Das Ich ist nicht Herr in seinem eigenen Haus
Eine große weiß gestrichene Guckkastenbühne mit wenigen schwarzen Akzenten gibt den surrealen Rahmen für Kafkas Traumwelt. An schwarzen Baumgerippen weisen schwarze, zunächst unbeschriftete Wegweiser ziellos in diverse Richtungen. Fünf schwarzgerandete weiße Türen lassen das gesamte Personal rein und raus, nur für die Kafka-Figur versperren sie sich von außen durch blassrote Ziegelwände. Ein klassischer Flügel, eine antike Schreibmaschine auf einem spirrigen Tischchen mit Stuhl, ein schwarzes Stahlbett auf Rollen und eine sperrige Bockleiter - alles in Schwarz - bleiben alles an Requisiten über das dreistündige Geschehen.
Der Pianist (Yaromy Bozhenko) erscheint im Frack mit langer, gefiederter Schleppe, nimmt Platz am Flügel und begleitet wie in Stummfilmzeiten das zunächst sprachlose Geschehen mit einem Potpourri aus Ragtime bis Bach. Sieben Figuren bewegen sich mehr oder weniger planlos, in marionettenhafter Choreographie zwischen den Bäumen, bestaunen mit wirrem Gebabbel und Gemurmel ein einziges weißes Blatt an einem Baum, das sich später lösen wird. Der Regisseur Andreas Kriegenburg liefert damit gleich zu Beginn ein kafkaeskes Bild-Zitat als Metapher für Vergänglichkeit und Verlorensein. („Kraftlos wie das Blatt im Herbstwind sich von seinem Baum entfernt.“ Kafka, Ein altes Blatt)
Dann kommen sie zur Ruhe, finden zueinander: vier Männer und eine Frau in dunkler Festkleidung, eine in strahlendem Weiß, alle mit riesigen Maskenköpfen in unfreundlichen Grautönen. Nur einer in schwarzem Anzug mit Hut, ohne Puppenkopf, kalkweiß geschminkt, wie eine Figur aus der Stummfilmzeit, ein bisschen Buster Keaton. Es ist die Titelfigur: Kafka im Halbschlaf, der im Traum den Figuren seines eigenen erzählerischen Werkes begegnen wird (hinreißend gegeben von Pauline Kästner). Schon 2008 hat Kriegenburg bei seiner ersten hoch gelobten Kafka- Arbeit in den Münchner Kammerspielen seine Kafkafigur gleich siebenfach in dieses Keaton-Outfit gesteckt und damals wie heute damit angedeutet, dass es nicht nur tiefernst, sondern auch ab und an bizarr humorvoll zugehen kann bei den kafkaesken Absurditäten. Zweifellos aber können Kostüm und Bühne eine kunstvolle Abkoppelung von der alltäglichen Wirklichkeit bewirken. Eins ist sicher: die Welt dieses Abends ist eine Zwischenwelt zwischen Traum und Wachen, die weder eine Biographie, noch eine Werkschau Kafkas präsentieren will.
Eine geniale Idee, den Autor – quasi im Halbschlaf - seinen eigenen Kunst-Geschöpfen begegnen zu lassen. Wobei es nicht uninteressant ist, dass Kafka als Meister der Selbstbeobachtung in seinen Tagebüchern und Briefen an seine Braut Felice Bauer selbst detailliert von seinen nächtlichen Visionen und Inspirationen berichtet, von der Bedeutung seiner Träume für sein Werk, die er immer wieder zwischen Schlaf und Wachen notierte.
Doch nicht nur Traum und Wachen, auch Fiktion und Lebenswirklichkeit greifen im Werk wie auch auf der Bühne ineinander. Da sind die Ängste und Erniedrigungen des Autors durch die übermächtige Vaterfigur, die sich durch Kafkas Leben und Werk ziehen; die in Das Urteil und Der Geier fiktiv verarbeitet, auszugsweise bedrohlich auf die Bühne gebracht werden. (Ergreifend Cathleen Baumann als vom Geier befallene Mutter). In diesem Sinne setzt der Brief an den Vater, der zunächst die Lebenswirklichkeit meint, dann zur Kunstform wird, einen eklatanten Höhepunkt des Abends. Pauline Kästner dramatisiert nach der Pause diese Auseinandersetzung mit den Traumata des Autors in einem ergreifenden, vierzigminütigen Monolog bis zur völligen Erschöpfung; während der Vater (virtuos: Rainer Philippi) gleichzeitig aus scheinbarer Ohnmacht einer zittrige Greisenfigur im Nachthemd zum riesigen Vatermonster heranwächst und den restlos verstörten Sohn mit Kafka-Texten - teils aus Das Urteil teils aus dem Brief - völlig vernichtet.
Doch zu diesem hochdramatischen Schlussteil führt ein quicklebendiger erster Teil. Nach dem stummfilmhaften Prolog mit Musik, Slapstick und Pantomime zeigen sich die Figuren in ihrer Werkbedeutung: da erscheint der Prokurist mit Zylinder aus Die Verwandlung (arrogant: Alexander Wanat), dessen Beschimpfungen sich unser Traum-Kafka irritiert anhört, ohne als Ungeziefer im Bett liegen zu müssen, wenn auch der Prokurist glaubt, eine „Tierstimme“ wahrzunehmen.
Ähnlich die Verfremdung, wenn Der Landarzt (Jürgen Sarkiss) erscheint und den Patienten mit seiner vulpaähnlichen Seitenwunde gleichsam kreuzigen lässt. Der einzige Farbfleck im Geschehen. Ein Zeichen, dessen Bedeutung sich mir nicht wirklich erschließt. Vielleicht ein Bild für das Ende des betrogenen Helfers, der seine Magd opfert, die mit dem Satz: „Man weiß nicht, was für Dinge man im eigenen Hause vorrätig hat.“ auf die Freud‘sche Idee verweist, dass „das Ich nicht Herr im eigenen Haus“ sei. In diesem Sinne wird auf einem der in die Irre leitenden Wegweiser aus dem Ich ein ins N-ich-TS führender Hinweis.
Mehrfach tritt Minna Wündrich im festlich weißen Kleid als starke, selbstbewusste Braut/Gespenst auf (Ein Gespenst) und schafft aus diversen Kafka-Zitaten - seien sie aus Eine alltägliche Verwirrung, Das Schloss oder Unglücklichsein - einen Bogen um all die Ort und Zeit verrückenden Geschehnisse. Wobei es nicht immer ganz kafkatreu ausgehen muss. So darf der stark autobiographische Georg Bendemann, den Kafka am Ende von DasUrteil auf Geheiß des Vaters ins Wasser „hinabfallen“ lässt, dem Traum-Kafka auf die Frage , ob er gerettet wurde, ein wenig kryptisch antworten: „Ich bin ein ausgezeichneter Schwimmer. Schon immer gewesen.“ Und demonstrativ bleibt er – gleichsam als Alter-Ego - auf der Bühne.
Am Ende – nach der verzweifelten Anklage, Selbstbeschuldigung und Rechtfertigung des Alpträumenden in seinem Brief ab den Vater - gehört das Schlusswort dem „Schreckbild seines Vaters“, der den Sohn als Ungetüm von oben herab mit dem „Vorwurf der Unaufrichtigkeit, der Liebedienerei, des Schmarotzertums“ beschimpft. Da bleibt es dem Beschimpften nur noch, sich in Unterwäsche im Bett zu verkriechen und auf Rettung im Aufwachen zu hoffen.
Für Kafka-Kenner ein grandioser Abend, für alle anderen ungewöhnliches, kunstvolles Spiel um Traum und Wirklichkeit, um Macht und Ohnmacht.Das Publikum feierte die Aufführung mit Jubel und Standing Ovation - allen voran für Pauline Kästner, Rainer Philippi und den Erfinder des Ganzen, Andreas Kriegenburg.