Dschinns im Schauspielhaus Düsseldorf

Ein Gestrüpp aus Verletzungen und Zuschreibungen

Ein verrücktes Zimmer: Schrank, Tisch und Stühle sind schräg im Boden versunken, andere Teile kippen aus der Wand und scheinen zu schweben, wenn ein Straßenvideo von Istanbul über die gesamte Fläche rast. Auch die Zimmertür hängt einen Meter über dem Bühnenboden. Eine fragile, unzuverlässige Behausung.

Aus dem Off tönt ein Lied auf Türkisch und Deutsch über enttäuschte Hoffnung und Einsamkeit. Wenig später erscheinen die fernen Stimmen als Chor der Dschinns (in islamischer Vorstellung aus rauchlosem Feuer erschaffene Geisterwesen, die die Welt bevölkern und gelegentlich in menschliche Körper fahren). Auf der Bühne sind es vier Frauen und drei Männer in farblos grauen Kostümen, die alle Protagonisten mit rücksichtsloser Entschlossenheit zur Aufklärung verdrängter Probleme durch das Geschehen treiben und dabei die Erfahrungen ihrer eigenen Migration und Identitätssuche einflechten.

Die Geschichte spielt im Istanbul der späten 1990er-Jahre. Hüseyin Yilmaz (Nurettin Akar) erscheint im bürgerlich feinen beigen Dreiteiler in der Wohnung, die er sich nach jahrelanger harter Arbeit als Gastarbeiter in Deutschland endlich leisten kann. Stolz, endlich einen Ort gefunden zu haben, den er sein Zuhause nennen kann, erwartet er seine Familie. Doch bevor sie alle ankommen, stirbt er an einem Herzinfarkt.

Wie Fatma Aydemir in ihrem Roman, nutzt Bassam Ghazi in der Düsseldorfer Inszenierung die nach islamischer Tradition verbleibenden vierundzwanzig Stunden bis zur Beerdigung, um die anreisende Familie vorzuführen: die Ehefrau Emine (Ilkay Yilmaz) und die vier erwachsenen Kinder. Neben den allgemeinen zeitgeschichtlichen Problemen, die sich aus der Migration der Familie Yilmaz ergeben, schleppt jeder von ihnen auch noch sein eigenes Geheimnis mit sich herum. Ümit, der Jüngste (Sandun H. Guruge), leidet an seiner Homosexualität, die von seiner Umgebung als Krankheit und heilbar betrachtet wird. Hakan (Cem Bingöl), der temperamentvolle Ältere, wird von der deutschen Polizei diskriminiert, die er allerdings auch provoziert. Eindrucksvoll das Gespräch der Mutter mit Tochter Sevda (Bahar Güngör-Candemir), die von den Eltern in der Türkei zunächst zurückgelassen wurde, dann mit fünfzehn Jahren nachgeholt und sofort verheiratet wurde. Sie emanzipierte sich, brach aus Ehe und Familie aus, wurde von den Eltern verstoßen und leidet unter der Lieblosigkeit der Mutter. Ihre Klage veranlasst die Mutter, über ihr eigenes Schicksal und die Gründe ihrer emotionalen Verhärtung zu sprechen und so einen kleinen Schritt auf die verlorene Tochter zuzugehen.

Reichlich viel an Problemen ist dieser Familie aufgeladen: Heimatlosigkeit, Rassismus, Queerness, Diskriminierung und dazu noch die ganz normalen Familien-, Generations- und Herzenskonflikte beim Tod eines schwierigen Menschen aus dem nahen Lebensbereich. Dabei wird manches Klischee unhinterfragt übernommen: die verständnislosen Lehrer, die voreingenommene Polizei, die ausgebeuteten Gastarbeiter, der allgegenwärtige Rassismus.

Bewundernswert ist die schauspielerische Leistung dieser Gruppe des Stadt:Kollektivs, einer Sparte des Düsseldorfer Schauspielhauses. Alle vierzehn Mitspielenden sind Laien, sie alle wurden in einem Casting für diese Inszenierung ausgewählt. Dabei gab die Roman-Autorin vor, dass 50 % von ihnen Rassismuserfahrungen gemacht haben sollen und sich 50% als queer definieren müssen. Im Interview begründet Fatma Aydemir diese Quote mit dem Satz: „Weil das einfach meine Realität abbildet“. Das muss nicht für die Gesamtgesellschaft gelten, andererseits bedeutet diese Vorauswahl eine hohe Authentizität in einzelnen Punkten. Doch all diese Probleme und Konflikte in einer Familie - will heißen in einem Stück - zu bündeln, ergibt eine Überfrachtung, die die Lebenswirklichkeit in der Häufung eher nicht abbildet und auch dem Stück nicht gut tut. Es ergibt eben „ein Gestrüpp aus Erinnerungen, Verletzungen und Zuschreibungen“, so die Autorin selbst.