Übrigens …

Frühlings Erwachen im Schauspielhaus Düsseldorf

Über die Wandlung des Lebensgefühls der Jugend

Schon zu Beginn hören wir angenehme, leise Gitarrenmusik (Live-Musik von Thorsten Drücker), die uns den ganzen Abend begleiten wird. Frank Wedekinds Frühlings Erwachen wurde 1906 in Berlin uraufgeführt. In dieser „Kindertragödie“, so der Untertitel, spielten Kinder zum ersten Mal im Theater eine Hauptrolle. Das Stück erzählt die Geschichte mehrerer Jugendlicher in der Pubertät, von ihren Interessen, Sorgen und auch den Konflikten mit der Intoleranz der Erwachsenen. Bonn Park, Dramaturg und Regisseur, sieht in dem Stück Parallelen zu unserer Zeit. So bietet sich zum Beispiel der Aspekt des rasanten technischen Fortschritts an, der - natürlich damals in anderer Weise als heute – die Menschen unter Druck setzt. Wer kommt besser damit zurecht, die junge oder die alte Generation? Ein weiterer Aspekt: Natürlich haben die Teenager, damals wie heute, auch erste Kontakte zum anderen Geschlecht und erforschen ihre Sexualität. Ein Aspekt, der damals Wedekinds Drama als obszön in Verruf brachte.
Die Bühne in der Düsseldorfer Inszenierung zeigt einen ungewöhnlichen Spielplatz. Eine gelbe Rutsche führt in den Orkus, wie man später lernen wird. Eine blaue Wippe endet in einer Mauer, die den Spielplatz umgibt. Eine rote Schaukel hängt an einem kahlen Ast. Über der hohen Mauer sehen wir eine Art Schulgebäude. In Bonn Parks Version von
Frühlings Erwachen werden die fünf Kinder bzw. Jugendlichen von Senioren im Alter von zwischen 70 und 80 Jahren gespielt. Petra Lehmann gibt die humorvolle Wendla, Hartmut Misgeld den schwermütigen Melchior, Gregor Russ den überwältigten Moritz, Maria Pehe ist die bange Martha und Brigitte Fieber die verlorene Ilse. Die Erwachsenen werden von zwei Schauspielern des Hauses gespielt: Caroline Cousin spielt sowohl Melchiors als auch Wendlas Mutter. Valentin Stückl spielt den Direktor der Schule und den Psychiater. Beide laufen auf Stelzen, was auch optisch die Kluft zwischen Jugendlichen und Erwachsenen betont.
Die Kinder sprechen die Sprache der heutigen Jugend. So fragt Wendla Melchior „Wollen wir rummachen?“. Und Melchior sagt, dass er cool sei. Von Wedekind wissen wir: diese Liebe nimmt kein gutes Ende. Wendla wird schwanger und stirbt bei einer Abtreibung. So wird der erste Sarg die gelbe Rutsche hinabgleiten und der erste Grabstein aufgestellt werden. In Bonn Parks Fassung sterben noch weitere Teenager. Der Musiker spielt immer wieder emotionale Songs wie „Bitte gib mir nur ein Wort“ von der Gruppe Helden. Man kann sich in diesen Momenten nicht einer gewissen Rührung entziehen.
Bonn Park spricht von einer „Dramaturgie der Unklarheit“, wenn er die Gefühle von Verlorenheit und Verunsicherung in den Dialogen und in der Musik durchschimmern lässt. Aber da ist auch die Angst, ignoriert zu werden.

Ein gewiss ungewöhnlicher Abend, der berührt. Nicht zuletzt durch die musikalische Begleitung, aber auch durch die sehr engagiert spielenden Senioren, die alle Laiendarsteller sind. Zu Recht herzlicher Applaus.