Was darf Wissenschaft?
Sind Wissenschaftler:innen verantwortlich für die Folgen dessen, was sie tun? Darf man ein Monster wie die Atombombe erschaffen, um ein anderes Monster wie den Faschismus zu bekämpfen? Welche Grenzen dürfen überschritten werden? Darf alles Denkbare Realität werden?
Das sind die Fragen, die Stefano Massini in Manhattan Project aufwirft: In den USA arbeiten Menschen daran, die Atombombe zu entwickeln, um den Zweiten Weltkrieg zu beenden. Sie sehen sich diesen inneren Konflikten ausgesetzt. Erst Robert Oppenheimer kann ihnen die Frage nach persönlicher Schuld erleichtern, indem er den Prozess des Bombenbaus entpersonalisiert, ihn als technisch laufende Maschinerie darstellt. Manhattan Project wurde in Wien uraufgeführt und erlebte unlängst im Wolfgang-Borchert-Theater in Münster seine Deutsche Erstaufführung. Massini findet viele, sehr viele Worte, um Aspekte und Gedankengänge zu beschreiben. Das ist anschaulich, manchmal aber sehr beharrend und eindringlich wiederholend. Da gilt es, beherzt den Rotstift anzusetzen. Das tut das Regieteam und dennoch ist der Abend knapp drei Stunden lang. Dass dennoch keine Langeweile aufkommt, dafür sorgt die erfrischende, zupackende Herangehensweise von Regisseur Björn Gabriel. Er dringt ohne Umwege ins Herz der Handlung vor, stößt das Publikum direkt auf den Kern der Fragen, ohne auf schwer zu entschlüsselnde Bilder zurückzugreifen. Zwei Monitore auf der Bühne zeigen die Protagonist:innen in anderen Konstellationen zueinander als sie gerade auf der Bühne zu erleben sind. Das mag zuerst etwas verwirren, sorgt aber für Mehrschichtigkeit in der Betrachtungsweise. Wenn es wirklich „an's Eingemachte? geht, dann wird es laut - und das nicht nur ein wenig. Da wird gekreischt, geschrien und gewütet und so das Gewicht der Passagen betont. Das mag vielleicht an manchen Stellen etwas zu viel sein, aber auch Übertreibung kann ein Signal sein, dass äußerste Aufmerksamkeit geboten ist. Im zweiten Teil wird es deutlich ruhiger, so als wäre das Rad der Geschichte über das Personal auf der Bühne schon hinweggerollt.
Das Team des Wolfgang-Borchert-Theaters transportiert die Intensität der Handlung unter Hochspannung stehend ins Publikum, zwingt eindrücklich zu voller Aufmerksamkeit. Seine Klasse beweist das Ensemble im chorischen Sprechen, denn hier wissen alle, dass man sich aufeinander verlassen kann. Ein Stück über Verantwortung und Zweifel, das wirklich sehenswert ist und nicht nur durch Worte betroffen macht.