Nebensache im Studio-Bühne Essen

Das Pferd, das sie Raiffeisen nannten

Nach handgestoppt 13 Minuten fällt der erste Satz: „Vielleicht sollte ich mich rasieren – in so ’ner feinen Gesellschaft.“ 13 Minuten ohne Worte? Das klingt ziemlich modern und postdramatisch, aber die Inszenierung (eine Schauspiel-Produktion, kein Tanztheater, keine Clownerie) ist sage und schreibe elf Jahre alt – und sie richtet sich an Kinder ab sechs Jahren. Und die haben sich noch keine Sekunde gelangweilt. Roland Schumacher hat ihnen sein Leben als Obdachloser vorgeführt.

Sind Obdachlose nicht ein bisschen unheimlich? Da lugen unter einer grünen Plane zwei grobe Klotschen hervor, in denen mutmaßlich zwei Beine stecken. Doch nein: Statt der Beine erscheint als nächstes ein wirrer Kopf, besser gesagt der Kopf eines wirren älteren Herrn, der unverständliche maulende Laute ausstößt, als er sieht, dass ihm da Publikum droht und die feine Gesellschaft auf die Pelle rückt. Er motzt so etwas Ähnliches wie „Gibt nix zu sehen“ (womit widerlegt wäre, dass der erste Satz erst nach 13 Minuten fällt, aber so ganz genau wissen wir nicht, ob es wirklich Worte waren, die Cornelius, wie der Mann heißen will, an uns gerichtet hat.) Jedenfalls gibt es unverzüglich doch etwas zu sehen, und zwar etwas, für das sich das Eintrittsgeld bereits gelohnt hat.

Das bewundernswerte Werk stammt von Céline Leuchter und steht auf den Rädern eines altmodischen Kinderwagens. (Jaja, einen Leuchter hat es auch, in Form einer Rabimmelrabammel-Laterne, und der wird bald abgefackelt, aber dazu kommen wir später.) Die Frau Leuchter hat da nämlich eine wunderbare Bühnen-Skulptur aus allem möglichen Müll und Pröll gebastelt. Im Stück hat das Basteln Cornelius übernommen, der im wahren Leben Roland Schumacher heißt, und er hat als Obdachloser viel Phantasie und praktischen Verstand bewiesen: Kisten und Schubladen sind da aufeinandergestapelt, ein Pott zum Wasserkochen findet sich, eine uralte Streichholzschachtel, eine Geheimtür für die „Drogen“ (also Flachmann und Zigaretten) – und überraschend zieht Cornelius auch noch eine kleine Tischplatte aus einem der vergammelten Möbelteile und beginnt zu frühstücken (respektive seinen Tee zu trinken). Die Tülle übrigens, die pfeift, wenn das Wasser heiß ist, hat Cornelius im Mund: Er weiß genau, wann er pfeifen muss. Und er weiß auch, wann er gackern muss: Schumacher stößt ein paar Laute aus wie Witwe Boltes Federvieh, und tatsächlich ist das Ei perfekt gekocht. Da lachen ja die Hühner. Das Publikum lacht mit: So langsam ist ihm der unheimliche Obdachlose ziemlich sympathisch geworden.

Die dreizehn Minuten sind um, und Schumachers Cornelius beginnt sich zu rasieren. Die siebenjährige Noya hält den Rasierspiegel. Einfühlsam und humorvoll spricht Schumacher sein Publikum an und bezieht es in die Entwicklung der Geschichte ein (vorwiegend die Kinder, aber auch den Studio-Bühnen-Schauspieler Johannes Brinkmann erwischt er mit seiner Ansprache, und prompt wird Johannes zu einem von Cornelius späteren Kindern erklärt). Mit Noya hat Schumacher einen ziemlichen Volltreffer gelandet – erkennbar würde sie ihm am liebsten die ganze Inszenierung aus der Hand nehmen, und im Verein mit ihren neun und elf Jahre alten Begleitern Younis und Tisu sorgt sie dafür, dass Mähdrescher in der verbleibenden Zeit der Aufführung eine unvorhergesehen große Rolle spielen, was beim Rest des Publikums für riesiges Vergnügen sorgt.

Mähdrescher sind teuer. So wie Pferde, Kinder und Waschmaschinen. Der Obdachlose erzählt nun eine Geschichte – genau genommen entwickelt er sie gemeinsam mit den Kindern. Vom kleinen Bauern handelt sie, der seinen Hof optimiert. Der alte Klepper mit den abgefallenen Ohren und dem schon etwas labilen Stand wird gegen ein rassiges Barbie-Reitpferd getauscht, ein See wird angelegt und ein PS-starker Trecker angeschafft, Hühner, Schweine, Kühe sowieso Das Anwesen des kleinen Bauern dürfte irgendwann auf eine Dimension knapp unterhalb eines landwirtschaftlichen Großbetriebs wachsen. Mit seiner Frau Miriam, die er im Publikum gefunden und deren Alter er mal eben verdoppelt hat, zieht er die Kinder Tisu, Johannes und Alma auf, was weitere Investitionen erfordert – und Bankkredite. (Schon das Barbie-Pferd hört auf den Namen Raiffeisen, weil die gleichnamige Bank es finanziert hat; über den Mähdrescher wollen wir gar nicht nachdenken!) Und was passiert dann? Na klar: Der Bauer hetzt von links nach rechts, vom Schweinestall auf den Traktor in die Windelwaschküche, damit er Zins- und Tilgungsleistungen erbringen kann; die Familie droht ihm abzuhauen, weil er keine Zeit mehr hat; er verfällt in eine Depression, und zu guter Letzt – rabimmelrabammelrabumm – fackelt der Bauernhof ab. Wer jetzt noch nicht weiß, wer der Obdachlose ist, der da in Céline Leuchters Karren haust, dem können wir auch nicht helfen.

Was da so dramatisch klingt, ist auch dramatisch. Aber es wird wunderbar harmonisch und kindgerecht erzählt. Die Kinder fühlen sich wohl – und sie begreifen: Obdachlose müssen einem nicht unheimlich sein. Vielleicht denken sie auch drüber nach, was eigentlich wirklich wichtig ist im Leben: das Wachstum des eigenen Betriebs oder das Lebensglück. Das schien der Bauer mit seiner entzückenden, im Publikum gefundenen Familie aus der charmanten Miriam, der scheuen Alma, dem reflektierten Tisu und dem gewichtigen Wonneproppen Johannes Brinkmann als seinen Kindern in kaum zu übertreffender Weise gefunden zu haben. Unmerklich ist die Sache gekippt – vom großen Lebensglück in die Einsamkeit des Thespiskarrens. Doch auch der zeigt, was eigentlich wirklich notwendig ist zum Leben, vielleicht gar zum Glück: Aus von der Wegwerfgesellschaft verschmähten Abfällen und Schrottkisten und -möbeln hat Céline Leuchter das Universum des obdachlosen Cornelius zusammengebaut. Wenn das nicht Nachhaltigkeit ist!

Roland Schumacher rollt mit seinem Wagen davon. Es war, wie er erzählt, ungefähr seine 630. Vorstellung dieses Ein-Personen-Stücks. Auf Festivals in Frankreich und in Luxemburg, in Deutschland und in Österreich ist das Theater der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens damit gewesen, und zuletzt gar auf der Antillen-Insel Martinique, auf den „Inseln über dem Winde“. Das klingt wie ein Märchen. Doch die Geschichte, die Schumacher erzählt, ist nur allzu real. Irgendwann, mitten in dieser in kindgerechter Sprache performten Aufführung, hat Schumacher für die kleine Noya und für uns ein Goethe-Gedicht zitiert, dass wir nie vergessen sollten, wenn wir einem obdachlosen Menschen auf der Straße begegnen: „Edel sei der Mensch, / Hilfreich und gut! / Denn das allein / Unterscheidet ihn / Von allen Wesen, / Die wir kennen.“