Zeit für Freude im Oberhausen, Theater

In der Gemeinschaft wird Unglück erträglich

Licht-Designerin Alexandra Sommerkorn hat einen großartigen Job gemacht. Unzählige kleine Leuchten schweben im gesamten Bühnenraum und tauchen ihn in warme braune Töne. Dazwischen haben sich sieben oder acht imposante Märchengestalten positioniert. Männer wie Frauen tragen Hasenköpfe oder überdimensional große Schädel von Hornvieh, dazu riesige weiße Kleider mit Puffärmeln und Reifröcken. Wenn sie zu sprechen beginnen, werden sie die Schädel-Masken abnehmen. Aber zunächst einmal nähert sich die einzige Frau, die in dem überwältigenden weiß-braunen Eröffnungsbild schwarz trägt und kaum wahrnehmbar hinten in der Ecke kauerte. Es ist die Sopranistin Ekaterina Isachenko, die den mehr als dreistündigen Abend mit Robert Schumanns Liederkreis Opus 39 garnieren wird, zur Lyrik von Joseph von Eichendorff. Gleich das erste Lied zeigt an, wo wir uns befinden:

 

Aus der Heimat hinter den Blitzen rot
Da kommen die Wolken her,
Aber Vater und Mutter sind lange tot,
Es kennt mich dort keiner mehr.

Wie bald, ach wie bald kommt die stille Zeit,
Da ruhe ich auch, und über mir
Rauscht die schöne Waldeinsamkeit,
Und keiner kennt mich mehr hier.

 

Ja, da vorn an der Rampe, in einem Tal an einem Fluss, liegt offenbar ein Friedhof. Durch nichts hat die Ausstatterin Franziska Isensee ihn angedeutet; wir müssen ihn einfach mitdenken, aber er begleitet und bestimmt die kommenden Gespräche der Protagonistinnen und Protagonisten. Ein einsamer Waldfriedhof wie bei Eichendorff ist es wohl; keiner der Familienangehörigen ruht hier, aber „eine Mutter“ denkt, hier möchte sie dereinst begraben werden. Anke Fonferek, die diese Mutter spielt, beginnt zu sprechen: „Eine Mutter sagt: …“. Regina Leenders spielt „eine Schwester“ und antwortet: „Eine Schwester denkt: …“ - So geht das eine Weile, Mutter ist enthusiastischer, Schwester unbeteiligter, aber alle legen zunächst einmal eine Distanz zwischen sich und ihre Figuren. Sie zitieren. Sie erzählen sich ein bisschen aus ihrer Familiengeschichte, davon, wen sie mögen und warum nicht. Belanglos wirkt das. „Eine Schwester“ und ihr Bruder Aksle (der einzige, der in diesem Stück einen Namen trägt) redeten gelegentlich darüber, dass sie doch eigentlich glücklich seien, sagt Leenders: „Das ist ein Tag für Freude.“ - „Es weiß und rät‘ doch keiner, / Wie mir so wohl ist, so wohl!“, singt Frau Isachenko.

Ein merkwürdiges Stück hat der norwegische Dramatiker Arne Lygre da geschrieben. Ein Stück, in dem Empathie die Hauptrolle zu spielen scheint, der positive Blick auf die Mitmenschen, auf die eigene Lebenssituation und den Tod - ein Stück, in dem die Figuren postulieren, dass nunmehr Zeit für Freude sei, und versuchen, sich gegenseitig über Unglück sowie negative Gedanken und Erlebnisse hinwegzuhelfen. In NRW kennt man vielleicht noch Lygres „Tage unter“, eine Variation des Falls Natascha Kampusch, die Stéphane Braunschweig vor zwölf Jahren am Düsseldorfer Schauspielhaus inszenierte. Auch da blieben die Figuren namen- und herkunftslos. Wie in einem Labor untersuchten Lygre und Braunschweig die psychologische Disposition der Charaktere. Diesen Laborcharakter weist auch Zeit für Freude auf. Nach und nach treffen weitere Figuren am Waldfriedhof ein, „ein Nachbar“ und „eine Exfrau“ (teils restverliebt und sehnsuchtsvoll, teils weit vom Wunsch nach einer Wiedervereinigung entfernt), eine Witwe und zwei vaterlose Söhne, die nach einer adäquaten letzten Ruhestätte für ihren alten Herrn suchen. Man kommt miteinander ins Gespräch - kaum einmal konfliktär, fast immer konstruktiv. Man unterstützt einander in der zwar individuell unterschiedlich, aber recht routiniert angegangenen Trauerarbeit, unterstützt bei der Überwindung von Einsamkeit, bei der Suche nach sich selbst: „Wir wissen nie alles über uns selbst“, sagt die „Mutter: „nicht bevor alles zu spät ist.“

Aggressionen, negative Gefühle anderen Menschen gegenüber kommen nur in kontrollierten Selbstreflexionen vor - wenn die Mutter ihrer Tochter gesteht, dass sie deren Schweigermutter verachte, wenn der „andere Vaterlose“ Khalil Fahed Aassy von seiner Abneigung, gar von seinem Hass gegenüber dem verstorbenen Vater berichtet. Die Menschen in Kathrin Mädlers höchst sensibler Inszenierung kennen das Unglück, aber sie wirken frei von Aggressionen, stattdessen eher wie auf der Suche nach einer Lösung. Es gibt die Inkongruenz der Gefühle zwischen Nachbar und Exfrau, die Selbstbezichtigung der „Schwester“, die keine Kinder bekommen kann, als „schadhafte Frau“. Aber die Kernsätze des Stückes sind die positiven: „Worte allein können die Liebe nicht zerstören“, sagt Leenders; „Dazu sind wir da: um nette Dinge zueinander zu sagen“, bekräftigt Aassy, oder, eigentlich banal bis zum Geht-nicht-mehr und doch ein wiederholter Kernsatz des Stückes, allerdings erst in dessen zweitem Teil: „Ich mag Menschen“.

Reiner Kunze hat einmal über Ilse Aichinger gesagt, ihre Texte seien „überwundene Schwermut“. Sie sei eine „Last-in-Licht-Verwandlerin, ohne falsches Bewusstsein zu schaffen.“ - Ähnliches ließe sich über Lygres „Zeit für Freude“ auch sagen, auch wenn bedeutungsschwanger geschriebene Sätze wie „Ich mag Menschen“ beim aufgeklärten Skeptiker von heute schon Zahnschmerzen verursachen können. Aber Lygres Texte gleichen in ihrer Kargheit und ihrer spröden Poesie halt auch nicht denen von Aichinger, sondern denen des frisch gebackenen Literaturnobelpreisträgers Jon Fosse, und da passt’s dann wieder halbwegs. „Zeit für Freude“ beschreibt aber mehr als nur die Überwindung von Schwermut. Lygre entwirft eine Utopie des zwischenmenschlichen Zusammenlebens, eine Gesellschaft, die ihre Stabilität aus der gegenseitigen Versöhnung, Akzeptanz und Verbrüderung ihrer Mitglieder gewinnt. Einer nur macht da nicht mit: Aksle. Während sich am Friedhof wildfremde Menschen zu einer großen Gemeinschaft zusammenfinden, will der von Tim Weckenbrock gespielte junge Mann alle Verbindungen kappen. Der homosexuelle Aksle ist auf der Suche nach seiner Identität. Während alle anderen ihr Ich und ihren Halt in der Gemeinschaft finden, glaubt Aksle Stabilität in der Einsamkeit gewinnen zu können, aber auch seine Familie vor sich schützen zu müssen. Das weist auf eine Depression hin. Man spürt, dass Aksles Kompromisslosigkeit die Familie vor den Kopf stößt. Es bleibt offen, ob Lygre Aksles Handeln für einen gangbaren, erfolgversprechenden alternativen Weg zum Glück hält. Einen Hinweis könnte der zweite Teil von Stück und Aufführung nach der Pause geben.

Nach der Pause herrscht Nacht. Die Lichterketten haben sich zu Boden gesenkt; die Schauspieler bleiben dieselben, die Figuren erscheinen verändert und heißen nun „eine andere Mutter“ oder „eine andere Schwester“, die „Exfrau“ mutiert zur „Nachbarin“ und der „Nachbar“ zum „Witwer“ etc.. Anstelle der ausladenden weißen Kostüme, die große körperliche Nähe nicht zulassen, tragen die Figuren nun lange weiche Bärenfelle; gelegentlich kuscheln sie sich zusammen wie Tiere und bilden lebende Skulpturen, die einen engen Zusammenhalt versinnbildlichen. Das streift durchaus die Nähe zum Kitsch. Der im ersten Teil erkennbare, wenn auch heruntergespielte Streit verschwindet mehr und mehr zugunsten von Empathie, Eintracht und Zusammenhalt. Tim Weckenbrock verwandelt sich nun in Aksles ehemaligen Lebensgefährten David - und der fährt eine ganz andere Strategie als Aksle vor der Pause: Seine Lebenskrise, seine Enttäuschung über das Verschwinden seines Partners verarbeitet er in der Gemeinschaft mit den anderen, die ihm Trost spenden und Mut für einen Neuanfang machen.

Das distanzierte Zitieren der eigenen Aussagen und Gedanken vom Anfang („eine Mutter sagt,…“ / „eine Schwester denkt,…“) verliert sich relativ schnell. Dennoch bleiben Sprache und Spielweise laborhaft, kaum einmal ergeben sich natürliche Spielszenen. Weckenbrock, Fonferek und der erfrischend humorvolle und zupackende Klaus Zwick (Nachbar / Witwer) kommen einer natürlichen, komplexeren Figurenzeichnung am nächsten. Konflikte werden unterspielt; Gemeinsamkeit und Harmonie werden ungewöhnlich stark in den Vordergrund gerückt. Das alles widerspricht den Gepflogenheiten dramatischer oder belletristischer Literatur, denkt man – warum soll uns das interessieren? Das Erstaunliche ist: Nach anfänglichem Befremden wird das Interesse an diesen Figuren, an diesem Text, an dieser eigenwilligen sprachlichen Gestaltung größer. Wenn man sich drei Stunden lang auf den langsamen Gang der Dinge einlässt, findet man wenn nicht die Zeit für Freude, so doch das Schöne, das in dieser Utopie liegt. Dank des sensiblen Vorgehens des Regie- und Schauspieler-Teams bezaubert Lygres im deutschsprachigen Theater so ungewöhnlicher Sound. „Es war, als hätt‘ der Himmel / Die Erde still geküsst…“, singt Ekaterina Isachenko.