Zwischen Poesie und Kitsch
Am Anfang ist die Trompete von Marius Huth. Aus den Seitentüren des Parketts tritt das Ensemble auf - fünf brillant gecastete junge Laien-Schauspielerinnen und vier männliche Profi-Schauspieler aus dem Ensemble des Schauspielhauses Bochum. Die Männer tragen blaue Jeans-Kleidung, die Mädchen einfache weiße T-Shirts mit Aufdrucken wie „Your Logo here“ oder auf Deutsch: „Dein Design hier“. Küchenpsychologisch mag man das so deuten: Der Platz in ihrem Herzen ist noch frei, die Sehnsucht nach einem Platzhalter groß. Denn es geht um Liebe an diesem Abend. Um Liebe und Tod. Wie bei Goethes Werther.
Beim alten Goethe - wir erinnern uns - geht es um die unglückliche Liebe des jungen Werther zu Lotte. Mag sein, dass auch der Platz in Lottes Herzen noch frei ist - so genau verrät uns der in einer prüderen Zeit lebende Goethe nicht. Aber Lotte, die die Zuneigung Werthers durchaus zu erwidern scheint, ist mit Albert verlobt und bleibt standhaft; sie heiratet Albert schließlich sogar. Werther bringt sich um. Liebe und Tod - beschrieben in hohem Ton und weitgehend platonisch bleibend. Von körperlicher Liebe oder auch nur der Sehnsucht danach ist - bis auf einen zum fatalen Ende führenden leidenschaftlichen Kuss - nicht die Rede. Die heutigen Liebenden auf der Bühne des Schauspielhauses Bochum sind da cooler: „Do you try to make your body speak, or do you just want to connect your mind?“ fragen sie nicht ganz unironisch. Damals ließen sich viele schwärmerische junge Menschen von Goethes hohem Ton anstecken: Der Veröffentlichung des Romans im Jahre 1774 folgte eine Welle romantischer Selbstmorde. Noch heute spricht man vom Werther-Effekt, wenn infolge der Nachahmung bestimmter Ereignisse die Zahl der Suizide ansteigt.
Vom „Werther“-Plot bleibt in Lies Pauwels‘ Inszenierung nicht viel übrig. Albert hat sich sogar nahezu rückstandslos verflüchtigt. Pauwels geht es nicht um Goethes Personnage, sondern um die vom Meister in seinem Briefroman beschriebenen großen Gefühle, die sie mit Musik und Text auf ihre Gültigkeit für die Jugend des 21. Jahrhunderts befragt. Die Romantik, der Traum von Glück und die Sehnsucht nach Liebe sowie die rauschartigen Gefühle, die die Liebe auslösen kann, stehen im Vordergrund. Auch die Liebe zu Kindern und die kreischende Teenie-Schwärmerei für geliebte Boygroups finden ihren Platz in der Inszenierung, wobei vor allem Letzteres durchaus Witz hat und die Lebensrealität der jungen Menschen von heute abbildet, aber die gleichberechtigt danebenstehenden Goethe-Texte banalisiert. Isoliert und aus dem Gesamtzusammenhang des Romans gerissen, wirken manche Original-Goethe-Passagen geschwollen und gefühlsselig. Allerdings ist das Gefühlsselige etwas, das junge (und auch ältere) Verliebte zwangsläufig auszeichnet und das Pauwels fraglos auch zeigen will. Mehr oder weniger lose stehen auch die Eigentexte in Verbindung mit dem Werther-Roman. Nicht immer können sie inhaltlich und sprachlich überzeugen.
Gleich zu Beginn stellen die zehn Akteure in einer der witzigsten Szenen des Abends ihre Fragen an die Liebe und an den Tod. Risto Kübar zum Beispiel fragt den Sensenmann: „Hast du jemals jemanden lachen gehört, als du gekommen bist?“ Oder, amüsierte Lacher im Publikum auslösend: „Hallo Tod, wie hältst Du’s mit der Religion?“ (Gute Frage für Agnostiker…) - Bei der Liebe wird angefragt, warum sie eigentlich erwarte, dass die Menschen vor ihr auf die Knie fallen. Direkter noch und irgendwie heutiger: „Bist du eine Illusion?" - Im Schauspielhaus Bochum fallen die Jungs auf die Knie und fressen den Mädels aus der Hand. Ist Liebe eine Illusion? Das kommt auf den Standpunkt an - und darauf, mit welcher zeitlichen Distanz und in welchem Lebensabschnitt man auf die Liebe schaut. Pauwels erzählt ausschließlich aus der Sicht ganz junger Menschen. Für abgeklärte Ältere ist das manchmal rührend, manchmal charmant; es weckt im besten Falle Erinnerungen an die eigene Jugend - aber manchmal wirkt es doch allzu naiv.
Glücklicher gelingt die Musikauswahl an diesem Abend. „I'm shedding skin“, singt Lucy Grimble, „'cause without a death there can be no resurrection.“ Das Ensemble bewegt die Lippen dazu - gesungen wird viel in den zwei pausenlosen Stunden in den Bochumer Kammerspielen, aber meistens im Playback. Vermutlich ist das eine gute Entscheidung; schließlich haben wir es mit einem zu mehr als der Hälfte nicht-professionellen Ensemble zu tun. Lies Pauwels‘ Variationen über die Liebe (vielleicht sollte man besser von „Schwärmerei“ sprechen) und den Tod bestehen aus Pop, Chanson, Opernarien und Barockmusik einerseits sowie Goethe-Text und leider oft recht banalem Selbsterfundenem andererseits. Von der Sprechtechnik her nimmt man keinen signifikanten Unterschied zwischen Profis und Amateuren wahr, und das ist keine Kritik an den Schauspielern, sondern ein Kompliment an die Schauspielerinnen, die selbstbewusst und charmant ihre Gleichrangigkeit mit den Profis beweisen und trotz ihrer Prinzessinnen-Outfits (extrem häufig müssen sie ihre Kostüme wechseln) meist souveräner wirken als die Männer, die sich häufig in Jammerlappen-Rollen zu fügen haben.
Die Musik gleich welcher Epoche schlägt fast immer denselben elegischen Tonfall an; Monologe werden - gewollt - langsam und stockend vorgetragen. Manchmal entwickelt die Aufführung auf diese Weise Poesie, manchmal rückt sie aber sogar den Goethe-Text in die Nähe von Kitsch. Und manchmal horcht man auf, weil man utopische Aufrufe zum Humanismus wahrzunehmen glaubt. „It was the absence of love which made me know how much love mattered“, sagt Lukas von der Lühe einmal.
Die Bedrohung von Liebe und Lebenslust wird durch eine Wetterwarnung angekündigt: Ein heftiges Gewitter zieht auf. Auch dieser schöne Einfall ist ein „Werther“-Zitat: Als im Roman bei einem Tanzvergnügen Werthers Liebe zu Lotte keimt und auch diese ihre Zuneigung kaum verbergen kann, kommt auf Intervention von Lottes Freundinnen die Verlobung mit Albert zur Sprache. Kurz darauf beobachten Werther und Lotte ein sich entladendes Gewitter, das wir in Bochum auf dem Video-Vorhang beobachten können.
Ein Zitat aus Lou Reeds „Vanishing Act“ wäre ein schöner Schlusssatz des auf den Rezensenten ambivalent wirkenden, die Perfektion von Pauwels‘ europaweit erfolgreicher, ebenfalls mit jungen weiblichen Laien arbeitender Erfolgs-Inszenierung „Het Hamilton Complex“ (siehe hier) nicht erreichenden Abends gewesen: „It must be nice to disappear... float in a mist / with a young body in your arm looking for a kiss.“ Stattdessen wird gegen nun ein zum Einhorn mutierter Schimmel auf die Bühne geschoben und zum Symbol sexueller Sehnsüchte. In einem überlangen Monolog träumt eine der Schauspielerinnen davon, wie das überlange Horn in sie eindringt und wie das Tier dabei weint vor Liebe. Das, bei aller Liebe, ist nun endgültig triefender Kitsch!