Der Trafikant im Neuss, Rheinisches Landestheater

Über die Wandlung eines naiven Jungen vom Lande zum jungen Mann

Robert Seethaler, 1966 in Wien geboren, besuchte die Schauspielschule und wirkte in mehreren Produktionen an verschiedenen Theatern und bei Film und Fernsehen mit. Er schrieb mehrere Romane und erhielt dafür zahlreiche Auszeichnungen. 2012 veröffentlichte er den Roman Der Trafikant, dessen Bühnenfassung von Maik Priebe geschrieben wurde, der auch verantwortlich für Regie, Bühne und Kostüme zeichnete. Der Abend überzeugt als Inszenierung, nicht zuletzt aber auch wegen seines aktuellen Inhalts.
Im Mittelpunkt steht der junge Franz Huchel aus dem kleinen Ort Nußdorf am Attersee. Weil es in diesen immer schwieriger werdenden Zeiten an Geld fehlt, schickt ihn seine Mutter im Sommer 1937 nach Wien zu einem alten Bekannten, Otto Trsnjek. Dieser ist Inhaber einer Trafik, eine
s kleinen Geschäfts für Tabakwaren und Zeitungen. Otto führt ihn in das Geschäft ein, wobei seine Hauptaufgabe sein soll, Zeitungen zu lesen, denn: „die Zeitungslektüre sei das einzig Wichtige, das einzig Bedeutsame am Trafikantendasein; keine Zeitungen zu lesen, hieße auch, kein Trafikant, wenn nicht gar: kein Mensch zu sein“. So beginnt Franz durch diese Lektüre sich für die politischen Entwicklungen im Land zu interessieren. Sigmund Freud, ein leidenschaftlicher Zigarrenraucher und daher einer der Stammkunden in der Trafik, wird zu einem guten Freund. Besonders nachdem sich Franz in die Varietetänzerin Aneszka verliebt hat, sucht er fast täglich Freuds Ratschläge.

Priebe hat eine offene Bühne entworfen, an deren Seiten rechts und links einige Stühle stehen. Von hier aus treten die Schauspieler auf. Hier kreieren sie aber auch mit einfachen Mitteln Hintergrundgeräusche, die den Bildern Atmosphäre verleihen: so das Donnern bei einem Unwetter, das Rattern der Zugfahrt, die Ansagen am Wiener Hauptbahnhof, und durch schwungvolle Musik erleben wir die Prateratmosphäre. Philippe Ledun ist ein umwerfender Franz, dem man jeden Schritt seiner Entwicklung vom naiven Jungen vom Lande zum politisch Denkenden glaubt, aber auch an allen Phasen eines unglücklich Verliebten teilnimmt. Die anderen vier Schauspieler schlüpfen kurzfristig in verschiedene Rollen, die sie überzeugend ausfüllen. So spielt Hergard Engert einmal Franz‘ Mutter, erkennbar an der Schürze, die sie sich umbindet, dann besonders eindrücklich Sigmund Freud. Hier geht sie gebückt wie ein alter Mann und hat einen weißen Bart. Steffen Schleue spielt den Trafikanten – ein hoch gekrempeltes Hosenbein markiert seinen Invalidenstatus -.der als bekennender Nazi-Hasser keinen Hehl aus seiner Meinung macht. Peter Waros ist der „braune Nachbar“, der Trsnjek auf das Übelste beleidigt. Und Nelly Politt spielt Anszka, die Franz aus opportunistischen Gründen verlässt. Priebe setzt nicht den ganzen Roman in Dialoge um. Nur einige wichtige Szenen werden gespielt. Ansonsten beschreiben die Schauspieler mit ruhiger, unaufgeregter Stimme die Geschehnisse.

Priebe und dem Ensemble gelingt es, die zu Beginn eher fröhliche und entspannte Stimmung in eine bedrohliche Atmosphäre übergehen zu lassen. Und das ist wieder heute aktuell, nimmt doch die allgemeine Verunsicherung vor dem Hintergrund des sich in die Länge ziehenden Krieges in der Ukraine zu.
Ein außergewöhnlicher und fesselnder Abend, den das Publikum zu Recht mit reichlich Applaus belohnte. .