Übrigens …

Antichristie im Dortmund, Schauspielhaus

Mit Agatha Christie in den kolonialen Widerstand

Kennen Sie Vinayak Damodar Savarkar? Oder Madan Lal Dhingra? Sanjeev Chattopadhya? Oder wenigstens William Curzon Hutt Wyllie? Haben Sie schon mal von der Hindu-German Conspiracy gehört? Nein? Dann sind Sie auch so einseitig eurozentrisch gebildet wie der Schreiber dieser Zeilen? Schämen Sie sich! Vielleicht aber leiden wir auch alle nur an, wie Regisseur Kieran Joel es im Interview zu seiner Inszenierung von Mithu Sanyals Roman Antichristie am Schauspiel Dortmund ausdrückt, „kolonialer Amnesie“.

Sollten Sie jedenfalls die oben genannten Herren doch kennen, verfügen Sie entweder über Expertenwissen im Hinblick auf die indische Revolutions- und Kolonialgeschichte oder Sie haben Mithu Sanyals jüngsten Roman bereits gelesen. Dann haben Sie die Chance, Joels Aufführung zu verstehen. Alle anderen setzt der Regisseur einer krassen Überforderung aus – und zwar ganz bewusst. Abgesehen davon, dass er argumentiert, im Roman sei das nicht anders, kann er sein Vorgehen intellektuell begründen. Doch bevor wir darauf eingehen, müssen wir wohl Inhalt und Struktur der Aufführung ein wenig sortieren:

Antichristie spielt auf mehreren Zeitebenen. Zunächst einmal befinden wir uns im Jahre 2022 im Writers’ Room von Florin Court Films London. Dort arbeitet die deutsch-indische Drehbuchautorin Durga in einem kleinen Team an der antirassistischen Verfilmung eines Kriminalromans von Agatha Christie – an einem „Anti-Christie“ sozusagen, womit sich der Titel von Roman und Aufführung, der unsere Phantasie in eine ganz andere Richtung beflügelt hatte, scheinbar in einem witzigen Wortspiel auflöst. Der Meisterdetektiv Hercule Poirot soll von einem Schwarzen gespielt werden, was im traditionsbewussten, sich nach wie vor mit Stolz seiner kolonialen Errungenschaften versichernden britischen Königreich auf Widerstand stößt (Anm. des Rezensenten: Ganz so hinterm Mond scheinen die Briten ihm heute nicht mehr zu sein, aber die Autorin will es so). 2022 stirbt auch Königin Elisabeth II., und Tausende von Menschen trauern um eine Monarchin, die mit dem Kooh-i-Noor noch heute einen der wertvollsten Diamanten der Welt als, wie Sanyal sagt, „eklatantestes Symbol für kolonialen Raub“ in der Krone trägt. Durga, die deutsch-indische Autorin, in Dortmund überzeugend verkörpert von Maya Alban-Zapata, rutscht durch die Zeit und landet im antikolonialistischen Widerstand.

Heißt: Im Londoner India House des Jahres 1906. Heißt auch: im Körper eines Mannes, und zwar dem des von Viet Anh Alexander Tranh gespielten indischen Freiheitskämpfers Sanjeev Chattopadhya. Das India House, eine Wohnstätte für indische Studierende, hatte sich damals zum Zentrum des revolutionären Widerstands gegen die Kolonialmacht entwickelt – für „Anti-Christen“ also, wenn man so will. Gemeinsam mit Sanjeev logierten dort Mahatma Ghandi, den Sanyal ganz beiläufig vom Sockel holt, indem sie seinen bedingungslosen Einsatz für Gewaltlosigkeit zumindest für die Zeit seines Londoner Studienaufenthalts in Zweifel zieht, und der gewaltbereite, Bomben bastelnde Vinayak Damodar Savarkar, der später zum ideologischen Wegbereiter des muslimfeindlichen Hindu-Nationalismus und zum Begründer der Hindutva wurde (auf die sich der indische Premierminister Naendra Modi heute wieder bezieht). Savarkar wird – auch wenn er eine nationalistische Ideologie mit Betonung auf hindunationalem Suprematismus begründet hat – historisch durchaus als ambivalenter Charakter gekennzeichnet, der auch wichtige Sozialreformen befürwortet und durchgesetzt hat. Luis Quintana spielt die Figur in Dortmund in all dem Tohuwabohu ruhig und besonnen und daher durchaus nicht unsympathisch, folgt seiner Ideologie aber mit großer Entschlossenheit und schreckt vor manipulativen Aktionen nicht zurück. Mit seiner runden Brille und seiner hellen Erscheinung gleicht Quintana seinem historischen Vorbild sogar optisch. Ebenfalls im India House lebt der Freiheitskämpfer Madan Lal Dhingra (Puah Abdellaoui), der die Erschießung des Chefs des britischen Geheimdiensts und ehemaligen Vize-Königs von Indien William Curzon Hutt Wyllie (Roberto Romeo) plant. Dhingras Großnichte Leena wiederum hat ein Werk über das India House geschrieben und als Schauspielerin in der britischen Kult-SciFi-Serie Dr. Who mitgespielt, die viele Szenen der Dortmunder Aufführung inspiriert hat.

Optisch sind die Szenen im India House und die im London des Jahres 2022 problemlos voneinander unterscheidbar. Im Heute ist es bunt und schrill; die Kostümbildnerin Tanja Maderner konnte sich austoben. Die Szenen aus dem London vor ca. 120 Jahren sind schwarz-weiß dominiert; auch alte Fotos und Filme flimmern über die Bühne. Problematisch wird es, weil weder der Roman noch die Aufführung eine stringente lineare Erzählstruktur aufweisen. Joel argumentiert, lineare Erzählungen würden verschleiern, dass Vergangenheit nicht vorbei sei, sondern strukturell in Institutionen, Denkmustern und Gewaltformen des Heute reproduziert werde. Dann kommt Joel auf Identitätspolitik und Klassismus zu sprechen: Herkunft, Race und Gender beeinflussten unsere subjektive Wahrnehmung. Mit dieser Aussage bedient Joel die ideologische Ausrichtung des Schauspiels Dortmund, das sich in den bisherigen fünf Jahren der Intendanz von Julia Wissert nahezu ausschließlich auf die Themenfelder Rassismus, Kolonialismus und Gender konzentriert hat. Am eine erheblich breitere Themenpalette bearbeitenden und damit auch eine breitere Zielgruppe ansprechenden Düsseldorfer Schauspielhaus hatte Joel vor vier Jahren Sanyals durchaus selbstironischen identitätspolitischen Roman Identitti mit viel Humor auf die Bühne gebracht. Der Humor wirkt bei Antichristie nun erheblich angestrengter. Dabei ist Sanyal in beiden Texten das – manchmal etwas krampfhafte - Bemühen um einen integrativen und versöhnlichen Denkansatz anzumerken. Joel aber glaubt sogar für das Besetzungskonzept eine Erklärung schuldig zu sein. Mit Ausnahme von Durgas verstorbener deutscher Mutter (Katharina Dalichau schwebt einmal Johnny Cash singend vom Schnürboden auf die Bühne hinab) ist zwar keine der Rollen mit einem deutschen Schauspieler oder einer deutschen Schauspielerin ohne Migrationshintergrund besetzt, aber niemand auf der Bühne hat die indische Nationalität. Da wird selbstverständlich über das Thema der kulturellen Aneignung diskutiert. Im Grunde ist diese Passage nichts als ein schlagender Beweis für die spalterische Wirkung sklavischer Bindungen an identitätspolitische Konzepte. Dabei hatte Sanyal in Identitti geschrieben: „Die Hautfarbe ist ganz unwichtig. Sie ist ein Konstrukt, wie jede Rassifizierung ein Konstrukt und ein politisches Instrument ist. Man hat dagegen aufzubegehren.“

Weniger sklavisch geht die Inszenierung im Hinblick auf die erzählte Geschichte vor. Die Szenen aus dem India House und aus dem Londoner Writers‘ Room der Gegenwart werden immer wieder gegeneinandergeschnitten. Mehrfach pflegen Durga und ihr gut einhundert Jahre älteres Alter Ego sogar miteinander zu kommunizieren. Zahlreiche Bezüge zum Nationalsozialismus verweisen auf die globale Bedeutung des Rassismus-Themas – insbesondere auch für Deutschland – und auf die sich in unterschiedlichen Konstellationen wiederholende Geschichte von Nationalismus und Imperialismus. Elemente einer Krimi-Handlung fließen in die Inszenierung ein und wirken (wohl ungewollt) als Störer: Neben Agatha Christie finden auch Chesterton und andere britische Krimi-Autoren Erwähnung; Sherlock Holmes und Dr. Watson tragen persönlich zur Aufklärung des Falles bei. Die Zusammenarbeit der irischen Sinn Féin mit den indischen Revolutionären wird kurz (kaum erschöpfend genug, um verstanden zu werden) gestreift; kritische Anmerkungen zu Nietzsche, dem den Kolonialismus rechtfertigenden Hegel und anderen Philosophen sowie sach- und lehrbuchartige Passagen zur postkolonialen Debatte werden in rasendem Tempo heruntergerattert, die Frage nach der Hindu-German Conspiracy (während des 1. Weltkriegs vom Deutschen Kaiserreich unterstützte und geförderte Aktionen indischer Unabhängigkeitskämpfer zur Erschütterung der britischen Kolonialherrschaft) wird aufgelöst, Referenzen an „Dr. Who“ und diverse Filmzitate wollen entschlüsselt werden und so weiter und so fort. Der Geist der Zuschauenden mag willig sein, aber die Vermutung scheint nicht allzu gewagt, dass der Geist der Jüngeren noch nicht genug Wissensfutter bekommen hat, um zu verstehen, und der Geist der Älteren zu langsam geworden ist, um dem sagenhaften Tempo zu folgen.

Bei der Lektüre des Romans hat man anders als im Theater die Chance, nebenbei ein wenig zu recherchieren, was nicht nur hilfreich, sondern geradezu notwendig erscheint. Merkwürdig aber ist, dass einem trotz all der Überforderung in den drei Dortmunder Stunden nicht langweilig wird. Die dreigeteilte Bühne (in der Mitte Writers‘ Room oder India House, rechts und links kommentierende oder illustrierende Film- und Fotoaufnahmen), großartige (auch manchmal nervende) Popmusik, im laufenden Spiel erfolgende Kostümwechsel – der Erlebniswert der Aufführung ist groß. Und so ist denn auch der Rezensent am Ende mit versöhnlichen Gedanken heimgefahren.