Wer, wie, was…
Milena Michalek bringt Dostojewskijs Der Idiot einem heutigen Publikum sehr nahe, formuliert ausgefeilte Dialoge: Mal kurz, knapp und pointiert, mal voller Witz oder aber geradezu melodramatischer Traurigkeit. Diese Dialog-Perlen fügt sie zu in sich abgeschlossenen Szenen zusammen. Das sorgt - vor allem im ersten Teil - für viel Abwechslungsreichtum. Die Zeit scheint im Fluge zu vergehen und Dostojewskijs Gedankenwelt erschließt sich leicht, da Michalek sie verständlich „verpackt“. Fürst Myschkin ist Außenseiter in einer Gesellschaft, in der alle lügen. Myschkin aber sagt Wahrheiten und deckt so Verlogenheit auf. Er kann, obwohl er Teil dieser Gesellschaft ist, niemals ein anerkanntes Mitglied werden, sondern bleibt der Idiot, der etwas Verrückte. In einem ausdrucksstarken Schlussbild zeigt Michalek, dass Myschkin völlig abseits steht.
Alle anderen tun das, was sie aus Überlieferung, Tradition und täglicher Interaktion mit ihren Mitmenschen gelernt haben. Sie fügen sich ein in ein unsichtbares Netz von Konventionen und ungeschriebenen Regeln, wissen, wie man Wesentliches verschleiern und Trugbilder aufbauen kann, wie man durch schockierende Behauptungen Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann. Aber sie sind sich stets der Leere ihres Lebens bewusst, denn ihnen gelingt es nicht, Wesentliches in ihrem Dasein zu finden und aufzubauen. Ihre Existenzen sind allesamt im Grunde nur behauptet.
Michalek stellt das in vielfältigen kleinen Szenen kaleidoskopartig heraus und schöpft gerade bei der Personenführung aus einem reichhaltigen Fundus von Ideen. Doch irgendwann im zweiten Teil versiegt der Strom dann etwas, der Fluss stockt und beginnt zu versiegen, denn es kommt inhaltlich wenig Neues. Man meint, doch viele Dinge gerade erst erlebt oder gehört zu haben. Gut, dass Michalek am Ende noch einmal ein Crescendo kreiert.
Ohne das Team auf der Bühne hätte der Abend ganz sicher nicht so gefunkelt wie er es letztlich tat. Allen merkt man den Spaß am Sujet an. Clara Kroneck, Pascal Riedel, Elzemarieke de Vos, Christian Bo Salle, Katharina Brenner, Ansgar Sauren, Alaaedin Dyab, Julius Janosch Schulte, Carola von Seckendorff und Ilja Harjes reizen Tragik und Bosheit gleichermaßen aus. Leider tragen längst nicht alle Stimmen im gesamten Großen Haus des Theaters Münster. Das ist ein Manko dieser Produktion. Nach vier Stunden aber gibt es ganz viel Applaus für diesen Dostojewskij-Michalek-Abend.