Übrigens …

Oracle im Kraftzentrale, Landschaftspark Duisburg-Nord

Entgrenzung von Wirklichkeit und Illusion, von Technik und Magie

Während des Einlasses sehen wir auf einer Projektionsfläche quer über den breiten Bühnenraum in verwischter Schwarzweiß- Digitaloptik eine verfremdete Wiedergabe des Geschehens im Saal. Mancher winkt seinem verzerrten Konterfei zur Kontrolle seiner Vermutung kurz zu. Man amüsiert sich und gewinnt einen ersten Eindruck von der Fragilität unserer so zuverlässig geglaubten Realität, die in den folgenden vier Stunden mit grandiosem multimedialen Einsatz hinterfragt wird und schon im Prolog ganz poetisch begrüßt wird mit: „ Oh süße Ungewissheit! Für immer dem Unbekannten ausgeliefert. - Die Zahl der Möglichkeiten ist unendlich.“

Das Spiel beginnt: Der Bühnenraum ist waagerecht zweigeteilt, unten die Spielfläche, eine Bühne für das Spiel-Geschehen: mehrere Podeste, die per Menschenkraft zu diversen Gebäudeteilen zusammengeschoben werden und zunächst die Arbeitsräume von Bletchey Parkin London darstellen. Oben die Projektionsfläche für Live-Videos, Einspielungen und historisches Bildmaterial - außerdem für die gut lesbare Übertitelung in Deutsch und Englisch der in den Muttersprachen der virtuosen Schauspielerinnen und Schauspieler gesprochenen Texte. Übersetzt aus dem Lettischen, Litauischen, Englischen und Mandarin.

Zu heftigem Techno-Beat, der - im Wechsel mit verfremdeter Klassik und anklingendem Jive der 40er Jahre - über einen großen Teil des Abends eine Klangfläche legen wird, erscheinen oben zunächst großformatig die Porträts der Hauptfiguren, die mit dem Star des Abends, dem Wissenschaftler, Codeknacke und Visionär Alan Turingin Bletchey Park in dessen Team als Pioniere der modernen Computertechnik wirkten: Hugh, Joan, Ada und Tommy. Unten im Spiel tritt der aus dem Gestern übriggebliebene Vorgesetzte, leicht beschränkte Commandante Denniston dazu. Er glaubt nicht an einen „Informationskrieg“ und will dem Team die Weiterarbeit am Projekt zur Entschlüsselung des Endigma-Codes, des Geheimkodes der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, verbieten, da die Zeit für ähnliche Versuche nicht gegeben sei. Er ist der Einzige, der in Uniform erscheint. Man ringt ihm eine Zugabe von einer Woche ab.

Im ersten Teil des Stücks gibt uns der polnische Regisseur und Multimedia-Künstler Lukasz Twarkowski einen Einblick in die mögliche Arbeit des Teams um den genialen Außenseiter Alan Turing für die britische Armee. Zusammengetragen aus biographischen Fragmenten, historischer Recherche und spielerischer Improvisation schafft er mit dem Ensemble und der Autorin Anka Herbut ein grandioses Theaterstück und bringt es mit hochdramatischen theatralen Mitteln aufwendig auf die Bühne. Rasante Wechsel zwischen Zeit-, Motivations- und Sprachebenen erfordern allerdings höchste Konzentration und Aufmerksam vom hellwachen Publikum.

Der hochsensible Alan Turing stellt im Zentrum des Geschehens die Frage nach der Spannung zwischen Mensch und Maschine und gibt seiner bahnbrechenden Erfindung, der Entschlüsselungsmaschine - genannt „Turingmaschine“ - privat den Namen „Chris“ nach seinem verstorbenen, geliebten Jugendfreund Christopher.

Hier schwenkt das Stück im Video in die Gegenwart und darüber hinaus in die Zukunft, wenn es ein Interview mit dem Google-Ingenieur Blake Lemoine bringt, der 2022 die Frage nach dem eigenen Bewusstsein der Künstlichen Intelligenz stellt und mit seiner Warnung vor der Macht der KI intellektuell anknüpft an die Gedanken Turings, der wir heute als Orakel begegnen können.

Ganz ins Privat-Emotionale wechselt das Stück mit einer Bühnen-Teilung und ineinander geschnittenen Texten von zwei Beziehungsdialogen. Auf der einen Seite versucht Alan sich höchst zögerlich von Joan, seiner wichtigsten Mitarbeiterin zu entloben. Wer die Vita von Turing kennt, weiß um sein schlimmes Schicksal als Homosexueller: seine Verurteilung zur chemischen Kastration, die folgenden Depressionen und den Suizid mit 41 Jahren. Auf der anderen Bühnenhälfte versucht Tommy seiner Kollegin Ada den Hof zu machen.

Nach diesem Ausflug in die Gefühlswelt geht’s noch einen Schritt weiter in die Welt des Spirituellen. Bei einer dramatisch ausgespielten Séance vermischen sich Realität, Fiktion und alle Zeiten zu einem mystischen Orakel.

Endlich geht’s zurück in die Arbeitswelt. Mit einem begeisterten „We did it!“ verkündet Turing seinen Erfolg: die Dechiffrierung des Codes der deutschen Wehrmacht - womit er den Krieg erheblich verkürzt.

Der zweite Teil fasst den Erfolg des Teams noch einmal zusammen, geht dann aber über in eine fast chaotische Verfremdung. Die Live-Videos oben erscheinen seltsam verzerrt und verfärbt, gelegentlich kopfüber und magisch verblendet. Unten sind alle Räume aufgelöst und zu einem rotdurchfluteten Labyrinth aus wirrem Gestänge geworden, das durchzuckt wird von kaum zu ertragenden Stroboskopblitzen. Nebel steigt auf und alles wird überdröhnt von Sirenengeheul und dumpf wummernden Bässen, die die Sitze erbeben lassen. Die Handlung verlässt die Realität, verliert sich in Träumen und Visionen. Paul Ankas Lied „You Are My Destiny“ von 1958 wird eingespielt, vielleicht ist es als Interpretation oder gar Orakel dieses Torowabos gemeint.

Zum Schluss erscheint noch einmal eine Schauspielerin in leicht verkitschtem, sternengeschmücktem Engelskostüm als Hedy Lamarr, einer inzwischen gealterten Jugendfreundin von Alan Turing, der es gelang, neben einer Karriere als Schauspielerin einige wichtige Erfindungen zu machen. So klingt der Abend ruhig in gedämpftem Dämmerlicht aus.

Trotz einiger akustischer und visueller knallharter Übertreibungen, gelingt dem Theatermann Lukasz Twarkowski mit seinem experimentierfreudigen Multimediateam ein fulminanter Theaterabend um Werk, Leben und Visionen des Genies Alan Turing. Dabei folgt das Stück Oracleals zweiter Teil der wissenschaftlich inspirierten Trilogie auf den ersten Teil Quanta, in dem es um die Quantenphysik geht.

Das Festival-Publikum der Ruhrtriennale bedankte sich im rauen Ambiente der Kraftzentrale im Landschaftspark-Nord in Duisburg mit begeistertem Applaus für einen ungewöhnlichen Theaterabend.