Orestie im Theater Münster

Ein bisschen Frieden, ein bisschen Gender

Zum Auftakt der Spielzeit am Theater Münster eine Orest-Trilogie. Zu Beginn die Tanz-Theater-Produktion Furien, die die Erinnyen thematisiert, die Orestes nach dem Muttermord verfolgen. Im Schauspiel folgt dann Aischylos‘ Orestie, die ergänzt wird um Texte dreier Autorinnen. Und deren Inhalt markiert prägnant den Schwerpunkt, auf den die Produktion setzt: Es geht um die Beleuchtung der weiblichen Charaktere, die im griechischen Drama nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Regisseurin Elsa-Sophie Jach schlägt in ihrer Sicht auf die Orestie sofort und unmissverständlich Pflöcke ein. So ist Aigisth, die Agamemnon den Thron rauben will, eine Frau, die mit Klytaimnestra eine lesbische Beziehung hat. Und die Seherin Kassandra kommt als non-binäre Person daher. Eine Erklärung dafür, inwieweit das Auswirkungen auf die Interpretation der Tragödie hat, bleibt Jach allerdings bis zum Schluss schuldig. Das ist eben so - und Punkt. Aber sonst nimmt die Tragöde um Orestes ihren Lauf. Das gesamte Ensemble agiert als Chor, der die Determination der Ereignisse deutlich kommentieren, aber nicht ändern kann. Ein paar eingestreute Witze evozieren Lacher, mindern aber deutlich den strengen Charakter des Chores, der ansonsten sprachlich diszipliniert und in großem Einklang agiert und auf diese Weise vermag, die volle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und sich als wesentlichen Teil der Handlung zu etablieren. Der Protagonist Orestes bleibt blass und kann sich auch in seinen großen Szenen nicht wirklich entfalten. Das mag auch daran liegen, dass die Schwerpunktsetzung ganz eindeutig auf die weiblichen Handelnden gelegt wird. So hätte der letzte Teil, der die Verfolgung Orestes‘ durch die Rachegöttinen zeigt, auch entfallen können. Die werden durch Schüler und Schülerinnen des Gymnasiums Paulinum dargestellt. Sie wirken eher wie ein Schwarm niedlicher Hummeln und nicht wie bedrohliche, den Geist verwirrende Furien. Hier wird eine Chance vertan.

Das Ensemble agiert auf gutem Niveau. Alaaeldin Dyab ist ein ungeduldiger Wächter, der darauf brennt, seine Neuigkeiten an die Frau/an den Mann zu bringen. Pascal Riedel ist ein zutiefst verunsicherter Orestes, der weit entfernt ist von der Selbstbestimmtheit über sein Leben. Agnes Lampkin dagegen weiß als Aigisth genau, was sie will: Das Reich des Agamemnon und vor allem seine Frau. Das offenbart sie mit Inbrunst. Aber auch Klytaimnestra hat klare Ziele: nie wieder unter der Befehlsgewalt eines Mannes zu stehen. Dafür ist sie bereit zu morden. Nadine Quittner verkörpert exakt diese Gnadenlosigkeit, die Ansgar Sauren als Agamemnon mit kaltem Stahl zu spüren bekommt.

Und was tragen die uraufgeführten Texte zur Neuinterpretation bei? Sivan Ben Yishais Iphigenie-Text präsentiert uns eine Frau, die, obwohl sie glaubte, ihrem Vater alles recht zu machen, von ihm eiskalt geopfert wird. Clara Kroneck entwickelt in ihrem Monolog eine zutiefst verunsicherte Frau, die beklagt, warum sie als Mensch keine Beachtung findet, obwohl sie alles richtig zu machen geglaubt hat.

Julius Janosch Schulte ist Kassandra, die in Miru Miroslava Svolikovas Beitrag als Sinnbild für alle Prophetinnen steht, denen man im Laufe der Jahrhunderte nicht geglaubt hat. Schulte macht in einer rasanten Szene deutlich, warum dieser Unglaube besteht und bestehen bleiben wird.

Katharina Brenner ragt heraus aus dem Ensemble. Sie zelebriert geradezu die Zerrissenheit als Elektra zwischen Bruderliebe und Rachegelüsten. Und im Schlussmonolog von Maren Kames kann sie ihre eigene Bedeutungslosigkeit geradezu beängstigend transportieren.

Insgesamt lässt diese Deutung der Orestie einige Fragen offen. So kommen die uraufgeführten Texte eher Mitleid erheischend daher - weniger als Frauenrechte einfordernde Statements.

Das Ganze hat wahrscheinlich eh‘ den Status eines Work in Progress, auf dessen Entwicklung man gespannt sein kann.