Übrigens …

Viermal ICH im Theater Duisburg

Frau im Spiegel

Man(n) nimmt den Roman, schmökert ein paar Seiten darin herum - und schämt sich seines Gedankens: Hatte Thomas Mann nicht irgendwie recht? Der arrogante … naja: nennen wir ihn Dichterfürst, um andere, nicht zitierfähige Vokabeln zu vermeiden, Thomas Mann also attestierte der Literatur dieser Autorin einen „penetranten Weibsgeruch“. Er meinte das Roman-Debüt der jungen Dame. Vor uns liegt nun ihre Nummer zwei. Dezidiert, vielleicht über die Maßen feminin, wie es auf den ersten Blick scheint. Dass er auch dezidiert feministisch ist, merkt man ein paar Seiten später. Und dann - was für ein Roman! Was für eine Entdeckung!

Ein schmaler Band ist es nur, der seine Geschichte auf knapp 200 eher kleinformatigen Seiten ausbreitet. Selbst nach heutigen Maßstäben ist er hochmodern konstruiert. Er verwandelt sich von einem geradezu wirren Bewusstseinsstrom, einem sprunghaften Werfen von Schlaglichtern in eine spannend erzählte, hochemotionale Geschichte, immer wieder unterbrochen von selbstreflexiven Gedanken, skrupulösen Stockungen, angstbesetzten, sehnsuchtsvollen, hasserfüllten Regungen. Wirr, sagten wir? Jedes Wort sitzt an der richtigen Stelle. Jeder Halbsatz ist von Bedeutung - manchmal aber verrätselt, von doppelter, mehrfacher Bedeutung und Beziehung. Alles zusammen ergibt ein Porträt einer Gesellschaft, einer Zeit, die wir heute die „Goldenen Zwanziger“ zu nennen belieben. Die zweite Hälfte der 1920er Jahre bot jungen Frauen nie zuvor gekannte Freiheiten. Maria Lazars Viermal ICH zeigt auf, in was für erbarmungslos patriarchalischen Systemen sie dennoch gefangen waren. Ein feministisches Aufbegehren, wie es der Autorin in ihrem Roman gelingt und wie es manche ihrer Protagonistinnen versuchen, war zum Scheitern verdammt.

Lange war die österreichisch-jüdische Autorin Maria Lazar vergessen. Auch der vorliegende Roman, den die junge Regisseurin Ariane Kareev für den Theaterdiscounter Berlin und das Theater Duisburg auf die Bühne gebracht hat, war verschollen. Gegen Ende der 1920er Jahre hatte die Autorin das ungedruckte Manuskript dem Wiener Zsolnay-Verlag sowie einigen Schweizer Literaturverlagen angeboten. Sei es vor dem Hintergrund zunehmender antisemitischer Tendenzen in der österreichischen Kulturpolitik, sei es, wie andere meinen, vor dem Hintergrund des kleiner werdenden Marktes für jüdische Literatur (das Deutsche Reich fiel als Abnehmer zunehmend aus) kam eine Veröffentlichung nicht mehr zustande. Maria Lazar publizierte ab 1930 unter dem Pseudonym Esther Grenen (Viermal ICH war ihr letztes unter ihrem Klarnamen geschriebenes Werk) und emigrierte 1933 gemeinsam mit Bertolt Brecht und Helene Weigel nach Dänemark sowie später nach Schweden und nahm sich 1948 - wohl unter dem Joch einer schweren Krankheit - das Leben. Viermal ICH und andere unveröffentlichte Werke tauchten erst nach dem Tod ihrer Tochter im Jahre 2022 in einem Koffer aus Marias Nachlass auf, den ihre Enkelin Kathlen Dunmore in ihrem Heim in Nottingham öffnete.Viermal ICH - das sind neben der namenlosen Ich-Erzählerin die Schulfreundinnen Grete, Ulla und Anette, vier junge Mädchen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und mit krass unterschiedlichen Charakteren. Entstammt die Erzählerin offenbar der oberen Mittelschicht, so ist Anette im ärmlichen Frisiersalon ihrer Mutter aufgewachsen. Ulla, künftige Medizinstudentin („wie ein Salzfelsen - und beißend gescheit“), ist Tochter eines verarmten Arztes, der illegale Abtreibungen durchführt. Vor allem aber ist da Grete, die nach Milch und Mandelseife duftende höhere Tochter, „so blondgelockt, wie es sonst nur Puppen oder Engelchen auf Ansichtskarten sind“. Wenn Grete, „immer und allzeit genau wusste, wie man sich sehnte, sie zu besitzen“, so steht das „man“ für die Ich-Erzählerin ebenso wie für junge und alte Männer - und gibt selbstverständlich Anlass zu Eifersucht und Intrigen. Denn Grete ist schön, passiv und distanziert. Frauen wie Grete sprechen nicht. … - Gemeinsam, aber ohne Vorbilder aus der vorangegangenen Generation reifen die vier zu jungen Frauen heran auf der Suche nach einer weiblichen Identität, die ihren individuellen Veranlagungen angemessen erscheint. Das bezieht sich bei Lazar vor allem auf den Umgang mit der Liebe, der ebenfalls von allen vier Damen auf vollkommen unterschiedliche Weise gepflegt wird. Die Ich-Erzählerin scheint die Orientierungsloseste zu sein - sie schenkt ihr Herz den Liebhabern und Ehemännern der anderen.

Ob eine der vier wirklich lieben kann? Oder ob alle nur eine Mischung aus Abenteuer und Versorgung suchen? Sie suchen jedenfalls eine eigene Identität, was bei Ulla und Anette und zumindest im Wunschdenken der Ich-Erzählerin durchaus feministisch grundiert ist, auch wenn nicht alle Rollenbilder, die die Mädchen vor 100 Jahren anstrebten, den feministischen Idealen des 21. Jahrhunderts entsprechen. Ulla bringt den Zwiespalt zwischen permissivem Spiel und patriarchalischer Realität in den 1920ern auf den Punkt: „Die sogenannte Freiheit der Frau, ein aufgelegter Schwindel.“ Der Roman thematisiert die Zwänge und Zuschreibungen der damaligen Zeit, aber auch die Nöte der weiblichen Sexualität: Lust und Angst, Menstruation, Schwangerschaften und Abtreibungen, Abhängigkeit von der Macht der Männer, die sich ungefragt nehmen, was sie wollen, rasende Schwärmerei und die unbewusste Erkenntnis, dass die große Liebe meist auf Selbsttäuschung und Verdrängung beruht. Pädophile und inzestuöse Beziehungen werden angedeutet, kurzfristig droht ein Prostituierten-Schicksal. Heute ist man überrascht, wie offen (wenngleich elegant) all diese Themen bereits vor 100 Jahren in der Literatur behandelt werden konnten. Aber erinnern wir uns: Es war die Zeit von Freud. Seine Einflüsse sind im Roman deutlich zu spüren – und zwar im fünften ICH.

Dabei handelt es sich um eine Art Spiegel-Ich, so wie Regisseurin Ariane Kareev es schon in ihrer fulminanten Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs „Antigone“-Überschreibung am Schauspiel Dortmund verwandt hat (siehe hierSpiegel spielen eine große Rolle in Lazars Roman, Spiegel bilden auch ein dominierendes Element der Bühnenausstattung von Ariane Kareevs Duisburger Inszenierung. Im Ballett-Outfit dreht sich Greta Winkler in der Auftakt-Szene der Aufführung vor zwei großen Spiegeln zu Tschaikowskis „Schwanensee“. Winkler spricht auch größere Teile des Roman-Texts - mal im Wechsel mit Hannah Heinzelmann, die den größten Textanteil bewältigt, mal chorisch, mal einander ergänzend. Sie, die Tänzerin, agiert auch schon mal pantomimisch. Vor allem aber gibt sie „die Fremde“. Immer wieder taucht diese für die Erzählerin überraschend auf und schaut ihr zu, sie „tut überrascht und weiß doch alles sehr genau“. Die Fremde steht sinnbildlich für das freudianische „Es“ - das Unbewusste, das irgendwann an die Oberfläche der Persönlichkeit drängt. Hannah Heinzelmann hängt Spiegel ab, dreht sie um und sucht auch immer wieder den Blick hinein. Einmal verstecken sich beide Schauspielerinnen in silbern verspiegelten Schränken; Koffer und sogar manche Kostüme reflektieren das Licht. Häufige Kostümwechsel reflektieren nicht nur den Alterungsprozess der Figuren, sondern sie erzählen etwas über deren Seelenzustände. Unter wuscheligen Perücken, mit denen die Schauspielerinnen spielen, lugen kleinste Gliedmaßen hervor - das reale Ich scheint verkümmert unter den Versuchen, eine Rolle im Leben zu spielen. Verstreut über den gesamten Bühnenboden liegen Gliedmaßen, Prothesen von Armen, Beinen, Füßen und wollen vergeblich zusammengesetzt werden zu einem heilen, sich seiner Identität gewissen Menschen.

Kareev inszeniert nah am Text und hat doch ausgesprochen geschickt gekürzt. Die schlaglichtartige Erzählweise, der Charakter des Gedankenstroms bleibt erhalten, und doch entwickeln die beiden Schauspielerinnen auch einen spannenden Plot voller Sehnsucht und Tragik, voller Betrug und Verrat, voller Täuschung und Schuld. Die vier Freundinnen suchen nach Unabhängigkeit und geraten in unauflösbare Abhängigkeiten. Lazars Roman lässt einen hoffnungsvollen, wiewohl nicht allzu emanzipierten Ausblick auf das Leben der Ich-Erzählerin zu. Kareev lässt ihre Erzählung eine halbe Seite vorher enden: „… in Spiegeln und Schaufenstern sah ich immer nur eine Gestalt. … Die Fremde. Mich. Die Einzige“. Viermal ICH endet in Duisburg mit einer einzigen Siegerin: dem Un- und Schuldbewussten, dem man nicht entkommt.