Von Mäusen und Menschen im Bonn, Theater

Scheiternder Traum mit Arbeiterliedern

Die Temperaturen steigen, zunehmend plagt eine Dürre das Land, und die Zahl der Arbeitslosen wächst: Das könnte eine klimapolitische Dystopie von heute sein. Aber John Steinbecks Roman Von Mäusen und Menschen ist fast 90 Jahre alt, und Hausregisseur Simon Solberg bleibt mit seiner Inszenierung am Theater Bonn ganz nah beim Autor. Und der erzählt eine Geschichte vom amerikanischen Traum. Keine optimistische Geschichte: Für Steinbeck löst der American Dream eine sich ständig wiederholende Abfolge von Ausbeutung und finanziellen Nöten aus (er spielt im Umfeld der Großen Depression), und zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern, aber vor allem unter den Ausgebeuteten selbst kommt es zu Intrigen und Aggressionen. Erfüllen wird sich der Traum zumindest für die Arbeiterklasse nie, und Solidarität ist die Ausnahme. Die Solidarität von George gegenüber dem geistig behinderten Lennie in Steinbecks Von Mäusen und Menschen ist eine solche Ausnahme. Sie ist geradezu übermenschlich.

Das Herz wird schwer, wenn man den hart arbeitenden, chancenlosen Jungs zusieht, aber wenn George und Lennie die Hymne von David Bowie anstimmen, keimt so etwas wie Hoffnung auf: „We can be heroes just for one day“, singen die beiden Wanderarbeiter. Eine solche Hoffnung ist es auch, die Lennie und George am Leben erhält: der Glaube, sich durch Sparsamkeit, Disziplin und ehrliche Arbeit irgendwann den Traum von einem eigenen kleinen „Anwesen“ erfüllen zu können. Dort wird es auch Kaninchen geben: Lennie, der Underdog, der seine Intelligenzminderung längst verinnerlicht hat, im sozio-emotionalen Bereich verunsichert sowie im Hinblick auf seine motorischen Fähigkeiten gestört ist, liebt es, kleine, weiche und zarte Lebewesen zu streicheln - Mäuse, Hundewelpen und eben Kaninchen. Doch Lennie ist nicht nur der grundgutmütige, sich nach ein wenig Zärtlichkeit sehnende Landarbeiter, sondern er ist auch ungeheuer kräftig und ungeschickt. Unter seinen streichelnden Händen gehen die geliebten Wesen „immer so leicht tot“; zuletzt hat er sich mit seiner Ungeschicklichkeit auch einen Vergewaltigungsvorwurf eingehandelt. Dann ist es wieder vorbei mit den „heroes for one day“: George muss mit seinem Freund Lennie weiterwandern, zu einer anderen Farm, in eine andere Gegend, wo man die beiden nicht kennt. Sonst würde Lennie längst im Knast oder in der Loony Bin verkümmern. Auch auf der neuen Fram gibt es wieder eine junge, unglückliche Frau, die sich Lennie nähert…

Der aus dem Jahre 1937 stammende Stoff ist auch heute noch hochspannend und in seiner etwas sentimental daherkommenden Tragik ausgesprochen berührend. Solberg erzählt ihn in einem einfachen, aber effektvollen Bühnenbild und mit wenigen Requisiten: mit Apfelsinenkisten, die nicht nur als Erntebehälter herhalten müssen, sondern auch mal als Hund spazieren geführt werden oder als Dusche fungieren, aus der sich die grobkörnigen Erdkrumen oder Pellets, die die gesamte vordere Hälfte der Bühne bedecken, als reinigendes Wasser ergießen. Das ist dann nicht ohne Humor. Die Hinterbühne dagegen entbehrt nicht eines gewissen Pathos: Eine Sonne aus zahlreichen orange-gelben Scheinwerfern wird bisweilen unter einem großen Apfelsinenkisten-Kreuz zu einer Art Altar - ein Bild, das sich erst in den Schlussszenen in seiner Bedeutung erschließt.

Auf dieser Bühne zeigt ein exzellentes Ensemble die Sorgen und Nöte, aber auch die Aggressionen und Intrigen der kaum solidarisch agierenden Landarbeiter. Wolfgang Rüter ist der geradezu melancholische ruhige, alte, in seiner Leistungskraft eingeschränkte Candy, der mit dem Angebot einer Beteiligung an dem von George und Lennie angestrebten Landkauf Hoffnungen verbindet und Hoffnungen weckt. Natürlich wird er enttäuscht - zehn Dollar haben Lennie und George zu bieten. Illusionsloser, aber dafür kämpferischer ist Janko Kahle als Slim, der offenbar gewerkschaftlich organisiert ist und versucht, einen Streik zu organisieren. Er scheitert an der Mutlosigkeit und dem Egoismus der anderen und scheint darüber kaum verwundert. Eine ausgesprochen differenzierte Charakterstudie gelingt Timo Kählert als Carlson - ein mal aufbrausender, dann wieder versöhnlicher Mann, dem jegliche Fähigkeit und jeglicher Wille fehlt, auch einmal eine Koalition einzugehen. Julia Kathinka Philippi wiederum offenbart in der Rolle als rechtlose Ehefrau des prolligen, aggressiven und streitsüchtigen Farmersohns Curley (Max Wagner) ihre ganz eigene tragische Vergangenheit. Etwas naiv versucht sie lange ihr Unglück mit vorgeblicher Unbekümmertheit und einem Rest von Jugendlichkeit zu überspielen. Doch als ihre Fassade bröckelt, zeigt sie das berührende Portrait einer Frau, die in ihrer Ehe ebenso wie an dem Ort, an den es sie verschlagen hat, vollkommen fehl am Platze ist. Daniel Stock wächst zunächst langsam in die Rolle seines Lennie hinein, verkörpert dann jedoch den Mann, der vor seiner „Dummheit“ und seiner mangelnden Impulskontrolle ebenso viel Angst hat wie davor, die Zuneigung seines Freundes und Beschützers George zu verlieren, durch Mimik, Gestik und Sprache ausgesprochen überzeugend und berührend. Paul Michael Stiehlers George steht immer wieder kurz davor, mit Lennie die Geduld zu verlieren - und wendet sich ihm immer wieder schützend zu.  

Vordergründig erzählen Solberg und Steinbeck die Geschichte eines scheiternden Freundespaares. Ausbeutung, Inklusion, Emanzipation - über viele aktuelle Themen kann man nachdenken in dieser Inszenierung, aber der Plot steht vor der Ideologie, und das ist erstmal gut so. Die Kapitalismuskritik kommt vor allem in den rockig gespielten und melodisch gesungenen Countrysongs und Arbeiterliedern zum Ausdruck, die die Aufführung strukturieren und einen ungewöhnlich großen Raum einnehmen. (Manchmal bewahren sie den Text gar davor, ins Betuliche abzugleiten.) Da wird trotz der wenig solidarischen Haltung der Arbeiter gemeinsam Florence Reeces Arbeitskampf-Hymne „Which Side Are You On“ geschmettert; die erwähnten „Heroes“ scheitern daran, zu echten Working Class Heroes zu werden; Daniel Stock singt Peter Gabriels „My Body Is A Cage“, und Julia Philippi will sich in ihrer engen Ehe nicht unterkriegen lassen und interpretiert wunderschön melodisch Taylor Swifts „Shake It Off“: „But I keep cruisin‘…“ So wird Solbergs Steinbeck-Interpretation zu großartigem Theater, das bei allem Unterhaltungswert seine politische Relevanz nicht verliert.

Steinbecks gleich doppelt tragischen Schluss deutet Solberg nur an. Was Realität ist, was böser Traum, ob es Tod gibt oder nur Verletzungen, einen Gnadenschuss oder eine Art himmlischer Erlösung, bleibt der individuellen Interpretation des Zuschauers überlassen. Solberg fügt Steinbecks tragischem Ende einen alternativen Schluss hinzu - eine Utopie statt der Dystopie: Hand in Hand gehen George, Lennie und Curleys Frau in Richtung Hinterbühne. Zur Sonne, zur Freiheit. Ein schönes Bild. Ein trauriges Stück. Klasse gemacht.