Übrigens …

Das Vermächtnis im Theater Münster

Vergangenes weitergeben - Neues entwickeln

Irgendwie ist es schon ein wenig wie Dauer-Seriengucken auf dem Sofa. Nach kurzer Zeit sind die Charaktere vertraut, Freunde halt, die man schon ewig kennt. Und deshalb vergehen die sieben Stunden nahezu wie im Fluge, denn die kleinen und großen Dramen ziehen Aufmerksamkeit auf sich und lassen jedes Zeitgefühl vergessen.

Dabei ist Matthew Lopez‘ Das Vermächtnis kein Werk, das dazu angetan ist, einfach nur den Alltag zu vergessen, sich berieseln zu lassen und spannende Ablenkung zu erfahren. Ausgangspunkt ist das Leben einer schwulen Clique im Jahr 2015 in New York - den letzten Monaten der Ära Obama. Allen geht‘s gut, alle sind mehr oder weniger etabliert - kunstbeflissen natürlich sowieso. Mann genießt das Großstadtleben, besucht Vernissagen, Theater und einmal im Jahr Tschaikowskis Schwanensee im Ballett. Her mit dem Leben, das in vollen Zügen aufgesogen wird, her mit Sex - davon ganz viel bitte. Schwulsein ist das Normalste von der Welt. Man träumt von Karriere, Reichtum, Ruhm oder einer Familie mit Kindern. Schwulen stehen alle Wege offen und es scheint keinerlei Diskriminierung mehr zu geben. Doch dann taucht Donald Trump am Horizont auf und gewinnt schließlich die Wahlen - eine Zeit beginnt, innezuhalten und sich seiner Lage zu vergegenwärtigen.

Am Anfang sitzen die Freunde da, wollen eine Geschichte erzählen, wissen aber nicht welche, ringen um einen Einstieg. Doch dann taucht Morgan auf. Ist er ein Lehrer für literarisches Schreiben oder der unsichtbare Geist Edward Morgan Forsters, der mit Wiedersehen in Howards End einen Klassiker des Gesellschaftsromans verfasst hat, der ein Refugium zum Träumen und Innehalten zum Mittelpunkt hat? Er jedenfalls gibt unseren Freunden Anstöße, um ihre Geschichte zu erzählen, die sich nun entwickeln kann - zumal mit Henry und Walter ein älteres schwules Paar eingeführt wird, dessen Erfahrungen quasi eine Generation zurückgreifen.

Und dann ist AIDS schnell ein Thema. Moment mal, AIDS? Jene Infektion, die heute doch so gut behandelbar ist, für alle die Zugang haben zu den richtigen Medikamenten? AIDS - vor dem man sich mit PREP so gut schützen kann? Längst vergessen und an den Rand geschoben - allenfalls noch historisch zu betrachten. Doch gerade am diesem Sujet macht Lopez klar, was Vergessen heißt, was Erinnern und Vergegenwärtigen bedeuten. Er verdeutlicht, dass der Kampf um Rechte und Teilhabe in jeder Generation von Schwulen neu beginnt und die Vergangenheit als Bestandteil des Kampfes nicht verschwinden darf.

Ein Lehrstück also? Mitnichten! Denn wir haben ja unsere Freunde, die in ihrem Leben Erfahrungen machen müssen und erkennen,wo schwule Emanzipation und Lebenswirklichkeit kollidieren. Und das ist wahrhaftig nicht immer schön. Da wären also Jason und Jason, die ganz auf Zweisamkeit getrimmt sind und ganz gezielt darauf hinarbeiten, eine Familie zu gründen. Julius Janosch Schulte und Alaaeldin Dyab als herrlich behaarter Arab-Macho machen total auf Innerlichkeit und sind quasi die Verzerrung eines Spiegelbilds höchst traditionellen Familienidylls.

Artur Spannagel ist als Jasper mit sich im Reinen. Er führt eine NGO und kämpft gegen Trump. Spannagel gibt mit Überzeugung einen Mann, der auch in heftiger Diskussion nicht von seinen Werten ablässt und aus seinem Hang zu jüngeren Männern kein Geheimnis macht. Dann ist da Tristan: David Gaviria gibt den Arzt, der letztlich wegen Trump die USA gen Kanada verlässt, als ganz wunderbare Latino-Tucke, ein leckerer Chico mit großen reflektierenden Fähigkeiten.

Und dann wären da Eric und Toby - eigentlich ein Traumpaar. Doch schnell wird klar, dass da etwas nicht stimmt. Eric ist derjenige, der auf Toby aufpasst, während der seine Pläne verfolgt, sein einziges Buch als Broadway-Stück groß herauszubringen. Und so sehen wir zu, wie die Beziehung bröckelt und letztlich endet. Es ist der junge Adam, der Unruhe bringt und viel Begehren evoziert. Toby geht später, nachdem ihn Adam abgewiesen hat, eine Beziehung mit dem Stricher Leo ein, während Eric nach Walters Tod den reichen Henry heiratet.

Es ist einfach großartig anzusehen, wie Ansgar Sauren als Toby mit großer Intensität den Einsturz seines auf Lügen aufgebauten Lebens mit geballter Wucht zelebriert. Anton Dreger ist Adam und Leo - in beiden Rollen ist er pure Verlockung und Unschuld. Dreger manifestiert Zerbrechlichkeit und Überlebenswillen gleichermaßen wie auch eine anrührende Sehnsucht nach Liebe.

Regisseur Sebastian Schug fällt es bei einem derartig großartigem Ensemble leicht, die an Zeitsprüngen und Ortswechseln reiche Handlung in Szene zu setzen. Er konzentriert sich ganz auf die Handelnden, fokussiert sich völlig auf die Interaktionen und entwickelt perfektes Timing auf einer Bühne, die Jan Freese konzipiert hat: Die ist weitestgehend leer. Ein Schlagzeug und ein Barpiano, auf dem ab und an ein paar Töne geklimpert werden. Um die Stadt nachzubilden, reichen ein paar kleine Gebäudemodelle völlig aus. Schug entfaltet einen überbordenden, satten Bilderbogen, bei dem ein paar ganz tiefe Griffe in die Klischeekiste wie selbstverständlich dazu gehören.

Der reiche Henry (von Christian Bo Salle sensibel gezeichnet, geprägt von der Angst, Gefühle zu zeigen) hatte einst für sich und seinen Partner Walter ein Anwesen außerhalb der Stadt gekauft - als Fluchtpunkt vor AIDS. Eine ähnliche Flucht vor der Realität traten auch die Wohlhabenden bei den mittelalterlichen Pest-Epidemien an. Doch Walter verwandelte das Haus in ein Refugium für AIDS-Kranke, die dort in Frieden sterben konnten. Das evozierte einen nie gekitteten Riss in der Beziehung. Frank Peter Dettmann ist Walter und auch Morgan, der ruhig, wissend und bestimmt den jüngeren Männern Ratschläge erteilt ohne aufdringlich zu erscheinen.

Und Eric ist es, der nach seiner gescheiterten Beziehung mit Toby dazu bestimmt ist, dieses Anwesen als Ort der Erinnerung und Fluchtpunkt für Schwule mit großen Problemen wieder zu erwecken. Pascal Riedel ist Eric, stets sanft, stets suchend und voller Energie, als er weiß, wohin er gehört. Mechthild Großmann hat einen fantastischen Monolog als Mutter eines AIDS-Toten, in dem sie frei von jeder Sentimentalität Toleranz und Umdenken anmahnt.

Doch was wird aus Toby, was aus Adam und Leo? Und bekommen die Jasons ihr Kind? Das Ende wird hier nicht gespoilert. Das würde bei eurer Lieblingsserie ja auch niemand tun. Hier gilt: selbst ansehen - und zwar nicht nur den ersten Teil. Ich verspreche es: Ihr werdet genauso begeistert sein wie das Premierenpublikum.