Internat im Theater Münster

Die Erfindung der Verantwortung im Donbass

Eine Frontstadt in diesem unerklärten Krieg des Jahres 2014, als die „neue Macht“ einfach willkürlich Grenzen verschob. Im Donbass riefen gleichzeitig mit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim russische Soldaten und Milizen widerrechtlich die Volksrepubliken Donezk und Luhansk aus. Ein bewaffneter Konflikt schwelte, vom Westen zunehmend ignoriert; Waffenstillstandsverhandlungen u. a. unter Beteiligung von Bundeskanzlerin Merkel zeigten keine nachhaltige Wirkung. Mal köchelte es an der Front, mal knallte es. Serhij Zhadan, der im ebenfalls ostukrainischen Charkiw lebt, ahnte schon 2014, was 2022 kam; 2018 schrieb er seinen preisgekrönten Roman Internat, der in der Zeit kurz nach dem Überfall russischer Separatisten auf den Donbass spielt. Die Kriegsparteien werden niemals namentlich genannt, aber jeder weiß, was gemeint ist. Intensiv und eindringlich schildert Zhadan die Auswirkungen auf das Leben der Bevölkerung, schildert er Wut und Angst, Gefahr und Verdrängung. Und er fährt ein Personal auf, das typisch ist für die Situation im Osten der Ukraine im Jahre 2014, als die ostukrainische Bevölkerung noch gespalten war in Menschen, die der russischen Politik zugeneigt waren, und Menschen, die die Ziele des Euromaidan unterstützten, also das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union. Natürlich gab es auch die Gleichgültigen, die Opportunisten und die Opfer. Sie alle lässt Regisseur Moritz Sostmann nun auch in seiner gemeinsam mit Remsi Al Khalisi erarbeiteten Bühnenfassung am Theater Münster auflaufen. Niemand wird dabei denunziert: Die Haltung aller Figuren ist nachvollziehbar; sie alle erscheinen durchaus sympathisch.

Sascha ist 13. Sein Vater ist in seinem Panzer verbrannt, und da zu Hause sich keiner um ihn kümmern kann, besucht der Junge das Internat. Das Internat? Bei dessen Erwähnung zucken auf der Bühne alle zusammen. Dort hat es gestern mächtig geknallt. Wer kann, hat sein Kind längst heimgeholt – die Schule liegt plötzlich auf der anderen Seite der Frontlinie. Saschas Onkel ist es, der - halbherzig - aufbricht, seinen Neffen aus der gefährdeten Zone herauszuholen. Er ist Lehrer für ukrainische Sprache, aber völlig unpolitisch. Lustlos und unengagiert ergreift er nicht Partei im russisch-ukrainischen Konflikt, hat er doch wie der im Trainingsanzug der alten UdSSR-Nationalmannschaft herumlaufende Turnlehrer vor allem positive Erinnerungen an seine sowjetische Kindheit. Andererseits geht es ihm im ukrainischen Staat nicht schlecht. Doch nun hat er einen gefährlichen Weg zu gehen, vorbei an Patrouillen und Scharfschützen. "Die Checkpoints werden abgebaut, aber die Grammatikregeln bleiben", verschließt Pascha die Augen vor der Realität: „Ich weiß nicht, wer schießt.“ Von „temporären Binnenvertriebenen“ ist einmal die Rede – was für ein furchtbar bürokratischer Ausdruck für Menschen, die auf dem Boden ihres eigenen Landes plötzlich ihre Heimat zu verlieren drohen! Pascha will an das Temporäre glauben, nicht an die Vertreibung. Anna lacht bitter: „Wieso soll das irgendwann vorbeigehen?“ – Wir wissen: Es war kein Dauerzustand. Es wurde immer schlimmer.

Doch wir sind im Jahre 2014, und Pascha geht auf Abenteuerreise quer durch die plötzlich geteilte Stadt. Ausweiskontrollen sind zu überstehen, bis der Kontrolleur plötzlich selbst angegriffen wird; Pascha wird von zwei dubiosen Gestalten, wie sie sich in solch politisch unklaren Zeiten eine durch nichts zu rechtfertigende Macht aneignen mögen, mit Gummiknüppeln verprügelt; ein Taxifahrer muss bestochen werden; für den Grenzübergang auf die andere Seite der Stadt wird eine Art Schleuser benötigt; es geht an Scharfschützen vorbei, Luftschutzkeller müssen aufgesucht werden. Und immer herrscht Unsicherheit: Wer ist Freund, wer ist Feind? Welche Sprache ist opportun – russisch oder ukrainisch? Jede Sicherheit ist verloren gegangen. – Irgendwann wird Pascha seinen Neffen erreichen. Der, schon gleich zu Beginn als etwas verkapselter, unterschwellig aggressiver, einen Baseballschläger schwingender, aber offensichtlich vernachlässigter und hilfebedürftiger Jugendlicher aufgefallen, ist keineswegs begeistert. Aber Sascha und Pascha nähern sich einander an. Denn Pascha hat gelernt, eine Haltung zu entwickeln – mehr noch: Verantwortung zu übernehmen.

Moritz Sostmann inszeniert Saschas und Paschas Geschichte mit Trauer, Poesie, Witz und Humor als stimmungsmäßig in einer sensiblen Balance bleibendes Roadmovie, das von filmischer Musik untermalt wird, die mal an Hollywood und mal an französischen Arthouse-Film erinnert, aber auch ganz eigenständige Klänge hervorbringt. Verstreut über die riesig wirkende Spielfläche im frei geräumten Kleinen Haus des Theaters stehen und liegen ein altes TV-Gerät, ein Sessel, ein paar Barhocker, ein Schlafsack, Koffer und Kleidungsstücke - unverbunden und verloren wie die Menschen in dieser Stadt nach dem Angriff der neuen, fremden Macht. Witz haben die zwar vorproduzierten, aber live ergänzten Video-Zeichnungen: Bilder der Stadt und ihrer Verkehrsmittel, des Bahnhofs, brennender Gebäude oder auch obszöner Graffiti. Sostmann ist bekannt als der Puppenspieler unter den Regisseuren: Auch diesmal hat ihm Hagen Tilp großartige, im Laufe der Zeit immer lebendiger werdende Puppen gebaut. Ansgar Sauren als Sascha wird von einer Puppe gedoppelt – ein älterer embedded journalist läuft mit einem großen „Presse“-Schild auf dem Puppenpulli herum; der dauermeckernde Opa wird ebenso als Puppe dargestellt wie der Taxifahrer, der Pascha und einige Mitreisende in einer witzigen pantomimischen Szene auf ein Stück weit in Richtung ihres Ziels jenseits der Besatzungslinie befördert.

Franziska Rattay gibt den Gegenpol zu dem anfangs so entscheidungsschwachen, konfliktscheuen Pascha: Mit Mut und Wut versucht sich ihre Nina Petrowna, auch sie Lehrerin wie Saschas Onkel, gegen die Okkupation zur Wehr zu setzen. Die Figur der käuflichen „Masseuse“ Vera gestaltet Nadine Quittner mit einer gewissen Exotik, dem Herz am rechten Fleck und einem selbstbewussten Opportunismus. Doch Opportunismus hin oder her: Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass Vera einen schrillen orangefarbenen Pelz zu ihrer nicht minder schrillen orangefarbenen Haarpracht trägt – schließlich war der Euromaidan so etwas wie der Nachfolger der „Orangenen Revolution“ des Jahres 2004. Staubtrocken gibt Artur Spannagel das "Weichei", den unentschiedenen, entscheidungsschwachen Lehrer - und doch gelingt es ihm von Beginn an, dem Publikum seine Figur ganz, ganz nahe zu bringen. Am Ende ist es Sascha, der Pascha verändert und ihm Verantwortungsbewusstsein einhaucht. Unentschiedenheit ist spätestens seit dem 24.02.2022 keine Haltung mehr, für niemanden, im Westen nicht und auch nicht im Osten der Ukraine. Dort, im Donbass, hat Russland seine damals noch zahlreichen Sympathisanten unwiederbringlich verloren.