die sowjetischen Behörden zur Herausgabe einer schmalen Meldung. Das Programmheft der Aufführung von disdance project, das Christa Wolfs Buch im Theater Tiefrot in Köln für die Bühne bearbeitet hat, dokumentiert die kurze, knapp zehnzeilige Mitteilung in SED-Zentralorgan Neues Deutschland vom 29. April 1986 - gut drei Tage nachdem Block 4 explodiert war. Nichtssagend ist sie, versteckt zwischen Kurzmeldungen aus aller Welt. In der sowjetischen Musterstadt Prypjat, drei Kilometer entfernt vom havarierten Reaktor, werden die Menschen derweil endlich evakuiert. Es herrscht frühsommerliche Hitze. Niemand hatte ihnen an den Tagen zuvor gesagt, dass sie die Fenster schließen sollten. Nun warten sie stundenlang in der verseuchten Luft auf die Busse, die sie aus der Gefahrenzone bringen sollen.

In Form eines Gedankenstroms beschreibt Christa Wolfs Text die Ereignisse eines einzigen Tages im Leben der Ich-Erzählerin. Deren Gedanken mäandern von der Sorge um ihren im Operationssaal liegenden Bruder über die Ungewissheiten und Gefahren, die das nahe Reaktorunglück mit sich bringt, bis hin zu Überlegungen zur Verantwortung von Ärzten, Wissenschaftlern und Forschern. Auf der kleinen Kellerbühne im Theater Tiefrot ist zur Linken die Küche des Ferienhauses der Ich-Erzählerin in Mecklenburg-Vorpommern angedeutet. Der Blick aus dem Fenster geht in eine sonnige, trügerisch unschuldige Wiesen-Landschaft. Die Tänzerin Paula Scherf gibt die Erzählerin - stumm, während Wolfs Text im für die Autorin typischen spröden, sachlichen und doch immer wieder Emotionen triggernden Christa-Sound vom Band gespielt wird. Perfekt demonstriert Scherf in ihrer Mimik und in ihren Bewegungen die Entwicklung ihrer Seelenlandschaft im Laufe des Tages: Die Störfälle führen zu zunehmender Unruhe. Gewissheiten gibt es nicht: keine Informationen aus dem Krankenhaus, nur Desinformationen in den Medien.

Nervös tigert Scherf auf und ab. Paula pellt ein Ei, Paula schnibbelt Salat und Blumenkohl - und wirft die vorbereiteten Mahlzeiten in den Müll: Was gestern besonders gesund war, ist heute besonders gefährlich. Lässt man die Kinder noch in den Sandkasten? Die Kühe auf die Weide? Wie schnell breitet sich Radioaktivität aus? An welchen Fäden hängt das Leben? Die Ich-Erzählerin stellt Fragen, und manche gibt sie an das Publikum weiter: Die Zuschauer haben sich in ein eigens für diese Inszenierung programmiertes Intranet eingeloggt und tippen ihre Gedanken in ihr Handy: „Wohin gerät das Leiden, dessen wir nicht gewahr werden können?“, lautet die erste, ein wenig kompliziert formulierte Frage, die sich auf des Bruders Operation und seine Narkose-Situation bezieht. André Lehnert macht die Antworten auf einer Videowand sichtbar: „Innere Hölle, innerer Himmel“, hat einer der Zuschauer geantwortet. Man kann das durchaus auch auf die Atomkatastrophe beziehen! Der Begriff „Unterbewusstsein“ taucht in mehreren Antworten auf, von „Psychose“ ist einmal die Rede. Die Parallelführung von OP und nuklearer Katastrophe wird sinnfällig: Auch eine Menschheitskatastrophe wie die von Tschernobyl oder Fukushima beeinflusst das Unterbewusstsein, schürt latente Ängste, kann zu Psychosen führen. Neue Worte habe sie gelernt, sagt die Ich-Erzählerin: „steril“, „kontaminieren“, „Nuklide“. Viele dieser Begriffe treffen auf beide lebensgefährliche Situationen zu: die individuelle durch die Operation und die kollektive durch die Verseuchung riesiger Landstriche. „Atom“, räsoniert Wolf, habe auf Griechisch die gleiche Bedeutung wie „Individuum“ auf Lateinisch: „UNSPALTBAR“.

Die Desinformation der Bevölkerung führt nicht nur zu Verunsicherung und Gerüchten, sondern auch zur Abwiegelung: Man habe schon schlimmere Schlamassel erlebt, sagen die Nachbarn. In ihrem Gedankenstrom weist Wolf darauf hin, dass die ersten Männer, die vor den Gefahren der Atomforschung gewarnt haben, verlacht wurden. Als der Schreiber dieser Zeilen im Jahre 2018 durch das Sperrgebiet um Prypjat und Tschernobyl reiste, wurde ihm von den nach Moskau zur Behandlung in einer Strahlenklinik (eine solche gab es in der Nähe des Kernkraftwerks nicht!) ausgeflogenen Menschen berichtet: Diese seien lachend aus dem Flugzeug gestiegen, hätten die Evakuierung wie einen Urlaub angenommen. Wenige Tage später starben sie unter unsäglichen Schmerzen. Lachend, vor allem aber mit einem erfrischenden Sarkasmus berichten heute auch die „Chernobyl-Guides“, die den Touristen durch die erstaunlich schnell regenerierten, aber in Talsenken und vielen Innenräumen der Ruinen Prypjats immer noch verseuchten Gebiete führen, von den unsäglichen Versäumnissen des Krisenstabs und der sowjetischen Führung. Sarkasmus zeichnet an vielen Stellen auch Christa Wolfs Text aus - es ist ein anderer Sarkasmus, bitterer, nachdenklicher als bei den jungen Ukrainerinnen 30 Jahre nach der Katastrophe. Wolf schrieb ihren Roman nur zwei Monate nach dem Unglück - und sie, die DDR-Schriftstellerin, prangert Machthunger und Arroganz an, denkt nach über den Wettlauf der Systeme, die „Lust an Spaltung, Zertrümmerung, Feuer und Explosionen“ und sieht ihren Fortschrittsglauben (und den ihres Staates) erschüttert. Die Staatsführung brauchte ein Weilchen, um sich mit Wolfs Kritik zu arrangieren, und fand ihre eigene Interpretation.

Stumm bewegt sich Paula Scherf zu dem vom Band abgespulten Text, der - analog zu Christa Wolfs Roman - auch kleinere Textstellen aus Brecht-Gedichten oder von Stephan Hermlin („Die Vögel und der Text“) und anderen Autoren zitiert. Je länger der Abend dauert, desto perfekter gerät das Zusammenspiel zwischen Sprache, Musik und den mehr und mehr tänzerischen Bewegungen von Scherf. Videos zeigen die Evakuierung der Menschen aus der Region rund um Kiew. Die OP des Bruders ist gelungen. Durch die Parallelführung von OP und Atomkatastrophe werden die eigenen Gedanken auch auf die Erfolge der Nuklearmedizin gelenkt, die für Krankheits-Diagnosen und -Therapien ein Segen ist. Es ist halt alles zweischneidig. Sarkastisch ließe sich sagen: Atomkraft ist sicher, so lange nicht Erdbeben und Tsunamis gleichzeitig auftreten. Spätestens durch Fukushima haben wir gelernt: Alles, was geschehen KANN, WIRD irgendwann geschehen. „Ich fürchte die Abgründe in mir selbst und meiner Schädeldecke“, hatte es im Text zuvor geheißen.

Paula Scherf tanzt und verschränkt die Arme vor den Augen. Was tun mit den Risiken der friedlichen Nutzung von Kernenergie? Hinsehen oder Weggucken? Für die Aufführung von disdance project ist die Empfehlung eindeutig: Angucken!