Die Brücke von Mostar im Oberhausen, Theater

Gottes Lachen wäre zynisch

Sommer 1988. Die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien gehört zum Ostblock, ist aber unter den repressiven Systemen Osteuropas einer der freiesten Staaten. Mostar, die hübsche Stadt an der Neretva, benannt nach der Stari Most, der Alten Brücke von 1566, ist ein Schmelztiegel der Kulturen und Religionen, bewohnt von orthodoxen Serben, bosnischen Muslimen und katholischen Kroaten. Die Brücke, einst von den Osmanen unter Sultan Suleiman erbaut, gilt als Sinnbild für die friedliche Koexistenz von muslimischer, slawisch-orthodoxer und katholischer Kultur. Was unter der Oberfläche brodelt, sieht man noch nicht; vor allem die jungen Leute interessieren die alten Rivalitäten nicht. Einmal im Jahr gibt es das große Springerfest: Todesmutig stürzen sich junge Männer aus rund 20 Metern Höhe von der Brücke in den Fluss. Mili, aus Kroatien angereist, um sich in Mostar niederzulassen, sieht bei seinem Sprung ein bisschen unglücklich aus - aber er springt ins Glück: Emina und er finden die große Liebe. Auch Leila und Sasha sind ein Paar. Wunderbar unbeschwert ist das Leben der vier jungen Leute. Der erste Teil von Igor Memics flott geschriebenem well-made play könnte auch von Éric Rohmer verfilmt worden sein. Die Zukunft? „Wenn du Pläne schmieden willst, lacht Gott dich aus“, spottet Mili fröhlich.

Gottes Lachen wäre zynisch gewesen. Denn das Glück der vier jungen Leute ist endlich: Wir wissen: Bald nach der Wende bricht der jugoslawische Bürgerkrieg aus. In Mostar besiegen zunächst Kroaten und Bosnier gemeinsam die Serben, und nach deren Niederlage bekämpfen sie sich gegenseitig. Für Emina und Mili, Leila und Sasha spielen ethnische Zugehörigkeit und religiöse Orientierung keine Rolle. Mit Ausnahme eines kurzen Streits zwischen der nicht sonderlich religiösen, aber der Religion respektvoll gegenüberstehenden Mina und dem locker-flockigen Sasha werden sie in ihren persönlichen Beziehungen bis zu deren Ende kaum Bedeutung haben, aber sie bekommen nun politische Relevanz. Wer Mostar kennt, weiß: Wenn Paare unterschiedlicher Konfession zusammenleben, lebt einer der Partner auf der falschen Seite des Flusses. Bis heute hat sich das nicht geändert: Auftrumpfend, geradezu provozierend blickt der grotesk hohe, im Krieg von den Serben zerstörte und später von den Kroaten wiederaufgebaute schlanke Turm der katholischen Peter-und-Paul-Kirche (der höchste Glockenturm in Südosteuropa) wieder von der Höhe der Vorstadt hinab auf das Tal und auf die andere Seite der Neretva, wo muslimische Friedhöfe von den zahlreichen Toten des Jahre 1993 künden. Serben leben heute kaum noch in der Stadt. Die Brücke, nach ihrer Zerstörung inzwischen wieder aufgebaut, ist zum Trennungssymbol, zur Grenze zwischen den Kulturen geworden

Igor Memics Stück erzählt die Geschichte des Bürgerkriegs nur indirekt. Es konzentriert sich auf die Erlebnisse, Nöte und Gedanken der vier modernen, vollkommen unideologischen jungen Leute, die aus der Perspektive des Jahres 2002 von Simin Soraya als der inzwischen fast zehn Jahre älteren Emina berichtet werden. Die private Perspektive trägt nicht nur dazu bei, dass der Mehrheit des Publikums die Geschichte emotional nahegeht, sondern sie vermeidet dankenswerterweise auch jede politische Parteinahme. Verlierer waren und sind im Bosnien-Konflikt bis heute wohl alle drei ethnisch-religiösen Kriegsparteien. Bis heute erscheint der Staat Bosnien-Herzegowina als ein extrem labiles, gespaltenes politisches Gebilde. Luise Wandschneider hat für Anne Baders deutschsprachige Erstaufführung des Stückes am Theater Oberhausen ein nahezu abstrakt anmutendes Bühnenbild gebaut, das Apartment und zerschossene Ruine gleichzeitig darstellen kann und zu Beginn auch die Plattform für den Brückensprung imaginieren lässt oder zum Dance Floor mutiert. Ganz langsam verschärfen sich die Lebensbedingungen der vier jungen Menschen: Kaffee und Nudeln werden knapp, besonders geliebte Konsumgüter sind plötzlich nicht mehr erhältlich. Das fröhliche, unbeschwerte Zusammenleben in Mostar weicht zunehmend der Aggression: „Stück für Stück verändert sich die Welt, und du veränderst dich mit“, heißt es. Auch wenn die Liebenden grundsätzlich weiter zusammenhalten…

Und dann: erschüttern Detonationen die Stadt. Das fest gefügte Bühnenbild gerät ins Zittern, ins Rotieren. Die Mutter von Leila hat vorausgesehen, was passiert - die übrigen nicht: Krieg? „Nicht in meinem Land, nicht in Europa“, glaubte Emina. Das haben wir vor zwei Jahren im Hinblick auf den Ukraine-Konflikt auch gedacht. Die Oberhausener Akteure zeigen, wie man sich verändert unter solchen Umständen: Man härtet sich ab, man wird unempfindlich. Die so sym- wie empathischen jungen Leute empfinden Entsetzen darüber - und stellen doch fest: „Entweder du lachst, oder du bist ein Opfer.“ Mina (Franziska Roth als das jüngere Ich von Simin Soraya) leidet zunehmend; Sasha (David Lau) scheint cool zu bleiben. Er behält seinen Witz, doch sein Humor wird schwärzer. Und er läuft mit einer Knarre rum…

Als Mina die alte Brücke überquert, bricht diese unter kroatischem Beschuss zusammen. Mit ihr verliert auch das Leben der jungen Leute jegliche Stabilität. Sie leben jetzt in einer Stadt, die benannt ist nach einer Brücke, in der es aber keine Brücken mehr gibt - auch sinnbildlich sind alle Brücken zwischen den Kulturen abgebrochen.

Wie die Geschichte der vier weitergeht, wird der Schreiber dieser Zeilen nicht verraten. Atemlos hofft man auf ein Happyend und befürchtet das Schlimmste. Die Brücke von Mostar ist nichts als ein einfaches well-made play. Aber es ist - auch dank des perfekten Timings von Anne Baders Inszenierung - eines der besten, die in den letzten Jahren auf nordrhein-westfälischen Bühnen zu sehen waren. Es ist spannend, erschreckend, berührend, grausam, alptraumhaft - und zutiefst menschlich. Das junge Oberhausener Ensemble (neben Simin Soraya, Franziska Roth und David Lau noch Ronja Oppelt als Leila und Philipp Quest als Mili) wächst dabei über sich hinaus. Auch die Doppelbesetzung der Rolle der Mina wird nun sinnfällig: Noch mit dem Abstand von neun Jahren rast Simin Soraya vor Wut und vor Aufregung; Franziska Roth, die jüngere Mina, ist im aktuellen Erleben traumatisiert, agiert wie in Zeitlupe. Und wir, das Publikum, werden mitgerissen in einen Krieg, der sinnlos war und brutal und nur 1000 Kilometer Luftlinie von uns entfernt. Seine Auswirkungen sind noch heute zu spüren. Die Lage in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo ist brisant. Und anderenorts in Europa tobt schon wieder ein Krieg.